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Dienstag, 9. August 2022

Johannes Tourout - Cappella Mariana, Vojtech Semerad

Aus ferner Zeit


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johannes Tourouts Musik aus ferner Zeit lebt und wirkt in der hochklassigen Interpretation der Cappella Mariana so dringlich und selbstverständlich, wie sie es zur Zeit ihrer Entstehung kaum deutlicher getan haben kann.

Die Jahreszahl 1460 ist das einzig konkrete Datum, das dem Komponisten Johannes Tourout zugeschrieben werden kann: Am 3. Juli des Jahres wurde einem Kantor dieses Namens am kaiserlich-habsburgischen Hof eine Pfründe an der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen verliehen. Tourout – auch Tonroutt, Thauranth, Tauront, Taurath oder Torenth, die schriftliche Fixierung von Namen kannte in dieser an überlieferten Dokumenten nicht überreichen Zeit viele Varianten – muss demnach ein versierter und vor allem verdienstvoller Künstler am Hof des Kaisers gewesen sein, mutmaßlich mit einer Abstammungsverbindung nach Flandern, wofür auch die aktuell in der Forschung diskutierte Herleitung seines Namens von der Stadt Torhout in der Diözese Tournai sprechen würde.

Seine Werke sind unter anderem in Trient und in böhmischen Sammlungen überliefert – was vermutlich die aktuelle Befassung der tschechischen Cappella Mariana unter der Leitung des fabelhaften Tenors Vojtěch Smerád erklären kann. Eine beim belgischen Label Passacaille erschienene Platte macht das mit einem feinen Programm nachhörbar. In der Theorie verband die Vokalisten und Instrumentalisten eine enge Zusammenarbeit mit dem Musikologen Jaap van Benthem. Praktisch verlebendigt wurde die Musik von einer fünfköpfigen Vokalbesetzung und drei behutsam dazugegebenen Instrumenten.

Kompositorisches Schwergewicht ist die Missa Mon Oeil mitsamt der rekonstruierten Chanson, die ursprünglich die Grundlage bildete. Dazu wird das Reich der Motetten wie der kontrafaktischen Chanson erkundet – mit besonders feiner, beinahe gespinsthafter Kontrapunktik, oft realisiert durch reduzierte Besetzungen von maßvoller Farbigkeit. Und ein rundum schlankes, dreistimmiges Magnificat ist zu hören, mit umfangreichen Passagen gregorianischer Einstimmigkeit.

Herausragende Könnerschaft

Vokal ist die Cappella Mariana mit den Sopranistinnen Hana Blažíková und Barbora Kabátková, den Tenören Vojtěch Smerád und Ondřej Holub sowie dem Bass Jaromír Nosek hervorragend besetzt: Es sind diese exzellente Einzelkönner, die teilweise auch solistisch oder in anderen Ensembles deutliche Ausrufezeichen gesetzt haben. Sie kultivieren in verschiedenen Konstellationen einen schlanken, gleichwohl kernigen Klang von einiger Eleganz und elastischer Anmutung. Natürlich ragt Hana Blažíková – ein unumstritten strahlender Stern am Sopranhimmel vorzugsweise der älteren Epochen – etwas heraus und wirkt ganz besonders anmutig in der Tongebung. Doch überzeugt Vojtěch Smerád mit seinem schlanken, höhensicheren Tenor kaum weniger, der zudem, im Lückenschluss der Alt-Lage die Registereigenschaften eines Haute-Contre mühelos abzubilden versteht. Auch Jaromír Nosek macht mit seinem klar zeichnenden, substanzreichen Bass, der konzentriert und kernig grundiert, besonderen Eindruck.

Drei Instrumente, die punktuell erklingen und dazu in einem Satz eine rein instrumentale Präsenz haben, wirken mit: Jakub Kudlíček auf verschiedenen Blockflöten, Mélusine de Pas auf einer Renaissance-Viola und Vojtěch Smerád auf der Fidel umschreiben eine geradezu schimmernde Sphäre von eher mürbem Klang und gedeckten Farben. Die Instrumentalisten balancieren kultiviert an der Grenze zum vokalen Klang, dem sie sich beinahe anverwandeln.

Natürliche Lebendigkeit

Die Tempi fließen, getragen von natürlicher Lebendigkeit, ohne drängende Impulse. Zwar wird die Klangstärke durchaus deutlich variiert, doch überzeugt das Ensemble gerade da, wo es zart und zarter wird – in manchem hauchfeinen Bicinium ebenso wie in der etwas weiter aufgefächerten Vierstimmigkeit der Messe. Intoniert wird ohne jede Trübung, auch in rhythmischer Avance oder reduziert bloßliegender Besetzung unangefochten. Es werden edle Linien voller Lebendigkeit und Klarheit gesponnen, die atmen und bewegt sind, fern aller statischen Langeweile. Realisiert ist all das in einem wunderbar in den Raum gestellten Klangbild, das bei aller berechtigten Größe klar und klug gestaffelt ist.

Klangliche Behutsamkeit und interpretatorischer Mut verbinden sich mit der schieren sängerischen Klasse der Cappella Mariana: Johannes Tourouts Musik aus ferner Zeit lebt und wirkt so dringlich und selbstverständlich, wie sie es zur Zeit ihrer Entstehung kaum deutlicher getan haben kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Johannes Tourout: Cappella Mariana, Vojtech Semerad

Label:
Anzahl Medien:
Passacaille
1
Medium:
EAN:

CD
5425004841247


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Touront, Johannes


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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