> > > Llobet, Miguel: Evocacions
Samstag, 20. Juli 2019

Llobet, Miguel - Evocacions

Der Sommer, der Wein und die Gitarre


Label/Verlag: Stradivarius
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kaum jemand kennt sie nicht. Die Werke der Komponisten Albéniz und Granados, die für viele das romantische Spanien, das Spanien Merimées und seiner Carmen mit schönen Zigeunerinnen und stolzen Gutsherren, Stierkämpfern und liebeskranken Soldaten repräsentieren. Die ?Suite espanÞola? von Albéniz oder die ?Danzas? von Granados verkörpern genau dieses romantische Bild Spaniens, das sich aus der Musik Andalusiens genährt hat und nicht nur Komponisten Südspaniens, sondern auch Katalanen wie Albéniz und Granados, Basken wie Ravel, Russen wie Rimsky-Korssakoff und nicht zuletzt die Franzosen ? am berühmtesten unter ihnen Bizet mit seiner Oper Carmen ? inspirierte. Die Gitarre, auch wenn sie gar nicht in den Stücken dieser Komponisten erklingt, ist dabei oft zumindest in der Imagination der Zuhörer präsent, identifiziert man mit ihr doch oft die spanische Musik schlechthin.

Sowohl Albéniz als auch Granados spielten selbst jedoch nicht Gitarre und haben auch nicht für dieses Instrument komponiert. Dafür haben andere Komponisten ihre Stücke umso eifriger für die Gitarre transkribiert und somit eine Klangvorstellung von deren Stücken geschaffen, die zwar dem Klischee, nicht aber den Originalkompositionen entspricht.
Der Katalane Miquel Llobet, einer der größten Gitarrenvirtuosen des 19. Jahrhunderts, nimmt unter den Komponisten für Gitarre eine Sonderstellung ein. 1878 in Barcelona geboren, studierte er bei Alegre und Tàrrega. Seine Kompositionen und Transkriptionen sind einer der großen Meilensteine in der Gitarrenliteratur und geben Zeugnis von der ausgefeilten Kunst und dem Virtuosentum Llobets, der immer von einem tiefen Verständnis für sein Instrument und dessen Möglichkeiten ausging. Ähnlich wie vor ihm der Katalane Ferran (hispanisiert: Fernando) Sor widmete sich Llobet voll und ganz den Klang- und Ausdrucksmöglichkeiten der Gitarre, die er keineswegs als folkloristisches Instrument benutze. Gerade seine Transkriptionen katalanischer Volkslieder wie ?Plany? (1899) oder ?El Testament d'Amèlia? (1900) machen den innovativer Zugang Llobets deutlich, insbesondere auch, da die Gitarre in der reichen musikalischen Tradition Kataloniens keine Rolle spielt. Sein Werk ?El Mestre? (1910) , ebenfalls ein Volkslied, ist ein Schlüsselwerk in seinem Oeuvre, das sich bis hin zu seinem letzen Stück ?La cançó del lladre? (1927) stringent weiterentwickelte und an Raffinement und Transparenz zunahm.

Evocacions, was im Katalanischen Anrufungen oder Beschwörungen bedeutet, ist der schlichte Titel, unter dem das Label stradivarius die gesamten Transkriptionen gesammelt hat, die Llobet von der Musik Albénizs und Granados anfertigte. Und die gesamte Scheibe klingt auch wie eine Beschwörung ferner Phantasien: Virtuos führt die Sprache Llobets in die die phantastische Szenerien nächtlicher Lagerfeuer vor Granada oder in den andalusischen Bergen, wie man sich diese bei Carmen oder dem Barbier von Sevilla vorstellen möchte. Das Instrument zumindest ist stimmig, stünde dem nicht der elaborierte und ausgesprochen avanciert-elegante Anspruch der Kunstmusik Llobets entgegen. Llobet hat nicht nur die Stücke der anderen Komponisten an die Möglichkeiten der Gitarre angepasst, sondern ihnen innerhalb des Ausdruckspektrums des Instruments einen vollkommen neuen Zugang eröffnet. In der Musik Llobet erscheinen die Stücke wie für die Gitarre geschrieben und aus der Feder Llobets geflossen.

In Zusammenarbeit mit dem Ajuntament de Barcelona (Rathaus der Stadt Barcelona), dem Institut de cultura und dem Museu de la Música (Kulturinstitut und Museum für Musik) der Stadt ist es möglich gewesen, für diese Aufnahme eine der 18 Gitarren Llobets aus dem Bestand des Museums zu holen. Der italienische Gitarrist Stefano Grondona leistet Beachtliches auf diesem historischen Instrument, das gegenüber den modernen Konzertgitarren durch einen kleineren, dafür aber weicheren und volleren Klang in Erscheinung tritt. Genau auf diesen Klang lässt sich Grondona ein und überrascht mit einer ausgesprochen flüssigen Technik der linken Hand sowie einem ausgesprochen schönen Legato. Geforderte Effekte wie Flageolet-Töne bedient er virtuos und mit dem Gespür für das richtige Maß. Dabei nimmt er sich so weit zurück, dass die Stücke wie von selbst wirken können. Allein an Spannung fehlt es der Aufnahme doch ein wenig. Dafür kann man sich nichts Besseres wünschen, als in einer lauen Sommernacht mit dieser Musik auf seinem Balkon zu sitzen, auf die leeren Gassen seiner Stadt zu schauen und zu träumen.

Dafür, dass das Vergnügen auch seinen fundierten Hintergrund bekommt, sorgt das mehrsprachige Booklet der CD. Deutsche Texte fehlen leider, der hervorragende Text ist aber zumindest auf Spanisch Italienisch und Englisch zugänglich. Auch die Aufnahmequalität ist hervorragend. Der Ton des Instruments wird in seiner ganzen Bandbreite erfasst und präsent im Raum wiedergegeben. Also braucht es nur noch ein Flasche Wein, den Sommer und einen Balkon, um glücklich zu sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Llobet, Miguel: Evocacions

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Stradivarius
1
24.11.2006
55:41
2000
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
8011570336583
STR 33658


Cover vergössern

Albéniz, Isaac


Cover vergössern

Stradivarius

Das 1988 gegründete Label STRADIVARIUS hat sich auf dem internationalen Markt als unabhängige Schallplattenfirma durchgesetzt, die vor allem auf zwei musikalische Gattungen spezialisiert ist: klassisch - aus der Renaissance und dem Barock - (mit der Reihe Dulcimer) und zeitgenössisch (mit der Reihe Times Future). Diese programmatische Entscheidung kommt aus dem Willen, eine ganz bestimmte und bezeichnende Rolle im heutigen Schallplattenumfeld zu spielen. Insbesondere hat STRADIVARIUS immer das Ziel verfolgt, den Vorrang italienischen Komponisten und Interpreten zu geben, um die bemerkenswertesten italienischen Kulturdarsteller auf aller Welt kennenlernen zu lassen.

In einem weiten Bereich ist STRADIVARIUS tätig: geistige, säkulare, Vokal-, Instrumental-, Solo-, Kammer- und Orchestermusik. Es gibt viele Beispiele seltener Registrieren, die als außerordentliche Kunstwerke weltweit betrachtet werden, wie zum Beispiel die Serie Un homme de concert, die die Zusammenarbeit mit dem berühmten Sviatoslav Richter offiziell festgelegt hat.

Was das zeitgenössische Repertoire betrifft, ist STRADIVARIUS im Laufe der Jahre, dank der Reihe Times Future, ein Bezugspunkt geworden, indem sie Werke von Franco Donatoni, Salvatore Sciarrino, Bruno Maderna, Goffredo Petrassi, Ivan Fedele, Luis De Pablo, Toshio Hosokawa und viele andere veröffentlicht hat.

Bruno Canino, René Clemencic, Alan Curtis, Emilia Fadini, Monica Huggett, Lucas Pfaff, Arturo Tamayo, Maggio Musicale Fiorentino, Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Orchestra Verdi di Milano, Orchestre Philarmonique de Radio France, Orquesta y Coro de Madrid: Sie sind nur einige der Musiker und Formationen, die CDs für STRADIVARIUS aufgenommen haben.

Mit der Zeit ist das Bedürfnis entstanden, den Verlegervorschlag weiter zu diversifizieren; dadurch sind wichtige Reihen geboren, und zwar Guitar Collection (unter der Leitung von Frédéric Zigante), Ricordi Oggi (Ergebnis der Zusammenarbeit unter Stradivarius, dem Ricordi Universal Verlag und den Erben des Malers Emilio Tadini) und Milano Musica Festival (in Zusammenarbeit mit Milano Musica und RAI Radio3). Letzte in zeitlicher Reihenfolge ist die Landscape Serie, mit der STRADIVARIUS ihre Bereitschaft beweist, innovative Projekte zu verwirklichen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Stradivarius:

  • Zur Kritik... Erkundung klanglicher Zwischenbereiche: Marco Fusi widmet sich auf seiner neuesten CD den solistischen Werken für Violine und Viola von Salvatore Sciarrino. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Exquisit: Eine gehaltvolle Platte, deren Programm unterstreicht, wie intensiv die Renaissance aus dem Altertum inspiriert war, über eineinhalb Jahrtausende hinweg. Darüber hinaus ein feines Ensemble-Porträt von De Labyrintho. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Vom Klavier zur Stimme und zurück: Eine außerordentlich gut konzipierte CD von Stradivarius befasst sich mit dem Schaffen zweier italienischer Komponisten des 20. Jahrhunderts. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Stradivarius...

Weitere CD-Besprechungen von Miquel Cabruja:

  • Zur Kritik... Schönheit und symbolische Tiefe: Krzysztof Warlikowski verband in Paris Bartóks 'Herzog Blaubarts Burg' mit Poulencs Telefon-Oper 'La voix humaine'. Weiter...
    (Miquel Cabruja, )
  • Zur Kritik... Bis heute modern: Dieser 'Tribut in fünf Balletten' zeigt die russische Tänzerin Maya Plisetskaya in bedeutenden Rollen. Weiter...
    (Miquel Cabruja, )
  • Zur Kritik... Entschieden zu wenig: 2003 ließ sich die Opéra Garnier durch Edgar Degas' Plastik 'La petite danseuse de quatorze ans' zu einem Ballett inspirieren, das 2010 auf Film festgehalten wurde. Weiter...
    (Miquel Cabruja, )
blättern

Alle Kritiken von Miquel Cabruja...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Appetitanreger: Ivan Repusic und das Münchner Rundfunkorchester gratulieren Franz von Suppé mit einem Ouvertüren-Bouquet zum 200. Geburtstag. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Inspiriert: Das United Continuo Ensemble befreit Johann Erasmus Kindermann gemeinsam mit Ina Siedlaczek und Jan Kobow aus seinem Schicksal einer bloß historischen oder papierenen Größe: inspirierte Musik, köstlich gesungen und gespielt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Heinrich von Herzogenberg: Quintett op.43 - Adagio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich