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Dienstag, 27. September 2022

B-A-C-H - Anatomy of a motif - Simon Johnson, Orgel

Intereuropäischer Austausch


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach vielen Jahren endlich wieder einmal eine Orgelproduktion aus der St Paul’s Cathedral London.

Das Motiv BACH ist im deutschsprachigen Sprachraum musikalisch natürlich gerade zu ikonisch. Dass es sich um ein typisch deutschsprachiges Phänomen handelt, ist uns gleichwohl selten bewusst – weder im englischsprachigen Raum noch in Italien oder Frankreich funktioniert das Wort-Ton-Spiel (der Ton h heißt entweder b oder si), so dass weder der Name Bach erkannt würde, noch ist Bachs Schaffen andernorts von derart großer Präsenz wie vor allem in Deutschland. So muss die vorliegende Doppel-SACD für uns wie eine altmodische Produktion mit überkommener Sichtweise wirken, mit einem mediokren wenn nicht gar teilweise regelrecht uninformierten Booklettext, bedingt aus ungenügender Kenntnis der kontinentaleuropäischen Musiktradition.

13 Jahre lang war Simon Johnson Organist an St Paul’s Cathedral in London und wechselte 2021 als Musikdirektor an die katholische Westminster Cathedral in der Nähe von Victoria Station, einer Kirche mit mindestens vergleichbarer kirchenmusikalischer Tradition. Sich mit BACH von einer renommierten Institution zu verabschieden stellt in der Zeit des Brexit sicher ein politisches Statement dar: Viele Kulturschaffende betonen, dass sie „still European“ sind und mit den Entwicklungen im Vereinigten Königreich nicht einverstanden sind. Doch derartige Statements auch in Tonträgereinspielungen zu verpacken, ist selten zu finden.

Steigerungen

Beide SACDs beginnt Johnson mit einem Stück von Bach, einmal dem ‚unvollständigen‘ Contrapunctus XIV a 4 aus der Kunst der Fuge (mit einer nicht gerade stilgemäßen Komplettierung von Lionel Rogg von 2020, die hier wohl ihre Ersteinspielung erlebt), einmal mit dem Ricercar a 6 aus dem Musicalischen Opfer. Die kontrapunktische Klarheit beider Werke kommt in der resonanzreichen Akustik der St Paul’s Cathedral nicht ganz optimal zum Tragen, trotz der ‚allumfangenden‘ SACD-Aufnahmetechnik. Johnson legt beide Werke als Steigerungskompositionen an, und die Orgel der Kathedrale (mit einer äußerst wechselvollen Geschichte – einige Pfeifen datieren von 1697, die letzte Renovierung erfolgte 2019) bietet hinreichend Potenzial auch für dieses Repertoire. Dass Johnsons Interpretationen dennoch weit hinter jenen kontinentaleuropäischer Organisten zurück bleibt, mag an der bereits erwähnten weit weniger starken Bach-Tradition in Großbritannien in den vergangenen hundert Jahren liegen (in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sah das anders aus).

Die ‚Kernkompetenz‘ der Orgel stammt aber von 1872 (Neubau durch die Firma Willis), so dass Johnson sich bewusst auf Repertoire des 19. Jahrhunderts konzentriert. Während Robert Schumanns Sechs Fugen op. 60, Johannes Brahms‘ Fuge as-Moll WoO 8 und eine Sonate über den Choral ‚O Haupt voll Blut und Wunden‘, die Rudolf Lutz 2007-8 nach einem Improvisationsfragment von Felix Mendelssohn Bartholdy (dessen Manuskript sich in der Bodleian Library Oxford befindet) geschaffen hat, ein wenig im großen Hall der Kathedrale verloren gehen, sind die Höhepunkte der Produktion sind Franz Liszts Präludium und Fuge über BACH, Regers Phantasie und Fuge über BACH op. 46 und Sigfrid Karg-Elerts selten zu hörende Passacaglia und Fuge über BACH op. 150. Von diesen wurde nur Liszts umfangmäßig noch relativ überschaubare Komposition für eine Kirchenorgel geschaffen, während die beiden anderen Werke nicht zuletzt die neuen akustischen Möglichkeiten der weniger nachhallbelasteten neugebauten Kirchen und Konzertsäle in Betracht zogen. Es ist interessant zu hören, wie sich Reger auf Liszt bezieht und wie hinwiederum Karg-Elert die Bezugnahme auf Reger und Liszt zumeist versucht in den Hintergrund zu drängen; und gerade die Komposition von Karg-Elert, die dieser Henry Willis III, ‚my dear friend‘, widmete, hat natürlich einen besonderen Bezug zu der gewählten Orgel. Hier kann sich Johnson in bestmöglicher Weise profilieren und, nicht zuletzt in Ermangelung von Konkurrenzeinspielungen, eine wichtige Einspielung vorlegen. Ansonsten klingt manches in seinen Darbietungen eher äußerlich-angelernt, die essenzielle Substanz der musikalischen Architektur nicht rundum durchdrungen.

Es wäre spannend gewesen, hätte Johnson diese (reiche) Traditionslinie im 20. Jahrhundert durch die Berücksichtigung jüngerer und anderer Kompositionen weiterverfolgt (Johann Nepomuk David, Ernst Pepping, Alfred Baum, Zsolt Gárdonyi, um nur einige zu nennen), doch hätte er hiermit möglicherweise sowohl sein Plattenlabel als auch seine Hörer überfordert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    B-A-C-H - Anatomy of a motif: Simon Johnson, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
1
Medium:
EAN:

CD
095115528525


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Bach, Johann Sebastian
Brahms, Johannes
Karg-Elert, Sigfrid
Liszt, Franz
Mendelssohn Bartholdy, Felix
Reger, Max
Schumann, Robert


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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