> > > Brahms: Symphonies No. 3 & 4: Gewandhausorchester Leipzig, Herbert Blomstedt
Sonntag, 14. August 2022

Brahms: Symphonies No. 3 & 4 - Gewandhausorchester Leipzig, Herbert Blomstedt

Brahms der späten Jahre


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wach und feingliedrig, strukturklar und klangsensibel: Herbert Blomstedt kennt seinen Brahms und gibt ihm im Zusammenspiel mit dem Gewandhausorchester Leipzig Raum zum Atmen.

Herbert Blomstedt ist ein angesichts seines hohen Alters stupend produktiver Dirigent – exemplarisch nachzuhören in einem Zyklus der Brahms-Sinfonien, den er, schon jenseits der 90 stehend, mit einem seiner ehemaligen Orchester, dem Gewandhausorchester Leipzig, vor einiger Zeit begonnen hat. Jetzt liegt mit der im Frühjahr 2021 realisierten Einspielung der dritten Sinfonie F-Dur op. 90 und der Vierten e-Moll op. 98 die finale dritte Platte vor. Zuvor waren die beiden ersten Sinfonien je mit einer großen Ouvertüre gekoppelt. Blomstedt und die Leipziger – das war vor etlichen Jahren eine glückende Verbindung. Und die Beziehungen müssen intakt und frisch geblieben sein, wenn man den vertrauensvollen Umgang in der aktuellen Brahms-Deutung zum Maßstab nimmt.

Natürlich ist man bei einem Dirigenten dieses Alters und dieser Erfahrung schnell bei einem Begriff wie ‚altersweise‘. Und wenn man das nicht als nachlässig und – unangemessen – großzügig auffasst, sondern als gelassen und vollends souverän, dann ist man schon nah bei Blomstedts Brahms. Der Schwede zeigt hier nämlich all das, was er auch im vergangenen Jahrzehnt, in der späten Phase seiner langen dirigentischen Karriere in unermüdlicher Intensität mit vielen Orchestern dieser Welt immer wieder in den Vordergrund gestellt hat: Luzide Präzisionsarbeit mit genau ausgearbeiteten Details, Freude am noblen Zusammenklang, eine kluge, fast strenge dynamische Disposition, einen wachen Sinn für Strukturen, aber auch für das dramatische Aufwallen. Blomstedt war nie – und ist es offenkundig bis heute nicht – ein Mann, der zu schöner Musik freundliche Bewegungen macht. Auch mit fast 95, die er diesen Sommer vollendet, geht es ihm unprätentiös um die Substanz.

Zwei Sinfonien mit Substanz

Im Booklettext der aktuellen Pentatone-Produktion betont Jörg Peter Urbach für die Dritte den kammermusikalischen Charakter der Sinfonie – mit Verweisen auf die Faktur, die Instrumentierung, die dynamische Konzeption, das Episodale der beglückend vorüberwehenden Mittelsätze. Dabei hat der Kopfsatz durchaus jenes der Eröffnung einer nachklassischen Sinfonie zuzubilligende Gewicht. Und die Mittelsätze sind doch noch etwas mehr als die ‚Lieder ohne Worte‘, als die sie hier apostrophiert werden – sind gleichwohl geduldig ausgesungen. Das finale Allegro dräut nicht, sondern wird mit Geduld und Feinsinn expliziert.

In der Vierten erweist Brahms sich als Meister der Variation: Brahms als zu seiner Zeit unumschränkter Beherrscher dieser besonderen Form. Und auch dies ein Werk der feinen Arbeit, der satztechnischen Verdichtung. Am anmutigen Beginn des Kopfsatzes Allegro non troppo – böse Zungen behaupteten seit jeher: motivisch von allerhöchstens beiläufiger Qualität – wird fast umstandslos variierend auf die soeben erst präsentierte musikalische Substanz zugegriffen. Das nachfolgende Andante moderato ist dann sehr viel mehr als ein intermediäres Innehalten, während das Allegro giocoso seinem Namen alle Ehre macht. Querständig ist das beschließende Allegro energico e passionato, das der variierenden Reihungsform in großer Strenge und bei aller klanglichen Eindrücklichkeit fern apotheotischer Zielstrebigkeit Raum gibt.

Kongeniale Partnerschaft

Die dunkle, charaktervolle Wärme der Leipziger verbindet sich mit luzider Präzision zu einem klanglich prallen, zugleich aufgeräumt wirkenden Vortrag. Das Moment des Gesanglichen findet Beachtung, dabei die Holzbläser mit etlichen Preziosen, das Bleck mit geschmackvoll gefügten Gesten – farbig, doch ohne vordergründige Dominanz. Viel rhythmisch präzises Spiel ist zu erleben, gekrönt von Violinen von klarer Direktheit. Insgesamt ein Orchesterklang ohne Zutat äußerlicher philharmonischer Süße.

Herbert Blomstedt nimmt sich und gibt dem Orchester Zeit: Zeit zum Ausmusizieren, klug die Strukturen entfaltend. Und das bedeutet gerade nicht, dass die Tempi zu langsam gewählt wären – sie sind einfach nie um ihrer selbst willen übersteigert. Zur dynamischen Gestaltung ist im Grundsatz zweierlei zu sagen: Einmal ist das Bild insgesamt höchst differenziert und kommt ohne jede pauschale Geste aus. Und es entsteht zum anderen dank unzähliger Momente des Anwachsens und Zurückgehens der Klangstärke ein Tableau von wirklich praller Lebendigkeit. Die Intonation des Ensembles makellos zu nennen, wäre untertrieben: Sie ist komplett frei und gelöst, wunderbar ausgehörte Akkordverbindungen an manchem behutsam genommenen Übergang unterstreichen das. Die Violinen etwa, mit ihrem nur minimalen Vibrato, geben dem auf maximale Klarheit abzielenden Ansatz besondere Wirkung und Glaubwürdigkeit. Dazu ist jede Phrase ausgedeutet, jeder Akzent sitzt, auch kleine Formulierungen wirken nie pauschal, sondern sind deutlich aus der Substanz selbst gewonnen. In Verbindung mit Blomstedts Geduld bei der Gestaltung der Tempi eröffnet sich dadurch der Blick auf ein Fest der feinen Strukturen, der vom großen Bogen überwölbten Details. Technisch ist das in ein präzises Bild gegossen, das den feinen, eleganten Orchesterklang plastisch werden lässt – glücklich balanciert, perfekt gestaffelt; auch die pointiert entfaltete Energie der Ecksätze wird mühelos aufgenommen.

Wach und feingliedrig, strukturklar und klangsensibel: Herbert Blomstedt kennt seinen Brahms und gibt ihm im Zusammenspiel mit dem Gewandhausorchester Leipzig Raum zum Atmen. Altersweise? Sicher. Altersmilde, im Sinne eines Nachlassens der Ansprüche und des Herunterschaltens in einen Modus der Klangverwaltung? Keinesfalls! Herbert Blomstedts erstaunliche Karrierephase im hohen Alter findet mit diesem Brahms-Zyklus eine schöne Ergänzung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Brahms: Symphonies No. 3 & 4: Gewandhausorchester Leipzig, Herbert Blomstedt

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
Medium:
EAN:

CD
827949085260


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Brahms, Johannes


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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