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Samstag, 15. August 2020

Bach - Kurtág - Busoni - Contrapunctus XIX - Bach-Transkriptionen - Fantasia contrappuntistica

Im strukturellen Dickicht


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Formation Klavierduo hat sich zu einer äußerst spannenden Kammermusikbesetzung entwickelt. Während früher allenfalls Brahms? Ungarische Tänze, die entsprechenden Slawischen von Antonin Dvorak und etwas Schubert auf den wenigen Cds erschienen, steht der Interessierte heute vor einer riesigen Auswahl. In die Fußstapfen der Schwestern Labèque oder der Brüder Kontarsky traten etwa die herausragenden Yaara Tal und Andreas Groethuysen und jüngst Ferhan und Ferzan Önder sowie Andreas Grau und Götz Schumacher. Alle verbindet ein intensives Bemühen um unbekanntes Repertoire.
Die neue CD von Grau und Schumacher beim Label Col legno ist wiederum schon auf Grund ihres Programms interessant. Das verbindende Thema der Stücke ist Bach. Sein letzter Kontrapunkt aus der ,Kunst der Fuge? ist gewissermaßen die Reflexionsgrundlage auf der anschließend Ferruccio Busoni seine Fantasia contrappuntistica ersinnt. Nach den Großwerken folgen György Kurtágs Bach-Transkriptionen. Der Titel ist leider, anders als bei neuer Musik häufig üblich, nicht esoterisch zu verstehen. Entgegen meiner Vermutung, es handle sich um Übertragungen Bachs in Kurtágs Stil, hat man es mit einfachen, bis banalen Bearbeitungen Bachscher Choralvorspiele zu tun. Häufig stammen sie aus seinem Orgelbüchlein. Kurtág verdoppelt hie und da eine Oktave, lässt die Melodie in Oberquinten mitlaufen oder bringt punktierte Noten zum einfältigen Nachklappern. Ansonsten folgt er treu der Vorlage.

Grau und Schumachers Interpretation dieser Transkriptionen haben einen entscheidenden Anteil daran, dass die Miniaturen schnell langweilig wirken. Die Tempi, etwa im anfänglichen ,Ach wie flüchtig, ach wie nichtig? sind träge und ohne Spannkraft. Der Anschlag poltert hölzern und farblos. Viele langsame Stücke (wie ,Alle Menschen müssen sterben?) bleiben statisch und kommen überhaupt nicht in Fluss. Andere verbergen sich hinter einem vernebelten Klangdickicht (Aus tiefer Not schrei ich zu dir) aus dem höchstens die Melodiestimme all zu deutlich hervorlugt. Vielleicht wollten Grau und Schumacher die Spielweise der Orgel imitieren. In einem trockenen Raum mag manche mechanische Traktur einen entsprechend knorrigen Klang hervorbringen, doch man darf nicht vergessen, dass die meisten Kirchenräume dies durch eine hallige, weiträumige Akustik wieder ausgleichen. Der relativ stumpfe, das Klavier nicht gerade brillant wiedergebende Klang der Aufnahme gleicht nichts aus. Auch Andreas Staier, der sich kurioserweise für 1 Minute 14 Sekunden bei ,Durch Adams Fall ist ganz verderbt? einfindet, kann da nicht helfen.

Wesentlich spannender beginnt der Contrapunctus XIX von Johann Sebastian Bach. Tempo und Klang wirken versonnen und weihevoll. Doch auch hier verlässt mich nach wenigen Minuten jede Aufmerksamkeit. Es mag alles Struktur sein und weniger Klangsinnlichkeit, doch wenn das Klavier als Vermittler zwischen mich und der reinen Struktur Bachs tritt, dann erwarte ich mehr pianistische Einfühlung. Das Geflecht der Stimmen verkommt zum wirren Umgebungsrauschen, dabei sollte es so dargestellt werden, dass man von seinem Verlauf verfolgt wird und sich nicht in abschweifende Gedankenseligkeit verliert.
Doch wer sich verloren hat, den reißen die wuchtigen Akkorde von Busonis Fantasia aus allen Träumen. Das Werk versucht nicht nur einen Bach-Choral in vielerlei Formen zu variieren, sondern auch Bachs eben erklungene unvollendete Schlussfuge als Quadrupelfuge fertig zu schreiben. Busoni war am Ende selbst erschrocken, er schrieb: ,Es ist gelungen, aber ich thue es nicht wieder.? Grau und Schumacher tun es. Doch die genannten Defizite in den beiden anderen Werken finden sich auch hier reichlich. Hinzu kommt noch eine massive Tongebung, die vor allem im beschließenden Satz (Fuga IV ? Corale ? Stretta) befremdet und der es an Balance fehlt.

Nach der köstlichen Einspielung des Duos Grau und Schumacher mit Walzern von Brahms, Rihm, Hindemith, usw., die unlängst an dieser Stelle eine Empfehlung der Redaktion bekam, muss man von der neuen CD ziemlich enttäuscht sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach - Kurtág - Busoni: Contrapunctus XIX - Bach-Transkriptionen - Fantasia contrappuntistica

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
col legno
1
14.01.2004
65:08
2001
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4099702010628
WWE 1CD 20106


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Bach, Johann Sebastian
Busoni, Ferruccio
Kurtág, György


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Interpret(en):Grau, Andreas (Piano)
Schumacher, Götz (Piano)


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col legno

Welche Produktion von col legno Sie auch vor sich haben, eines ist gewiss: bunt wird sie sein und außergewöhnlich. Wir widmen uns herausragender Musik der Gegenwart und den Visionen ihrer Protagonisten.

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

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