> > > Heinichen: Dresden Vespers: Ensemble Polyharmonique, Wroclaw Baroque, Jaroslaw Thiel
Montag, 3. Oktober 2022

Heinichen: Dresden Vespers - Ensemble Polyharmonique, Wroclaw Baroque, Jaroslaw Thiel

Sächsische Eigentümlichkeiten


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Polyharmonique und das Wrocław Baroque Orchestra mit der qualitätvollen Deutung einer Franz Xaver-Vesper von Johann David Heinichen und einem vernehmlichen Plädoyer für diesen Komponisten.

Die katholische Kirchenmusik des Dresdner Hofes im trotz der Polen-Abenteuer der sächsischen Könige protestantisch bleibenden Umfeld ist gelegentlich Gegenstand musikalischer Betrachtungen, doch nicht häufig: Jan Dismas Zelenka oder Giovanni Alberto Ristori sind Namen, die mit ihren Arbeiten in diese Reihe gehören. Vaclav Luks hatte mit seinem Ensemble 1704 Interessantes zur ‚Missa Divi Xaverii‘ und zur Litanei des Heiligen Franz Xaver beizutragen. Das Sächsische Vocalensemble und die Batzdorfer Hofkapelle unternahmen ähnliche Erkundungen bei Ristori. Die Verehrung dieses Heiligen, eines der Mitgründer des Jesuitenordens und Missionars vieler asiatischer Länder, war über die habsburgische Verheiratung des Kurprinzen Friedrich August mit Erzherzogin Maria Josepha, der Tochter Kaiser Joseph I., nach Sachsen gekommen. Seinem Andenken war jährlich eine Festoktav mit musikalisch auszugestaltenden Gottesdiensten an jedem Nachmittag dieser Woche gewidmet.

Johann David Heinichen, Sohn eines Pfarrers aus Sachsen-Weißenfels, erfuhr maßgebliche Bildungsimpulse – musikalisch und weit darüber hinaus – an der Leipziger Thomasschule bei Johann Schelle und Johann Kuhnau, studierte später die Rechte, profilierte sich im Rahmen des reichen musikalischen Lebens der Messestadt, avancierte zu einem musikdramatisch kundigen Komponisten, reüssierte im Rahmen einer Bildungsreise nach Italien in Venedig so, dass der angesprochene sächsische Kurprinz im Rahmen seiner Kavalierstour auf ihn aufmerksam wurde und mit nach Dresden nahm. Nach einem erfolgreichen Höhepunkt im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten 1719 führte ein Skandal im Zuge einer Opernvorbereitung wenig später zur Entlassung der in Dresden aktiven italienischen Vokalstars, in der Folge zum einstweiligen Ende der Opernarbeit und damit eines wesentlichen Tätigkeitsfeldes Heinichens. Abhilfe schuf die Befassung mit der affektreichen katholischen Kirchenmusik: Auf dem Programm der aktuell bei Accent erschienenen Platte präsentiert das Ensemble Polyharmonique gemeinsam mit dem von Jarosław Thiel geleiteten Wrocław Baroque Orchestra ein Beispiel dieser Arbeit, eine dem Fest Franz Xavers gewidmete Vesper. Neben fünf Psalmen gehört dazu ein Hymnus, das obligatorische Magnificat sowie eine marianische Antiphon. Für das Programm zusammengestellt sind sie aus dem Vorrat der überlieferten Kompositionen Heinichens – eine Vesper, die, wie Gerhard Poppe im höchst informativen Bookletessay schreibt, ‚1724 zum Fest des heiligen Franz Xaver erklungen sein könnte.‘ Am Schluss steht mit der Litaniae de Sancto Xaverio eine besondere Merkwürdigkeit, in der es Heinichen gelingt, auch dieses strukturell trockene und faserige Ordnungsprinzip zu eleganter, selbstverständlich wirkender Musik gerinnen zu lassen.

Geschmackvoll und mit prallem Klang

Attraktives ‚Futter‘ für das Ensemble Polyharmonique, das einerseits in seiner Stammbesetzung mit den Sopranen Joowon Chung und Magdalene Harer, dem Altus Alexander Schneider, den Tenören Johannes Gaubitz und Sören Richter sowie dem Bass Matthias Lutze singt, darüber hinaus mit dem Altus Piotr Olech sowie dem Bass Cornelius Uhle erweitert ist und damit auf acht Stimmen und zu einem herausragend geschmackvollen Kammerchor anwächst, der agil wirkt und konzentriert, dazu getragen ist von frischer Schlagkraft. Bestes Beispiel ist das ‚Dominus a dextris tuis‘ aus dem einleitenden ‚Dixit Dominus‘, das mit all diesen Qualitäten prunkt – wen dieser Zugang nicht von Ensemble und Musik überzeugt, der ist vermutlich ohnehin nicht dafür zu gewinnen. Hinzu treten solistische Ensembles von durchscheinender Qualität und etliche Soli. Die geraten gleichfalls überwiegend trefflich – vielleicht nicht in jedem Fall mit dem üppigen Überschuss an Charme und Klasse, der die Formation als Ensemble verlässlich auszeichnet. Die Intonation der Vokalformation ist ebenso mühe- wie makellos.

Eine Qualität, die das von Jarosław Thiel geleitete Wrocław Baroque Orchestra auf nämlichem Niveau aufgreift. Sein Spiel kennzeichnet ein erfrischend strahlkräftiger, gleichfalls kunst- wie temperamentvoller Ensembleklang, der reich ist an nuancierter Spielkunst, mit Mut zu klarer dynamischer Zeichnung: Es entstehen plastische Gesten voller Saft und Kraft, dazu absolut ruhevolle, konzentrierte Passagen. Der Basso continuo zeichnet konturscharf, die Streicherregister werden schön gesammelt.

Thiel gestaltet die Sphäre der Tempi unbedingt entschieden. Rasante Sätze voller vibrierender Energie sind zu erleben, im Kontrast dazu wunderbar lyrische Momente, die den wachen Sinn für feine Linien verraten, auch wenn dieses Prinzip in der Litanei an seine Grenzen zu gelangen scheint. Das Klangbild der im riesigen Saal des Nationalen Witold Lutosławski Forum in Wrocław entstandenen Aufnahme erlaubt auch dieser eher überschaubaren Besetzung eine tiefe Staffelung und klare Struktur – man wähnt sich beim Hören fortwährend am Puls der Musik.

Wie aus gewissen historischen Konstellationen eine musikalische Tradition erwachsen kann, zeigt diese Franz Xaver-Vesper von Johann David Heinichen. Das Ensemble Polyharmonique und das Wrocław Baroque Orchestra mit einer qualitätvollen Deutung und einem Plädoyer für Heinichen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Heinichen: Dresden Vespers: Ensemble Polyharmonique, Wroclaw Baroque, Jaroslaw Thiel

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Anzahl Medien:
Accent
1
Medium:
EAN:

CD
4015023243811


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Heinichen, Johann David


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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