> > > Stockhausen/Kagel: Carré / Chorbuch: Chorwerk Ruhr, Bochumer Symphoniker, Florian Helgath
Freitag, 30. September 2022

Stockhausen/Kagel: Carré / Chorbuch - Chorwerk Ruhr, Bochumer Symphoniker, Florian Helgath

Noch immer avanciert


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Chorwerk Ruhr und die Bochumer Symphoniker präsentieren Musik von Stockhausen und Kagel mit Überzeugung und Vermögen – als noch immer relevante Positionen und kennenswerte Etappen musikalischer Entwicklung.

Zwei Stimmen ambitionierter Chormusik des 20. Jahrhunderts kommen mit dem Programm der aktuell bei Coviello Classics erschienenen Platte des Chorwerk Ruhr zu Gehör: Karlheinz Stockhausen mit ‚Carré‘ und Mauricio Kagel mit seinem ‚Chorbuch‘.

Stockhausens Arbeit entstand 1959/60 und wurde in der hier zu erlebenden Interpretation 2016 im Rahmen der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle aufgenommen. Nach dem Stück ‚Gruppen‘ von 1958 ist dies eine weitere Komposition, die mit der Musik als Phänomen im Raum experimentiert. Vier Dirigenten leiten vier Orchester, je im Zusammenspiel mit einem 12- bis 16-köpfigen Chor. Träger des Klangs sind Vokalisen oder sinnfreie Silben. Man ahnt bereits hier: Das Live-Erlebnis mit dem in der Mitte des Geschehens platzierten Publikum ist bei einer so sehr auf räumliche Wirkungen ausgelegten Musik durch nichts zu ersetzen, auch wenn der große, dabei erstaunlich luzide und detailscharfe Klang der vorliegenden SACD einen lebendigen Eindruck gibt. Stockhausen lässt Elemente der vier Blöcke übergeben und übernehmen, Klänge wandern, werden zu überraschenden Kontexten gefügt und rasch wieder dissoziiert. Vokal kommen sämtliche Techniken der Zeit zu Gehör. Einerseits ist das – etwa in der kleinteilig geregelten Frage der Zeitabläufe – in ihrer Wirkung oft überorganisierte Musik; andererseits öffnen sich immer wieder erstaunlich leicht gangbare Verständniswege – vielleicht nicht zum Stück als Ganzes, doch zu einzelnen Verläufen.

Mauricio Kagel hat Johann Sebastian Bach und dessen Musik verehrt und zugleich als allzu ferne Größe wahrgenommen. Der Musikwissenschaftler und Kagel-Experte Werner Klüppelholz beschreibt es, zitiert im Booklet, so: ‚Kagel kreist um den Krater, der die Gottesmusik verschlang, steht am Abgrund, den Nietzsche wie Schönberg aufgerissen, schaut in bewundernder Wehmut auf das jenseitsliegende Gebäude der 371 Choräle, das eine ganze Welt einst umschloss. ‚Chorbuch‘ erinnert und trauert.‘ 1976 entstand das Werk, später ging Kagel diesen ästhetischen Weg mit der ‚Sankt-Bach-Passion‘ von 1985 konsequent weiter. Bach verbindet sich in ‚Chorbuch‘ mit seinem spezifischen Genie mit der Kreativität Kagels, der das Vorbild aufbricht, spiegelt, auch verzerrt und theologisch in Frage stellt, mit harschen Kontrasten konfrontiert, in einzelne Aspekte teilt. Kagel selbst fand die Ergebnisse seines Experiments ‚…aufregend, weil tatsächlich jene Mischung von modaler und tonaler Musik erzielt werden konnte, die ich mir vorgenommen habe, aber zugleich der historische Werdegang der Tonalität deutlich wurde.‘ Als ‚atonale Tonalität‘ wird das Spannungsfeld im Booklettext bezeichnet. Dabei sind drei Ebenen zu erleben: Eine Auswahl von Chorälen Bachs, die teilweise durch Pendants aus dem Orgelschaffen scheinbar noch fester in der historischen Ebene verankert werden – bevor Gewissheiten dann von Kagel erstaunlich mühelos in Frage gestellt werden.

Souveräne Interpreten

Wie häufig in ambitioniertem Repertoire sind die Vokalisten des Chorwerk Ruhr besonders mit Blick auf eine perfekte chorische Organisation und die unbedingte Bereitschaft zur Selbstentäußerung gefordert, weniger – nur in den Bach-Chorälen selbst sind die ‚üblichen‘ Qualitätsmerkmale erfahrbar – im Rahmen klassisch orientierter gesanglicher Parameter. Es wird gepfiffen, gezischt, gerufen, gesprochen, munter ins nichts glissandiert: All das wirkt hier erstaunlich frisch und ist luzide expliziert, auch wenn manche der Techniken im Dauergebrauch der vergangenen Jahrzehnte zwischenzeitlich zur Pose des Avantgardismus geronnen und damit verzerrt sind. Nicht so hier.

Das Orchester ist in vierfacher Teilung bei Stockhausen ähnlich besetzt; auffällig ist das Fehlen von Kontrabässen. Andere Farben – ein Cymbalon in Orchester drei sei beispielhaft erwähnt – akzentuieren das Geschehen teils deutlich. Die instrumentalen Beiträge werden in präziser und bestechend klarer Gestik präsentiert; das Geschehen läuft, bei aller hörbaren Komplexität, wie ein leichtgängiges Uhrwerk ab. In Kagels ‚Chorbuch‘ bringen Klavier und Harmonium einige Impulse, fungieren vor allem aber als charaktervolle Ergänzung des Vokalen. Die von Christoph Lehmann gespielte Orgel bietet die Choräle Bachs in delikat ausgezierter Weise dar.

Mit üppigen Kräften

Tempoentwicklungen sind keine isoliert zu betrachtende Größe, weil in der Stetigkeit der Abfolge reiche Impulse aller Art aufkommen, die gelegentlich enorm beschleunigen, aber auch Phasen völligen Stillstands zulassen. Dynamisch wird eine außerordentliche Bandbreite realisiert, vor allem mit den üppigen Kräften bei Stockhausen – gleichwohl nie reiner Überwältigung dienend; bei Kagel zeigt sich eine in dieser Hinsicht delikatere Stufung. Technisch ist das Geschehen hochambitioniert und wird auf instrumentaler wie vokaler Ebene mit stupendem Können bewältigt.

Das Chorwerk Ruhr und die Bochumer Symphoniker präsentieren Musik von Stockhausen und Kagel mit Überzeugung und Vermögen – als noch immer relevante Positionen und kennenswerte Etappen musikalischer Entwicklung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Stockhausen/Kagel: Carré / Chorbuch: Chorwerk Ruhr, Bochumer Symphoniker, Florian Helgath

Label:
Anzahl Medien:
Coviello Classics
1
Medium:
EAN:

CD
4039956921134


Cover vergössern

Kagel, Mauricio
Stockhausen, Karlheinz


Cover vergössern

Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Coviello Classics:

  • Zur Kritik... Nicht recht überzeugend: Einzig die Sängerin der Hauptrolle und zwei Nebenfiguren retten eine etwas schwache Keiser-Aufführung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Bodenschätze: Chorwerk Ruhr und Capella de la Torre bringen üppige kompositorische Qualität weit über die großen Namen hinaus zu aufregendem Funkeln. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Seltene Consortmusik für Blockflötenensemble: Davon, dass Musik für Gambenconsort auch mit einem Blockflötenensemble sehr gut dargestellt werden kann, legt diese CD hörenswertes Zeugnis ab. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
blättern

Alle Kritiken von Coviello Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Frisch und dringlich: Fahmi Alqhai ist gerade im älteren spanischen Repertoire mit seiner Accademia del Piacere ein Garant für lebendige, bezwingende Deutungen. Alles ist hier so klar, frisch und dringlich, als sei es für die heutige Zeit geschrieben worden. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Memorabilien: Mit leichter Hand zeichnen Katharina Bäuml und ihre Capella de la Torre ein Monteverdi-Bild, das etliche Preziosen zueinander fügt – mit rhythmischer Verve und einer erstaunlichen Portion Lässigkeit. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Finale: Das Werk ist vollbracht – Johann Kuhnau in acht Folgen: Wer einen umfassenden Eindruck mitteldeutscher geistlicher Musik um 1700 gewinnen möchte, kommt an dieser löblichen Reihe von Opella Musica und camerata lipsiensis nicht vorbei. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2022) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich