> > > Urlicht: Alois Mühlbacher, Franz Farnberger
Samstag, 4. Februar 2023

Urlicht - Alois Mühlbacher, Franz Farnberger

Authentischer Grenzgänger


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alois Mühlbacher überrascht – wieder einmal – mit für ihn ungewöhnlichem Repertoire.

Mit seinen ersten Soloalben hat Alois Mühlbacher bereits für viel Aufsehen und Aufhorchen gesorgt. Damals als Knabensopran sang er beispielsweise mit stupender Intonationssicherheit und unbändiger Energie die Zerbinetta-Arie aus Richard Strauss‘ ‚Ariadne auf Naxos‘ oder den Csárdás der Rosalinde aus der ‚Fledermaus‘. Wenig später folgten Lieder mit dem Knabensolisten u.a. die ‚Vier letzten Lieder‘ von Richard Strauss. Von Zögerlichkeit oder Angst vor großem Repertoire oder Grenzgängen kann man bei diesem Künstler wahrlich nicht sprechen. Vielmehr faszinierten schon damals die Selbstsicherheit und Selbstverständlichkeit, mit der Alois Mühlbacher jene Musik sang, die ihm ohrenfällig eine Herzensangelegenheit war und ist. Nun ist aus dem ‚Wunderkind‘ der St. Florianer Sängerknaben ein junger Mann geworden, in vokaler Hinsicht ein Countertenor. Längst hat Mühlbacher mit großen Orchestern und Dirigentinnen und Dirigenten musiziert, den eigenen grenzgängerischen Alben folgten Veröffentlichungen bei namhaften Labels, vornehmlich im Bereich der Barockmusik, wie beispielsweise eine Telemann-Pastorale unter Dorothee Oberlinger. Auch Pergolesis berühmtes ‚Stabat Mater‘ hat Mühlbacher vor zwei Jahren eingespielt.

Nun legt der junge Sänger beim Label Ars eine weitere Solo-CD vor. Das Repertoire überrascht – wieder einmal: Lieder von Gustav Mahler und Richard Strauss. Nicht gerade das Kernrepertoire für Countertenöre. Am Klavier wird Mühlbacher von seinem ehemaligen Mentor und Ausbilder Franz Farnberger begleitet, auch das eine ungewöhnliche wie emotional gehaltvolle Entscheidung. Mit Farnberger musiziert der Sänger in traumwandlerischem Einverständnis. Die jahrelange Verbundenheit tönt aus jeder Note, aus jeder Phrase, wobei Farnberger sich als stets stützender Begleiter präsentiert. Ein Klaviervirtuose ist er nicht, das muss aber auch nicht sein. Er entledigt sich der Mahler‘schen und Strauss’schen Tastensinfonik mit Souveränität und hörbarer Freude. Punktuell aufzutrumpfen oder ein fordernder Dialogpartner zu sein, ist sein Anliegen nicht. Und doch gelingen ihm durch die Verbundenheit mit dem Solisten anrührende Momente großer Zartheit und atmosphärischer Klanglichkeit wie in Strauss‘ ‚Morgen!‘ oder dem ‚Urlicht‘ von Gustav Mahler, das dem 2021 entstandenen Album auch als Titel dient.

Unverwechselbarer Klang

Alois Mühlbachers Stimme hat sich den unverwechselbaren Klang erhalten, das Timbre ist deutlich androgyner als bei vielen Counterkollegen, man ist fast versucht zu sagen: eigenwilliger. Der junge Künstler sucht weniger nach betörendem Schönklang als nach musikalischen wie textlichen Inhalten. Der feinfühlige Umgang mit den Liedtexten bleibt im Ohr, die unüberhörbare Lust, im Gesang Geschichten zu erzählen, Bilder zu erschaffen. Innerhalb der eingespielten 21 Lieder gelingt ihm das mal mehr und auch mal weniger überzeugend, aber stets zutiefst authentisch.

Irritierend ätherisch und fast jenseitig klingt Mahlers ‚Urlicht‘ und auch ‚Wo die schönen Trompeten blasen‘ erweist sich als passende Repertoirewahl für Mühlbachers leicht kühlen Countertenor. Überhaupt liegt ihm Mahlers Tonsprache mit ihrer Melodieführung und teils direkten Schlichtheit, die ihre Komplexität effektvoll verbirgt. Die abschließenden ‚Rückert-Lieder‘ sind der spannendste Teil dieses Album, gerade das schwärmerische ‚Liebst du um Schönheit‘, das der Sänger mit einem wohldosierten Anflug von Melancholie serviert.

Die Lieder von Richard Strauss wollen nur bedingt überzeugen. Hier und da fehlt es am langen Bogen und auch die immer wieder auftretende Schärfe in den höheren Lagen fügt sich nur bedingt ins akustische Gesamtbild. Auch im Hinblick auf Farbenvielfalt stellen die Strauss-Lieder den Künstler vor große Aufgaben, die mit den jetzigen Mitteln kaum zu erfüllen sind. Und doch macht er sich einige der Lieder mit seiner puren Überzeugungskraft zu eigen und verleiht ihnen einen eigenwilligen Glanz, wie beispielsweise die furchtlos jubelnde ‚Zueignung‘, die zarte ‚Nacht‘, das berühmte ‚Morgen!‘ mit seiner berückenden Intimität und ‚Allerseelen‘, das Mühlbacher mit passender Schlichtheit und dunkler Tönung interpretiert. Für ‚Ruhe, meine Seele‘ ist es vielleicht noch ein wenig früh und auch andere der Strauss-Lieder warten noch auf einen ‚richtigeren‘ Zeitpunkt. Er wird kommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Urlicht: Alois Mühlbacher, Franz Farnberger

Label:
Anzahl Medien:
ARS Produktion
1
Medium:
EAN:

CD
4260052386132


Cover vergössern

Mahler, Gustav
Strauss, Richard


Cover vergössern

ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
?Die SACD - Super Audio CD kombiniert die Präzision der digitalen Reproduktion mit der Wärme des analogen Klanges. Das hat uns überzeugt.?


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ARS Produktion:

  • Zur Kritik... Auftakt zu einer Trilogie: 'Christus das Kind' ist eine interessante Ausgrabung, die das Umfeld frühromantischer Oratorienliteratur verdeutlicht bzw. erst ins Blickfeld rückt. Ein 'Aha!'-Effekt stellt sich aber nicht ein. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Um den jüngsten Sohn: Varvara Manukyan ringt mit historischen Ästhetiken in aufnahmetechnisch problematischer Umgebung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Makellose Stimme und brummelnde Orgel: Klaus Mertens lässt seinen hellen Bariton in barocker und romantischer Musik erklingen und überzeugt durch Klarheit und Intensität. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
blättern

Alle Kritiken von ARS Produktion...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Auftakt zu einer Trilogie: 'Christus das Kind' ist eine interessante Ausgrabung, die das Umfeld frühromantischer Oratorienliteratur verdeutlicht bzw. erst ins Blickfeld rückt. Ein 'Aha!'-Effekt stellt sich aber nicht ein. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Von spröder Schönheit: Unerhörte Ausgrabungen, konsequente Programmzusammenstellung und die spröde Schönheit der Darbietung machen das Album 'Trennung' zu einem faszinierenden Beitrag auf dem aktuellen Plattenmarkt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Camilla Nylund at her best: Diese 'Tote Stadt' schickt gewiss keine der älteren Aufnahmen aus dem Rennen, ist aber allein schon wegen Camilla Nylund eine lohnenswerte Ergänzung. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Seltene Cello-Werke: Bartosz Koziak spielt Musik von Bohuslav Martinu. Weiter...
    (Dr. Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Auftakt zu einer Trilogie: 'Christus das Kind' ist eine interessante Ausgrabung, die das Umfeld frühromantischer Oratorienliteratur verdeutlicht bzw. erst ins Blickfeld rückt. Ein 'Aha!'-Effekt stellt sich aber nicht ein. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Suggestive Trauergesänge: Glagolitische Riten beeindruckten Igor Kuljerić seit seiner Jugend. In seiner Totenmesse sprengt er damit den Rahmen. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (2/2023) herunterladen (5000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ignaz Joseph Pleyel: String Quartet Ben 340 in G major - Rondo. Allegro

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Der Pianist Herbert Schuch im Gespräch mit klassik.com.

"Bei der großen Musik ist es eine Frage auf Leben und Tod."
Der Pianist Herbert Schuch im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich