> > > G.F.Händel: Rodelinda: Festspielorchester Göttingen, Laurence Cummings
Dienstag, 27. September 2022

G.F.Händel: Rodelinda - Festspielorchester Göttingen, Laurence Cummings

Jubiläums-'Rodelinda'


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese neue 'Rodelinda' ist, wenn auch keine zwingende Alternative zu den bereits existierenden Einspielungen, doch eine spannende Ergänzung, die zeigt, dass man für lebendige Oper nicht unbedingt ein namhaftes Staraufgebot braucht.

Es war im Juni 1920, als in Göttingen die große deutsche Händel-Renaissance eingeläutet wurde. Lange waren die Bühnenwerke des berühmten Hallensers in der Versenkung verschwunden gewesen, der Zeitgeschmack war gnadenlos über die Dutzende von Opern hinweggegangen. Mit der einst umjubelten ‚Rodelinda‘ aus dem Jahr 1725 sollte sich das ändern. In deutscher Sprache und den damals üblichen tiefgreifenden Bearbeitungen und dramaturgischen ‚Anpassungen‘ ging ‚Rodelinda‘ also vor über einhundert Jahren in Göttingen über die Bühne. Kein Wunder, dass man sich dort zum Hundertjährigen für ebendiese Oper entschieden hat, um die immer noch renommierten Festspiele gebührend zu würdigen. Die Corona-Pandemie hat auch in Göttingen zu Verschiebungen geführt und so wurde es September 2021, ehe die ‚Rodelinda‘ erklingen konnte. Der Mitschnitt der Jubiläumsaufführung liegt beim Label Accent nun auf drei CDs vor.

Im Gegensatz zu 1920 hat man sich in gute einhundert Jahre später für die italienische Uraufführungsfassung entschieden, die um ein paar wenigen Nummern aus der späteren Wiederaufnahme-Fassung Händels ergänzt ist: eine Mischfassung also, wie sie den historischen Aufführungstraditionen durchaus entspricht – auch hier sind die Göttinger Festspiele am Puls der Händel-Forschung. An dieser Stelle sei auch der lesenswerte Artikel von Ulrich Etscheit im umfangreichen Beiheft dieser Veröffentlichung erwähnt. So machen CD-Kauf und -Genuss Sinn und Freude.

Unmittelbarkeit und Wahrhaftigkeit

Der Mitschnitt selbst kann sich ebenso hören lassen, auch ohne große Namen. Anna Dennis ist geradezu eine Idealbesetzung für die trauernde Langobardenkönigin, die ihren Mann tot glaubt und im royal-brutalen Intrigenspiel fast unter die Räder gerät. Mit großer Innigkeit und eine Großportion Wärme in der Stimme setzt Dennis vor allem in den lyrischen Passagen wahre Höhepunkte. Aber auch die geforderte Geläufigkeit geht ihr mühelos aus der Kehle. Dennis‘ samtenes Timbre löst von der ersten Note an Rührung beim Hörer aus. Das vokale Feuerwerk und den Strahl einer Joan Sutherland oder das ätherisch vieldimensionale einer Simone Kermes sollte man nicht erwarten, vielmehr schöpft Dennis aus der Unmittelbarkeit und Wahrhaftigkeit des Livemitschnitts. Sie durchlebt die Tortur Rodelindas als Bühnenfigur, die nicht wie im Studio auf akustische Brillanz ausgelegt ist, sondern Gesang und Darstellung in Einklang bringen muss – mit allen Hürden und kleineren Unausgewogenheiten. Das gelingt ihr auf beeindruckende Art und Weise und mit viel hörbarem Herzblut.

Als Bertarido kann Christopher Lowrey mit ebenso tonschönem Countertenor für sich einnehmen. Er punktet vor allem mit Virtuosität, findet aber auch sanfte, innige Töne und Farben, wie gleich zu Beginn in ‚Dove sei, amato bene?‘. Dass seine Partie einst für Senesino geschrieben wurde, macht den Erwartungsdruck nicht kleiner, zumal die finale Bravourarie von vielen Fachkollegen bereits beispielhaft auf Tonträger vorliegt. Lowrey entledigt sich seiner Aufgabe aber mit enormer Souveränität und ähnlich wie Anna Dennis, macht er die emotionalen Stationen seines Bühnencharakters erlebbar ohne Netz und doppelten Boden, aber außerordentlich glaubhaft.

Jede Nuance ausgekostet

Ein weiterer Pluspunkt des Mitschnitts ist das wunderbare FestspielOrchester Göttingen unter der Leitung von Laurence Cummings. Der Dirigent und seine Musikerinnen und Musikers sind unablässig am Puls des Geschehens, klingen ebenso virtuos wie zart verinnerlicht und scheinen für diesen besonderen Anlass noch einmal alle Kräfte zu mobilisieren. Hier wird jede Nuance ausgekostet, das Ensemble auf Händen getragen und Händels Variations- und Farbenreichtum ohrenfällig gefeiert.

Franziska Gottwald macht aus der etwas undankbaren Partie der Seconda Donna Eduige das Beste, indem sie die hin- und hergerissene Schwester Bertaridos mit edlem – wenn auch manchmal etwas unpersönlichem – Tonfall und ihrem dunkel samtigen Mezzosopran ausstattet. Thomas Cooley kämpft als Grimoaldo ein wenig mit den Koloraturen, macht diesen Eindruck aber in den kämpferischen Momenten und vor allem seiner letzten, fast entrückten Arie im dritten Akt mit Leichtigkeit und großer vokaler Darstellungskunst wett. Als Unulfo greift sich der Countertenor Owen Willetts jeden der wenigen Momente, um Profil in seine kleine Partie zu bringen, und Julien Van Mellaerts ist ein überzeugender Opern-Bösewicht, der furchtlos und mit ungebremster Energie durch das Drama blitzt. Van Mellaerts singt den Garibaldo freilich als voluminöser Bass-Bariton und nicht als Countertenor, wie es fälschlicherweise im Beiheft angekündigt ist.

Wer 2021 in Göttingen war, findet in dieser Veröffentlichung ein wunderbares Souvenir und für alle anderen interessierten Hörer ist die neue ‚Rodelinda‘ – wenn auch keine zwingende Alternative zu den bereits existierenden Einspielungen – doch eine spannende Ergänzung, die zeigt, dass man für lebendige Oper nicht unbedingt ein namhaftes Staraufgebot braucht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    G.F.Händel: Rodelinda: Festspielorchester Göttingen, Laurence Cummings

Label:
Anzahl Medien:
Accent
3
Medium:
EAN:

CD
4015023264168


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Händel, Georg Friedrich


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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