> > > Ullmann: Der Kaiser von Atlantis: Münchner Rundfunkorchester, Patrick Hahn
Montag, 8. August 2022

Ullmann: Der Kaiser von Atlantis - Münchner Rundfunkorchester, Patrick Hahn

Die Tod-Verweigerung


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese CD ist eine atmosphärisch dichte Aufforderung, Ullmanns Oper noch präsenter auf die Spielpläne zu setzen und eine längst überfällig Diskografie-Erweiterung.

Im Oktober 2021 gab es im Münchner Prinzregententheater eine konzertante Aufführung von Viktor Ullmanns Einakter ‚Der Kaiser von Atlantis‘ aus den Jahren 1942-44. Ullmann schrieb sein Werk im Ghetto Theresienstadt. Eine Aufführung konnte er nie erleben, er und sein Librettist Peter Kien wurden kurz vor Kriegsende in Auschwitz ermordet. Seine Manuskripte, darunter auch der ‚Kaiser von Atlantis‘, hatte Ullmann zuvor einem Freund übergeben, der das Lager überlebte. Seit der posthumen Uraufführung 1975 in Amsterdam ist die Kammeroper nicht mehr von den Spielplänen wegzudenken.

Wenn man heute den nun vorliegenden Mitschnitt aus München hört, der beim hauseigenen Label des Bayerischen Rundfunks auf einer CD erschienen ist, dann läuft es einem vor lauter Aktualität kalt den Rücken herunter. Die Vergleiche zum Zeitgeschehen damals und heute ziehen sich von ganz alleine, erklären muss man da nichts. Ein verblendeter, macht- und kriegsbesessener Diktator namens Kaiser Overall sitzt allein in seiner Festung und sendet über einen Lautsprecher Befehle in die Welt – der extremste: Er erklärt den Krieg aller gegen alle. Doch aus den folgenden Schlachten folgen keine Toten. Der Tod selbst verweigert den Dienst. Der Schrecken hat auch unerwartete Seiten: Auf dem Schlachtfeld erschießen sich ein Soldat und ein junges Mädchen. Weil aber keiner von beiden stirbt, haben sie die Chance, sich ineinander zu verlieben. Kien und Ullmann nutzen u.a. Motive des tschechischen Dramatikers Karel Čapek, verbinden Komödie mit Tragödie, kombinieren Lyrisch-Melancholisches mit Bissig-Satirischem, zeichnen die Katastrophe ihrer Zeit, ohne die Hoffnung zu ignorieren. ‚Der Kaiser von Atlantis‘ kann einen schwerlich kalt lassen, gerade jetzt, wo wieder ein Krieg in Europa tobt. Als im Oktober 2021 diese Münchner Aufführung über die Bretter ging, waren es auch die Parallelitäten zur Pandemiezeit, die so manche Textpassage mit neuer Bedeutung aufluden: ‚Tausende ringen mit dem Leben‘.

In besten Händen

Die Musik von Viktor Ullmann ist beim Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung des jungen Dirigenten Patrick Hahn in den besten Händen. Sie meistern mit Bravour und Feingespür die Gratwanderung zwischen jazzigen Klängen, atonalen Passagen, Tanzmusik und dramatischer Eruption. Hahn schärft die Kontraste eindrücklich, schafft größtmögliche Transparenz im ohnehin nicht übergroßen Orchesterapparat. Vor allem den weiten Bogen, der sich über die vier Szenen und ihre unterschiedlichen Formen und Farben spannt, hält Hahn mit eindrücklicher Präsenz.

Aus dem vorzüglichen Ensemble sticht vor allem Lars Woldt mit seinem kraftvollen Bass und der eindringlichen Artikulation hervor. Ebenfalls mit Wortgewalt und Klangschönheit zeichnet Tareq Nazmi den Tod (sogar wesentlich prägnanter als Walter Berry in der Decca-aufnahme von 1993). Christel Loetzsch gibt den Trommler mit passgenauer Kälte und Unerbittlichkeit, während das Mädchen Bubikopf bei Juliana Zara zwar viel Lyrik und schönstimmige Akkuratesse mitbekommt, dafür wenig greifbares Profil. Als Kaiser Overall macht Adrian Eröd den Wahnsinn und den Fanatismus seiner Figur deutlich, unterfüttert von einer wunderbar irritierenden Eleganz des Vortrags. Als Harlekin und Soldat komplettiert Johannes Chum das Ensemble (in derselben Rollenkombination, wie sie bei den Proben in Theresienstadt vorgesehen war). Bei Chum steht dem Hörer vor allen Dingen die Textunverständlichkeit im Weg, seine ansonsten rollendeckende Vokalleistung mit eher ‚feinem Pinsel‘ fügt sich gut ins Gesamtbild.

Diese CD ist eine atmosphärisch dichte Aufforderung, Ullmanns Oper noch präsenter auf die Spielpläne zu setzen und eine längst überfällig Diskografie-Erweiterung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ullmann: Der Kaiser von Atlantis: Münchner Rundfunkorchester, Patrick Hahn

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
15.04.2022
052:53
2021
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719003390
900339


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Ullmann, Viktor


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"Viktor Ullmann, 1898 im schlesischen Teschen geboren, hatte bei Arnold Schönberg und Alois Hába in Wien studiert, erst als Kapellmeister und dann als Buchhändler gearbeitet und sich 1933 als freischaffender Künstler in Prag niedergelassen. Da er einer jüdischen Familie entstammte, wurde er 1942 von den Nazis ins Lager Theresienstadt deportiert. Im Oktober 1944 wurde er gemeinsam mit den nahezu gleichaltrigen Komponisten Pavel Haas und Hans Krása in Auschwitz-Birkenau ermordet. – Da die Nazis im „Vorzeigeghetto“ Theresienstadt ein reges kulturelles Leben erlaubten, konnte sich auch Ullmann musikalisch betätigen; das intellektuelle und kulturelle Erbe jener Zeit spiegelt sich in seiner Musik wider, auch und vor allem im zwischen Juni/Juli 1943 und August 1944 entstandenen „Kaiser von Atlantis“. Die einaktige Kammeroper (original „Spiel in einem Akt“) „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ auf das Libretto von Ullmanns Mithäftling Peter Kien erlebte ihre Uraufführung erst am 16. Dezember 1975 in Amsterdam, da die Aufführung in Theresienstadt nach der Generalprobe verboten worden war. – Ein ebenso absurder wie tröstender Gedanke setzt das Spiel in Gang: Der Tod streikt. Er ist seines Daseins überdrüssig, verweigert den Dienst. Auf vielfache Weise wird auf die Lebensrealität der nach Theresienstadt Deportierten bezuggenommen; die im sagenhaften Atlantis verortete Oper ist eine Parabel auf das unmenschliche System der Nationalsozialisten: Kaiser Overall sitzt isoliert in seinem Palast und ruft zum Kampf „aller gegen alle“ auf. Als einzige Verbindung zur Außenwelt dient ihm der Lautsprecher, der seine Befehle verkündet… Der Tod streikt – und nimmt damit dem Kaiser seine Macht: Wenn die Menschen nicht mehr sterben, wer wird ihn dann noch fürchten? Die konzertante Aufführung der Fassung von Henning Brauel und Andreas Krause (Schott), die am 10. Oktober 2021 im Münchner Prinzregententheater stattfand, wurde für die vorliegende CD mitgeschnitten. An der Seite des international bekannten österreichischen Kammersängers Adrian Eröd in der Titelrolle sangen vornehmlich junge Interpreten, begleitet vom Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Patrick Hahn, der damit seinen Einstand als Erster Gastdirigent des Orchesters gab. Der 26jährige Österreicher, seit 2021 jüngster GMD im deutschsprachigen Raum in Wuppertal, ist zu Beginn der aktuellen Spielzeit als Erster Gastdirigent des MRO verpflichtet worden. Das Münchner Publikum war ebenso beeindruckt, wie die Fachpresse. Auch im Live-Mitschnitt auf CD macht dieses eindringliche Werk, geschaffen von einem großartigen Komponisten mit wenigen ihm in Theresienstadt zur Verfügung stehenden Mitteln, Eindruck."


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter der Marke BR-KLASSIK seit 2009 den Musikfreunden angeboten. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 200 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO), das Münchner Rundfunkorchester, der Chor des Bayerischen Rundfunks sowie die Konzertreihe musica viva genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden auf BR-KLASSIK - dem hauseigenen Label - dokumentiert.

Die Reihe BR-KLASSIK WISSEN liefert spannende Werkeinführungen und Hörbiografien mit vielen Hintergrundinformationen und Musikbeispielen. 

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Berater geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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