> > > Bolling, Claude: Suites for Flute and Jazz Piano Trio
Montag, 24. Januar 2022

Bolling, Claude - Suites for Flute and Jazz Piano Trio

Gelungenes Crossover


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ob Antonio Vivaldi und seine ‘Vier Jahreszeiten’ oder Carl Orff und die ‘Carmina Burana’ – es gibt Komponisten, die im kollektiven Musikbewusstsein fast ausschließlich in Verbindung mit einem einzigen ihrer Werke verankert sind. Zugegeben: den Bekanntheitsgrad eines Vivaldi oder Orff hat der französische Pianist und Komponist Claude Bolling (noch) nicht – in seinem Schaffen nehmen die ‘Suiten für Flöte und Jazz-Klaviertrio Nr. 1&2’ jedoch einen vergleichbaren Status ein.

Eigentlich ist Claude Bolling, geboren 1930 in Cannes, durch und durch Jazzmusiker. Früh schon entdeckte er seine Zuneigung zu der Musik von Fats Waller und spielte seit 1945 in seiner Wahlheimat Paris in diversen Jazzcombos. Nachdem Bolling sich in den 60er-Jahren durch seine Tätigkeiten als Film-Komponist (u.a. zu dem Gangsterstreifen ‘Borsalino’ mit Alain Delon) einen Namen gemacht hatte, entwickelte er in den 70er-Jahren seine große Faszination für das musikalische Crossover zwischen klassischer Musik und dem Jazz. Er begann in seinen eigenen Werken die Standardformen und –rhythmen der Jazzmusik mit denen der klassischen Musik zu verbinden. So entstanden 1975 auch die stark barock-inspirierten ‘Suiten für Flöte und Jazz Piano Trio’, deren Ersteinspielung (zusammen mit dem Flötisten und Gründer des Pariser Barockensembles Jean-Pierre Rampal) unglaubliche 530 Wochen in den US-Popcharts stand – 460 Wochen davon auf Platz 1. Das leistet natürlich Vorurteilen Vorschub - doch seichtes Easy-Listening oder gar eine ‘Verhunzung’ klassischer Musik sind Bollings Kompositionen mitnichten! Auch wenn Bollings Ansatz seinerzeit nicht mehr wirklich innovativ war (Jacques Loussier’s erste ‘Play Bach’-Einspielung beispielsweise stammt bereits aus dem Jahr 1959) – mit den Suiten ist ihm eine der kunstvollsten Verschmelzungen von klassischen harmonischen Strukturen mit swingender Jazzidiomatik überhaupt gelungen.

Neueinspielung überzeugt durch ‘Jazz-Feeling’
Eine Neueinspielung dieser wunderbaren Suiten mit dem ‘Roselli Quartet’ ist jetzt auf dem Naxos-Label erschienen. Und um eines vorweg zu nehmen: sie tritt ein mehr als würdiges Erbe der CBS-Erstaufnahme an! Das Quartett, benannt nach dem italienischen Flötisten Giovanni Roselli, besteht durchweg aus Musikern, die sich auf die musikalischen Ausdrucksweisen beider Genres gleichermaßen hervorragend verstehen. Deutlich wird dies bereits bei ‘Baroque and Blue’ – dem ersten der insgesamt sieben Stücke der Suite Nr.1, das stilistisch bereits alles vereint, was Bolling in seinen Kompositionen zusammenführen möchte: den Auftakt macht ein galant-barockes Flötenthema, von Roselli im Ton sauber und akzentuiert über die thematische Klavierimitation vorgetragen. Abrupter Stimmungswechsel im swingenden Mittelteil. Hier zeigt Alberto Alibrandi sein Können als Jazzpianist. Die konsequente Betonung der Off-Beats und das Gefühl für Blue-Notes lassen sofort erahnen, dass für Alibrandi, Preisträger mehrerer Wettbewerbe für klassisches Klavier, diese Aufnahme wohl nicht der erste Kontakt mit dem Jazz gewesen sein kann. Tatsächlich hat Alberto Alibrandi bereits auf mehreren hochkarätigen Jazzfestivals gespielt. Nach einem kleinen Jazz-Waltz und einem Zwischenspiel im Gershwin-Stil, endet das Stück praktisch mit einer Synthese: dem Eingangsthema, jetzt von Klavier und Flöte gleichermaßen ‘verjazzt’ gespielt. So richtig zum swingen gebracht werden Bollings ausgefeilte Jazz-Arrangements maßgeblich durch Marco Panascia am Kontrabass und Ruggero Rotolo am Schlagzeug.
Panascia, der unter anderem als Sideman von Größen wie Herbie Hancock oder Quincy Jones auf der Bühne stand, spielt sein Instrument solide und dezent. Auch Rotolo benutzt die Besen unaufdringlich und mit rhythmischem Gespür. Dass man sich trotz des im Prinzip klassischen Duktus der Aufnahme, mitunter beim Hören mitten in einem kleinen verrauchten Jazzclub in Paris wähnt, spricht für die Qualität der Instrumentalisten – ist doch häufig die Gefahr bei klassischen Musikern, die sich an einem Jazzrepertoire versuchen, dass dem Ergebnis trotz spieltechnisch oftmals überzeugender Umsetzung das richtige ‘Jazz-Feeling’ fehlt. Aber ob nun das verträumte ‘Sentimentale’, das kontrapunktisch angelegte ‘Fugace’ oder das eingängliche ‘Irlandaise’ – das ‘Roselli Quartet’ überzeugt durchweg mit beidem: technischem Können und interpretatorischem Geschick. Auch bei der dreisätzigen ‘Suite Nr.2’ - insgesamt virtuoser und musikalisch abstrakter als die erste – gelingt es den vier, ihr hohes Niveau zu halten.

Aufgenommen wurde das Album im übrigen bereits 1997 (Suite Nr.1) und 1999 (Suite Nr.2). Und auch bezüglich der Aufnahme gibt es Bestnoten zu verteilen: sie ist gut ausbalanciert und die einzelnen Instrumente sauber abgemischt.
Das Booklet der CD mit Kurzbiographien der Musiker sowie einem ausführlichen Überblick über das Wirken und Schaffen des Komponisten Claude Bolling ist zudem äußerst lesenswert.

‘Light Classics’ hat die Plattenfirma die Reihe, in der die CD des Roselli-Quartets erschienen ist, überschrieben. Auch wenn diese Bezeichnung a priori nichts Schlechtes an sich hat - Klassik-Puristen werden die ‘Suiten für Flöte und Jazz Piano Trio’ höchst wahrscheinlich weniger zusagen. Allen anderen sei mit dieser Platte eine hervorragende (und noch dazu preisgünstige) Aufnahme versprochen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Johannes Kloth,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bolling, Claude: Suites for Flute and Jazz Piano Trio

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Naxos
1
27.10.2003
57:30
--
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0636943484821
8.554848


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Johannes Kloth:

  • Zur Kritik... Ein Weill-Spektakel : Nein, Maßstäbe wird diese Weill-Einspielung sicherlich nicht setzen. Weiter...
    (Johannes Kloth, )
  • Zur Kritik... Geglückte Balance: Den Lautenisten und Dirigenten Stephen Stubbs scheint der komplizierte Hintergrund des Werkes dagegen wenig zu kümmern. Weiter...
    (Johannes Kloth, )
  • Zur Kritik... Bewährte Kooperation: Nordgren und das Ostbottnische Kammerorchester sind sich nicht fremd, die Zusammenarbeit hat Tradition Weiter...
    (Johannes Kloth, )
blättern

Alle Kritiken von Johannes Kloth...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Stupende Qualität: Buxtehude, Teil zwei: Die Qualität der Interpretation ist angesichts der Diskografie Friedhelm Flammes keine Überraschung. Eine Gesamteinspielung, die trefflich gerät und von Belang ist. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Scharfe Proportionen: Boris Giltburg mit frühem Beethoven Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Baskische Schmuggler und tanzende Satyre : Die Suiten aus 'Ramuntcho' und 'Cydalise et le Chevre-pied' des Impressionisten Gabriel Pierné verzaubern in der Wiedergabe durch Darrell Ang und das Orchestre National de Lille. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich