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Dienstag, 27. September 2022

Begegnungen - Dora Szilagyi, Flora Fabri

Zwei Komponisten des Hochbarocks begegnen einander


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Heinrich Ignaz Franz Biber und Georg Muffat lebten etwa zur selben Zeit und könnten sich in Salzburg begegnet sein. Dora Szilágyi und Flóra Fábri spüren Verwandtes und Unterschiede in der Kammermusik beider Komponisten auf.

Vielgestaltig ist die Musik des 17. Jahrhunderts. Meditatives findet sich ebenso wie Hochvirtuoses. Für Letzteres steht Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1709). Er gehörte zu den meistbewunderten Geigern seiner Zeit. Entsprechend virtuos sind seine Kompositionen für Violine. In ihnen ist die Technik des Geigenspiels ungebrochen präsent. Für sein Werk ist der sogenannte stylus phantasticus prägend, eine musikalische Richtung, bei der die Formen aufgesprengt werden und kompositorische Freiheit Raum gewinnt, die bisweilen auch zu Willkür ausarten kann. Es ergibt sich in jedem Fall dadurch die Möglichkeit, das Instrument in allen Facetten vorzustellen und die Kunst des Interpreten in das rechte Licht zu stellen. Das Ergebnis solchen Komponierens und Spielens ist durchweg spannend bis aufregend. Biber nun lässt keine seiner Möglichkeiten aus und präsentiert sein musikalisches Idiom ungebrochen.

Rasant und tiefgründig

Die vorliegende Aufnahme enthält freie Werke sowie Kompositionen aus den Rosenkranzsonaten für Violine und b.c., eine Sammlung von Stücken, in denen die einzelnen Stationen des Rosenkranzes dargestellt werden. Sie sind unverzichtbare Probestücke für jeden Interpreten. Der Hörer wird in eine religiöse Welt geführt, die in dieser musikalischen Formulierung so aufregend wie anrührend wirkt. Die Aufnahme beginnt jedoch mit einer freien Sonate, in der die Tugenden des Komponisten rasant und tiefgründig ausgelotet werden. Dora Szilágyi gibt dem nichts nach und lässt die Kaskaden von Klängen ungebremst den Hörer überwältigen. Es findet sich an vielen Stellen ein Spiccato, also ein extremes Stakkato, es finden sich Doppelgriffe, Scheinzweistimmigkeit, eben alle Möglichkeiten, die das Instrument bietet. Die langsamen Zwischensätze werden hingegen mit Gelassenheit und auffallender Schönheit musiziert. Insofern wäre alles zum Besten bestellt, wenn die Rosenkranzsonate „Die Kreuzigung“ keine Konkurrenzaufnahme hätte. Die bedeutendste ist wohl die von Reinhard Goebel. In den Verzierungen und in der Dynamik ist er Dora Szilágyi überlegen. Sie wirkt gegenüber seiner Fülle von violinistischer Kompetenz doch etwas geradliniger, etwas weniger tiefgründig. Allerdings geschieht diese Einschränkung auf höchstem Niveau. Wie sehr die Geigerin Biber schätzt, wird in der Sonate Nr. 1 A-Dur deutlich, der sie ihre ganzen Fähigkeiten angedeihen lässt.

Die Stücke von Georg Muffat (1653-1704) sind im Ganzen ruhiger, im Wesentlichen auch weniger virtuos. Die Errungenschaften Bibers sind wohl noch nicht zu den Ohren Muffats gedrungen. Der Qualität seiner Musik tut das keinen Abbruch. Für die Realisierung des Notentextes durch die Geigerin gilt das oben Gesagte, diesmal ohne jede Einschränkung. In der Kraft ihrer Musikalität lässt Dora Szilágyi die Sonata D-Dur lebendig werden. Muffats Musik ist introvertierter als die von Biber, bisweilen etwas betulich. Das gilt nicht für die Passacaglia Nr. 14 g-Moll für Cembalo solo, in dem das Instrument zu immer abenteuerlicheren Läufen, Sprüngen und Verzierungen geführt wird. Flóra Fábri meistert dieses technisch wie musikalisch anspruchsvolle Werk souverän. Überhaupt ist an dieser Stelle höchstes Lob für sie vonnöten. Ihre Eleganz und ihr Einfallsreichtum, mit denen sie ihren Basso continuo ausmusiziert, sind höchst bemerkenswert.

So haben wir eine CD, die ihre Meriten hat und überzeugt, auch wenn in wenigen Stücken die Konkurrenz, so man davon sprechen will, die Nase vorn hat. Eine reizvolle Zusammenstellung unbekannter und bekannter Werke von zwei Komponisten, die stilistisch voneinander zu unterscheiden sind, musikalisch jedoch in einer ähnlichen Sprache reden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Begegnungen: Dora Szilagyi, Flora Fabri

Label:
Anzahl Medien:
Querstand
1
Medium:
EAN:

CD
4025796021097


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Biber, Heinrich Ignaz Franz
Muffat, Georg


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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