> > > Biber: Sonatae Violino Solo 1681: Plamena Nikitassova, Les Élémens
Samstag, 26. November 2022

Biber: Sonatae Violino Solo 1681 - Plamena Nikitassova, Les Élémens

Sonaten-Kosmos


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein veritables Statement für Heinrich Ignaz Franz Biber und seine Violinkunst: Plamena Nikitassova präsentiert sich als souveräne Technikerin und Stilistin.

Was die Geigerin Plamena Nikitassova mit den Sonaten für continuobegleitete Solovioline vorstellt, die Heinrich Ignaz Franz Biber 1681 veröffentlichte, ist eine Sammlung von eindrucksvoller Qualität: Ebenso profunde wie innovative Satztechnik, kompositorische Originalität und höchster technischer Anspruch an die Violine gehen eine glückliche Verbindung ein. Bibers Name ist heute so sehr mit den Rosenkranz- oder Mysteriensonaten verbunden, dass diese einige Jahre früher entstandene famose Sammlung in der Wertschätzung zurückbleibt – zu Unrecht. Das Missverhältnis in der Wahrnehmung spiegelt sich auch in einer nicht unbedingt reich bestückten Diskografie, die jüngst Lina Tur Bonet mit einigen Ausschnitten kennt, dazu John Holloway im Jahr 2001, Gesamtaufnahmen scheinen lediglich mit Gunar Letzbor und der Ars Antiqua Austria – diese Einspielung freilich ist nicht anders als herausragend zu nennen – aus dem Jahr 2012 sowie viel früher, schon 1994, mit Andrew Manze und dem Ensemble Romanesca entstanden zu sein.

Plamena Nikitassova reiht sich gemeinsam mit Les Élémens – das sind Dirk Börner auf Cembalo und Orgel, Tore Eketorp auf der Viola da gamba, Matthias Müller auf dem Violone sowie Julian Behr auf Theorbe und Barockgitarre – selbstbewusst ein. Und sie unterstreichen gemeinsam Bibers Rang als Violinmeister seiner Zeit wie als hochinnovativer Komponist für sein Königsinstrument.

Außergewöhnliche Geigerin

Nikitassova spielt die Sonaten – bis auf die vierte in Skordatur, die auf einem Instrument vom Mittenwalder Sebastian Klotz erklingt – auf einer Geige von Jakobus Stainer aus Absam – also einem Instrument von jenem Meister, bei dem Heinrich Ignaz Franz Biber für seinen Dienstherrn, den Fürstbischof von Olmütz, Instrumente abholen sollte. Und angelegentlich dieser Reise absentierte er sich unerlaubt, trat in die Dienste des Fürsterzbischofs von Salzburg – ein Weg, der in seiner Zeit durchaus riskant und gefahrvoll für die Zukunft war. Diesem – offenbar vom neuen Dienstherren gedeckten – Entschluss verdanken wir eine der interessantesten Barockkarrieren in der Musik, mit fabelhaften Ergebnissen, die wir noch heute hörend bestaunen.

Plamena Nikitassova spielt die Geige in der sogenannten ‚tiefen Haltung‘, bei der das Instrument an die Brust angesetzt wird. Das mindert keineswegs die Befähigung, technisch rasante und komplexe Passagen mit leichter Hand erblühen zu lassen. Auch wird die üppige Lyrik, die Bibers Musik ebenso zu eigen ist, reich substantiiert. Dazu werden die ostinatobasierten Reihungsformen unter ihren Händen zu fulminanten Höhepunkten. Schon zuvor hatte sich Nikitassova – ausgebildet unter anderem in Genf, Wien und Basel – als außergewöhnliche Violinistin hervorgetan, preisgekrönt unter anderem für eine Einspielung der Westhoff-Suiten. Dazu ist sie bei Großprojekten der historisch informierten Praxis wie aktuell der Gesamteinspielung des Kantatenwerks Johann Sebastian Bachs durch die St. Gallener J.S. Bach-Stiftung als Konzertmeisterin eine prägende Größe. Es verwundert also nicht, dass sie den vielfältigen Anforderungen bei Biber fast mühelos gerecht zu werden vermag: Sie bleibt den technischen wie den expressiven Ansprüchen nichts schuldig, setzt mit schlankem Ton Akzente, ist rhythmisch agil und im Zusammenspiel mit dem kleinen Ensemble ungemein sensibel. Nikitassovas Bogen springt und singt, verhilft der Spielerin zum Nachweis veritabler Größe auch in puncto Artikulation – ein Aspekt freilich, der vom Ensemble kongenial aufgegriffen und verstärkt wird.

Ein famoses Ensemble

Die Formation eröffnet trotz überschaubarer Größe eine erstaunlich different wirkende Anzahl von Besetzungsvarianten, die das Geschehen gliedern, ihm Struktur und dauerhafte Attraktivität sichern. Die Instrumentalisten explizieren die reiche Struktur zutreffend – oft subtil, gelegentlich mit einem etwas rabiateren Zugriff in den Vordergrund tretend, auch darin überzeugend.

Tempi werden so gewählt, dass alle Satzcharaktere und stilisierten Tanzformen der Sonaten leicht nachvollziehbar werden; stupend überzeugend gelingt die Gestaltung des für Bibers Violinmusik typischen Nebeneinanders von Rasanz und Stillstand. Dynamisch wird das Geschehen von einer vielschichtigen Autorität getragen, reüssieren die Akteure in allen Facetten vollkommen. Die Intonation makellos zu nennen, wäre noch weit untertrieben: Sie ist absolut frei und – angesichts der enormen Herausforderungen gerade in dieser Hinsicht – bemerkenswert klar. Auch in Skordatur ist nichts von einer anderen Spannung zu spüren; die fein ausgehörte Akkordik im Zusammenwirken mit dem Ensemble ist die reine Freude. Das Klangbild wirkt, als sei man inmitten des Geschehens: Ein intensives, von großer Farbigkeit und räumlicher Delikatesse geprägtes Klangerlebnis ist das Ergebnis. Bibers musikalische Energie wird dank dieser Qualität mühelos erfahrbar.

Ein veritables Statement für Heinrich Ignaz Franz Biber und seine Violinkunst: Plamena Nikitassova präsentiert sich als souveräne Technikerin und Stilistin. Eine auch dank des agilen Basso continuo hochattraktive Einspielung dieses zu Unrecht im Hintergrund stehenden Sonatenschatzes.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Biber: Sonatae Violino Solo 1681: Plamena Nikitassova, Les Élémens

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Anzahl Medien:
cpo
1
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EAN:

CD
761203548125


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Biber, Heinrich Ignaz Franz


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
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