> > > John Wilbye: Draw On Sweet Night: I Fagiolini, Robert Hollingworth
Donnerstag, 8. Dezember 2022

John Wilbye: Draw On Sweet Night - I Fagiolini, Robert Hollingworth

Englische Madrigalkunst


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


So delikat möchte man sich gern unterhalten lassen: In kunstvollem Satz, emotional berührt, nobel in der Gesamtwirkung. I Fagiolini mit einem schönen, lohnenden Wilbye-Porträt.

John Wilbye, geboren 1574 und gestorben 1638, war ein englischer Komponist, der lange Jahrzehnte seines Lebens der Familie Kytson als deren Hausmusiker diente, in London und auf Hengrave Hall in Suffolk. Aus seiner Feder sind kaum mehr als 75 Stücke überliefert, meist superbe Miniaturen aus dem Reich des Madrigalischen. 25 davon sind auf der aktuell beim Label Coro erschienenen Platte des Ensembles I Fagiolini unter der Leitung von dessen Gründer Robert Hollingworth versammelt. Dieses Drittel des Gesamtwerks gibt einen schönen Einblick in Wilbyes Madrigalschaffen. Zwei Sammlungen aus den Jahren 1598 und 1609 liefern den Löwenanteil der hier erklingenden drei- bis sechsstimmigen Madrigale. In seinem klugen, leider nur in englischer Sprache verfügbaren Einführungsessay im Booklet beschreibt John Milsom Wilbyes Madrigale als ‚so memorable‘ – eingängig sind sie, einzelne in der Tat unvergesslich, dazu reich an musikalischer Invention und Substanz, oft harmonisch gewagt. Charakterstärke ist ihnen zu eigen, gelegentlich von einer erstaunlich robust wirkenden Heiterkeit, ebenso wie von raumgreifender Bittersüße geprägt.

Natürlich sind italienische Einflüsse zu verzeichnen, eher von Luca Marenzio als von Claudio Monteverdi. Dazu kommen Impulse von englischen Vorbildern und Zeitgenossen wie Thomas Morley oder Thomas Weelkes. Und man kann verknüpfende Linien zum Liedsänger mit der Laute, zu John Dowland erkennen. Bei aller Noblesse sind die Sätze intensiv textdeutend geprägt, hochsensibel im Auskosten der allfälligen Affekte.

 

Voller Delikatesse

Der Countertenor – und längst über diesen Bezirk hinaus auch als Dirigent, Forscher und Ermöglicher aktive – Robert Hollingworth gründete sein Ensemble I Fagiolini 1986. Aktuell ist es mit Grace Davidson, Rebecca Lea, Helen Neeves und Emma Tring im Sopran besetzt; neben Hollingworth sind die beiden Mezzosopranistinnen Martha McLorinan und Clare Wilkinson zu hören. Tenor singen Matthew Long und Nicholas Mulroy, im Bariton agiert Greg Skidmore, das Bass-Fundament liefert Charles Gibbs. Sie formen ein exzellentes Ensemble von solistischem Anspruch, mit je eigenem Charakter der Stimmen und Register, dazu getragen von der Bereitschaft zur expressiven Exposition – alle Stimmen werden in ihren Möglichkeiten kenntlich. Mit Davidson, Wilkinson und Mulroy sind veritable Solisten im Ensemble. Dennoch ist es die exquisite Interaktion, die für das Ensemble einnimmt. Gemeinsam loten die Akteure die harmonische Vielfalt und gelegentlich schmerzende Eleganz der Linienführung aus, bis hin zu blühender lyrischer Schönheit. Die Diktion basiert auf einem natürlichen Gebrauch der Sprache, diese Sphäre auch zur pointierten musikalischen Gestaltung etlicher Details nutzend.

Die Einspielung ist in zwei Teilen entstanden: Zunächst wurden einige der Madrigale 2015 für einen Wilbye-Film von Tony Britten aufgenommen, die übrigen im Jahr 2021. Das Klangbild ist je sehr direkt, dabei klar – nicht skelettierend, aber doch hörbar auf eine tatsächlich räumliche Wirkung verzichtend: Das betont den Aspekt des Intimen, Häuslichen, das der ursprünglichen Aufführungssituation vermutlich entsprochen haben dürfte, gewiss. Aber klangen die Räumlichkeiten etwa in Hengrave Hall denn überhaupt nicht mit? Zwischen den nicht im Block gebotenen Tracks der verschiedenen Aufnahmeschichten sind geringfügige Differenzen zu verzeichnen.

Robert Hollingworth verleiht den Tempi frische Impulse, die das Behände sehr schön herausstellen; weit ausgreifende Linearität bekommen ebenso ihren Raum. Ohne zu überzeichnen lotet das Ensemble auch dynamisch eine ansprechende Bandbreite aus; die Bezirke des guten Geschmacks werden nicht verlassen. Dazu kommt eine makellose Intonation, die sich auch in sehr bewegten Passagen vollkommen natürlich entfaltet.

So delikat möchte man sich gern unterhalten lassen: In kunstvollem Satz, emotional berührt, nobel in der Gesamtwirkung. I Fagiolini mit einem schönen, lohnenden Wilbye-Porträt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    John Wilbye: Draw On Sweet Night: I Fagiolini, Robert Hollingworth

Label:
Anzahl Medien:
Coro
1
Medium:
EAN:

CD
828021619021


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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