> > > Heinichen: Passion Oratorios: Kölner Akademie, Michael Alexander Willens
Samstag, 25. Juni 2022

Heinichen: Passion Oratorios - Kölner Akademie, Michael Alexander Willens

Betrachtungen am Grab


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Alexander Willens und die Kölner Akademie reihen sich vernehmlich in die Riege der aktuellen Heinichen-Exegeten ein.

Zwei Passionsmusiken der 1720er Jahre von Johann David Heinichen bringt die aktuelle cpo-Veröffentlichung der Kölner Akademie von Michael Alexander Willens – zwei Werke besonderen Zuschnitts. Es sind sogenannte Sepolcri, Kompositionen auf italienische Libretti, die das Geschehen am heiligen Grab nach dem unmittelbaren Abschluss des Leidensweges Jesu betrachten. Auch sie sind – wie etwa die musikalisch sich manifestierende Verehrung des heiligen Franz Xaver – eine katholische ‚Zutat‘, die der sächsische Hof des beginnenden 18. Jahrhunderts seiner Beziehung zum Wiener Kaiserhof verdankte. Und auch sie boten dem musikdramatisch begabten und zugleich kirchenmusikalisch geforderten Heinichen Gelegenheit, seine Möglichkeiten auszuspielen.

Zunächst erklingt ‚Come? S’imbruna il ciel! Occhi piangete!’ ein Werk mit vier durchaus dramaturgisch Statur gewinnenden, zugleich allegorisch aufladbaren Figuren: Die Sopranistin singt Maria Magdalena, die Altistin die Mutter Maria, der Tenor den Apostel Johannes, der Bass schließlich den römischen Hauptmann als Zeugen der Kreuzigung. Natürlich bekommen tiefe Emotionen und deren Reflexion Raum, dazu kommt die einordnende Betrachtung. Als Beispiel mag eine rezitativisch und arios gestaltete Szene gelten, in der Maria und Johannes die Mutter-Sohn-Werdung emotional auszudeuten und plausibel zu machen suchen, die im Passionstext selbst, wenn der schon gekreuzigte Jesus die beiden ihm wohl am nächsten stehenden Menschen aufeinander verweist, stets etwas knapp und technisch wirkt. Ebenso typisch ist eine duettierende Auseinandersetzung von Maria Magdalena und Johannes darüber, ob das Kreuz und das von ihm symbolisierte Los nun erbarmungslos oder seligmachend genannt zu werden hat. Heinichen setzt das in milder Dramatik und mit etlicher Eleganz, eingängig vor allem. Dazu kommen tragende Inventionen wie die drei Oboen in der zweiten Arie der Maria, die in akkordischer Führung den Basso contiuno ersetzen: Heinichen war zweifellos ein begabter Tonsetzer.

Mit dem zweiten der Werke, ‚L’aride tempie ignude‘, befinden wir uns dann ganz im Reich des Allegorischen: Hier singt die Sopranistin die Hoffnung, die Altistin die göttliche Liebe, der Tenor die Buße und der Bass den Tod. Auch hier vollzieht sich das auf ein Libretto wohl von Stefano Pallavicino. Der zunächst mit einer frohlockenden Arie gefeierte Triumph des Todes erweist sich als vermeintlich und wird allmählich ins Hoffnungsvolle gewandelt. Konsequenterweise hat der Tod am Ende des Stücks keine Macht mehr: Der Bass fehlt im Schlusschor.

Stilsicheres Team

Die von Michael Alexander Willens geleitete Kölner Akademie spielt das in erlesener Kontur, mit je dreifachen Violinen und in ansonsten einfacher Besetzung. Dieses Format evoziert ein leichtes, durchscheinendes Klangbild, das Differenzen nachspürt, beweglich ist, geschmackvoll und gefasst. Die Formation und ihr Dirigent profitieren hörbar von ihrer stupenden Erfahrung in ähnlichem Repertoire. Basis ist ein schlanker, perkussiver Basso continuo von einiger Kraft. Insgesamt überzeugt eine elegante Begleithaltung voller feiner Akzente und edel gesammelter Klanglichkeit.

Das bietet den vier Vokalisten eine vorzügliche Grundlage: Die Sopranistin Elena Harsányi verfügt über einen wunderbar klaren Stimmstrahl, ausgeglichen präsente Register, erweist sich in den teils ausgedehnten Rezitativen als enorm gelenkig. Ihre stimmliche Präsenz kommt der Welt einer geistlichen Oper tatsächlich nahe, ist von frischer, geradezu sprudelnder Eloquenz. Elvira Bill hat eine charaktervolle Altstimme, die harmonisch gebaut ist und deren Register harmonisch ineinander verblendet sind. Lyrischer Schmelz ist ein wesentliches Argument für ihren Vortrag, was vor allem der Maria eine natürliche Würde verleiht. Mirko Ludwig gelingt mit seinem Tenor ein feines Parlando, auch dank einer leicht ansprechenden Stimme. Arios entfaltet er sich affektiv frisch, in mancher Situation auch mit entschiedener Schlagkraft. In der ersten Kantate fällt dem Bariton Andreas Wolf bedauerlicherweise eine nur kleine Rolle zu – und schon dort agiert er auf engem Raum eindrucksvoll, mit enormer Autorität und gleichsam idealer stimmlicher Disposition für seine dramatische Arie ‚Mia Sion, che facesti?‘. In der Rolle des Todes unterstreicht er all diese Qualitäten und reüssiert – als vermeintlicher, weil vorübergehender Sieger des Kreuzigungsgeschehens – auch hier stimmlich.

Transparentes Klangbild

Intoniert wird insgesamt ohne Fehl und Tadel, alles wirkt in dieser Hinsicht leicht und selbstverständlich. Auch die rahmenden Chöre sind als Solistenensembles in dieser Hinsicht ungemein harmonisch in ihrer Wirkung. Instrumental wird akzentreich, klar und kleinteilig orientiert artikuliert – ein insgesamt reges Geschehen, das vor allem den empfindsamen Zug in Heinichens Musik exquisit aufstrahlen lässt, exemplarisch in der Sinfonia zum zweiten der beiden Werke. Das Klangbild gerät transparent, dabei griffig und vielschichtig, bietet damit ein sehr schönes Abbild der delikaten Konstellationen.

Trotz einer musikdramatisch durchwirkten Grundanlage geht es am heiligen Grab nicht vordergründig theatralisch zu: Die Affekte siedeln ohnehin eher im klagend-gedämpften Bereich – Noblesse, Betrachtung und schon geringfügig aggregierte Trauer. Zweifellos feines Repertoire, das zu kennen sich unbedingt lohnt. Michael Alexander Willens und seine Kölner Akademie reihen sich vernehmlich in die Riege der aktuellen Heinichen-Exegeten ein. Von einer kleinen Renaissance des Komponisten zu sprechen, ist womöglich verfrüht. Schöne Erträge waren mit Blick auf die Diskografie in letzter Zeit aber durchaus zu verzeichnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Heinichen: Passion Oratorios: Kölner Akademie, Michael Alexander Willens

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Anzahl Medien:
cpo
1
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EAN:

CD
761203550722


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Heinichen, Johann David


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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