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Dienstag, 5. Dezember 2023

Reger: Complete Organ Works, Bach Arrangements - Rosalinde Haas, Orgel

Pionierleistung wiederaufgelegt


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rosalinde Haas' Einspielung von Max Regers Orgelwerken ist von zeitlosem Wert.

In Orgelkreisen hatte Rosalinde Haas (geb. 1932) zwischenzeitlich den Spitznamen der ‚Rasenden Rosi‘ – weil sie durch ihre unglaubliche Virtuosität Orgelmusik in einem Tempo spielen konnte, bei der viele andere nur neidisch erröten konnten. Dass sie keineswegs eine Virtuosin, sondern eine genaue Kennerin der Materie war, hat sich in Kennerkreisen mittlerweile herumgesprochen – nur das Instrument, auf dem sie viele ihrer Einspielungen gemacht hat, wird heute noch kontrovers diskutiert. Es handelt sich um eine 1983 erbaute Albiez-Orgel, die für ‚ihre‘ Gemeindekirche ‚Mutter vom guten Rat‘ in Frankfurt-Niederrad entstand.

Haas war die erste Organistin, die Max Regers gesamtes Orgelschaffen auf CD vorgelegt hat – bis heute unübertroffen schlank auf nur 12 CDs. Dabei hat sie keineswegs eine Choralphantasie an die andere geklebt und Choralvorspiele oder Orgelstücke auf andere CDs ‚verbannt‘ – vielmehr ging es ihr immer darum, eine musikalische Logik zu schaffen.

Bis heute ist Reger vor allem für sein Orgelschaffen bekannt, auch wenn dies keineswegs seiner umfassenden Bedeutung als Komponist entspricht. Doch bieten die Orgelwerke für jede Entwicklungsstufe angehender Organisten hinreichende Herausforderungen, und diese Kompositionen gehören auf den etablierten Lehrplan deutscher Musikhochschulen (ganz anders als andere Gattungen, in denen man sich der Öffentlichkeit noch unmittelbarer präsentieren muss, als Kammermusiker, als Liedsänger oder im Klavierrepertoire). Dass Chorsymphonik und Orchestermusik nicht kanonisch sind (die Mozart-Variationen vielleicht ausgenommen), liegt an der immensen Sorgfalt, die man auf die Einstudierung verwenden muss, ohne dass es das Publikum ggf. am Schluss hinreichend danken würde (doch ist das bei herausragenden Interpretationen meist ein Mythos, von jenen aufgestellt, die sich Regers Idealvorstellungen nicht einmal approximativ nähern können).

Choralphantasien, freie Phantasien, häufig mit Schlussfuge, je zwei Sonaten und zwei Suiten, dazu eine Vielzahl an kleineren Stücken, teils eher freieren Charakters, aber auch in Gestalt tradierter Formen gegossen oder auch Choralvorspiele bieten eine große Vielzahl an Möglichkeiten und Herausforderungen. Die in den 1960er-Jahren entstandene ‚Reger-Gesamtausgabe‘ (die, ohne äußere Förderung, einzig auf der Initiative des Verlags Breitkopf & Härtel fußte, aber von einer echten wissenschaftlichen Edition weit entfernt war) ist mittlerweile in musikphilologischer Hinsicht von der Reger-Werkausgabe (Carus) abgelöst worden, deren Ruf sich aber noch nicht überall herumgesprochen hat. Rosalinde Haas, die im Rahmen ihrer Gesamteinspielung mit dem Max-Reger-Institut in Kontakt trat, konnte sich von einigen liebgewordenen Gewohnheiten der Breitkopf-Ausgabe nicht lösen, so dass wir in der vorliegenden Einspielung auch Werkfassungen finden, die Reger verworfen oder sogar abgelehnt hat. Von der letzten großen Phantasie und Fuge d-Moll op. 135b fehlt gar die einzige von Reger autorisierte Version des Erstdrucks, die von der Fassung nach dem ‚Urtext‘ (den Reger in dieser Gestalt verworfen hat) substanziell abweicht.

Wie damals noch aus LP-Zeiten üblich, stellte Haas für jede einzelne CD eine durchdachte Zusammenstellung zusammen, zu der das umfangreiche Booklet eine Konkordanz bieten muss, da der Hörer sonst fast rettungslos verloren ist. Diese Art der Zusammenstellung vermeidet Uniformität und bietet immer wieder Platz zur Neuentdeckung.

Auch Regers Bach-Bearbeitungen für Orgel spielt Haas nicht etwa chronologisch oder nach Gattungen sortiert – dies bedeutete auch für die Interpretin immer wieder ein Atemschöpfen und eine Erfrischung der Imagination. Sie ist eine vorbildliche Interpretin dieses Repertoires, und ihre Orgel ist für Bach-Reger denn auch besser geeignet als für manches originale Reger-Werk. In einem neuen Essay für das ansonsten unveränderte, teilweise nachlässig veraltete Booklet berichtet Werner Dabringhaus von den Aufnahmesitzungen, die die stupende, fast traumwandlerische technische und musikalische Beherrschung der Musik durch Haas widerspiegelt und die wir auch als Hörer wahrnehmen können.

Nicht immer bietet die Aufnahmetechnik ganz jene Transparenz und Klarheit, die wir von Dabringhaus und Grimm kennen und die manche neuere SACD-Einspielung zu bieten vermag (man bedenke: Die Einspielungen entstanden von März 1988 bis Oktober 1993) – umso erfreulicher ist aber die Wärme, mit der Regers Bach-Bearbeitungen (auch ohne historische romantische Orgel) dargeboten werden. Manche Bläserregister mögen etwas ungewohnt scharf sein – aber welch eine Frische, welch eine Klarheit der kompositorischen Struktur weiß Haas herauszuarbeiten! Da nimmt man eine heute vielleicht etwas ungewöhnliche Klangästhetik gerne hin.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reger: Complete Organ Works, Bach Arrangements: Rosalinde Haas, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
MDG
14
Medium:
EAN:

CD
760623228921


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Reger, Max


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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