> > > Briegel: 12 Madrigalische Trost-Gesänge: Ensemble Polyharmonique
Samstag, 25. Juni 2022

Briegel: 12 Madrigalische Trost-Gesänge - Ensemble Polyharmonique

Abschiedsgabe


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wolfgang Carl Briegel ist sicher einer jener Komponisten, die zu unterschätzen aus heutiger, auf wenige Größen verengter Perspektive, mancher Gefahr laufen könnte. Das Ensemble Polyharmonique setzt dem ein entschiedenes Plädoyer entgegen.

Das für jene Zeit bemerkenswert lange Leben von Wolfgang Carl Briegel (1626-1712) hatte zwei große berufliche Schwerpunkte: Von 1650 bis 1670 war er in verschiedenen Positionen am Hof des Herzogs von Sachsen-Gotha tätig, zuletzt als Kapellmeister. Dann war er, seit Anfang 1671 bis zu seinem Lebensende, in Darmstadt tätig, als ‚Fürstlich Hessischer Kapellmeister zu Darmstadt‘. Ein wohl wesentliches Bindeglied war Elisabeth Dorothea, die erstgeborene Tochter seines Gothaer Herzogs Ernst I. Briegel war ihr Musiklehrer und schätzte ihr musikalisches Vermögen ‚sowohl in der Vocal- als Instrumental-Music‘. Da die Herzogstochter seit 1666 nach Hessen-Darmstadt als Gemahlin des Landgrafs Ludwig VI. verheiratet war und sie Briegel auch an ihrem neuen Lebensmittelpunkt nicht missen mochte und ihn dorthin zu lenken gedachte, fügte sich am Ende, was gewünscht wurde.

Auf diesem Scheitelpunkt seines beruflichen Lebens schied Briegel nicht aus Gotha, ohne mit der Sammlung der ‚Zwölff Madrigalischen Trost=Gesänge‘ eine würdige Abschiedsgabe zu hinterlassen. Die Werke sind gelegentlich tatsächlich madrigalisch im Sinne des Prinzips der Spruchmotette, die Heinrich Schütz zu idealer Form verfeinert hatte. Dann eignet anderen der Sätze aber auch ein einfacherer Zug, homophon und ungemein zugänglich. Briegel erweist sich insgesamt als leichthändig setzender Kontrapunktiker, bezieht Effekte inhärenter Mehrchörigkeit in seine Arbeiten ein. Das Moment des Zyklischen manifestiert sich in diesen zwölf Gesängen nicht in stilistischer Geschlossenheit, eher durch eine offene Vielgestaltigkeit. In das Programm sind Fugen durch die die acht Kirchentöne eingefügt, die einerseits Briegels weiteren Kosmos andeuten, ohne substanzieller wirksam zu werden, und andererseits einfach die vokalen Anteile sehr schön gliedern.

Harmonische Ensembleleistung

Das Ensemble Polyharmonique singt hier in seiner angestammten Besetzung mit den beiden Sopranistinnen Magdalene Harer und Joowon Chung, dem Altisten und künstlerischen Leiter der Formation Alexander Schneider, den Tenören Johannes Gaubitz und Sören Richter sowie dem Bass Matthias Lutze. In dieser Gestalt hat sich das Ensemble in den vergangenen Jahren fast umstandslos und ohne künstlerische ‚Aufwärmzeit‘ in die erste Reihe jener Formationen gesungen, die im Repertoire vor allem des mitteldeutschen Barock reüssieren und mit Blick auf die Erschließung unbekannter Regionen dieser Überlieferung gar Maßstäbe setzen: Neben Schütz sind Tobias Michael, Andreas Hammerschmidt, Johann David Heinichen oder jetzt Wolfgang Carl Briegel jedenfalls nicht durchgängig ‚Mainstream‘ – und doch kostbar in ihrem latent unentdeckten Reichtum.

Die Sechs vereinen stimmliche Schönheit, Registerklarheit und fein ausgehörte Interaktion mit sensibler Textausdeutung und einer Frische im Ansatz, die immer wieder neu für die Präsentation des Ensembles einnimmt. All das wird auch hier mit Überzeugung in die Waagschale geworfen. Intoniert wird ohne Makel und Trübung; bei großer Agilität und der Bereitschaft zu intensiver Deutung wirkt die Szenerie in dieser Hinsicht durchgehend leicht und selbstverständlich. Die strukturellen Vorgaben Briegels zwischen einfacherer choraler Geste und avancierter kontrapunktischer Kunst auf der Höhe jener Zeit werden gekonnt ausbalanciert, verknüpft mit einer natürlichen, textinspirierten Geste, ohne je in artifizielles Überartikulieren abzugleiten.

Edel grundiert

Das Ensemble wird von zwei Instrumentalisten grundiert: Juliane Laake spielt auf einem Violone, Klaus Eichhorn spielt neben einer kleinen Truhenorgel auf einer größeren, die auch die Fugen expliziert: Es ist die 1786 für die Kirche in Markt Nordheim entstandene Ehrlich-Orgel, die sich in überschaubarer Dimension mit 12 klingenden Registern doch als erstaunlich reich an zeichnenden Farben erweist und mit der die kleinen Fugen ebenso erstrahlen wie die vokale Kunst des Ensemble Polyharmonique im Verbund mit dem Violone gelassen und souverän edel grundiert wird.

Das gesamte Programm wird in ein freies Fließen gebracht, ohne Druck – die Texte und ihre Entfaltung sind Basis und Richtschnur. Die solistische Besetzung betont auf natürliche Weise das Feine und an Nuancen Reiche, doch versammeln sich die vereinten Kräfte anlässlich satztechnischer Höhepunkte auch zu Wirkungen von kompakter Größe. Das Klangbild ist konzentriert im Kern, reich im Abbild des Details und souverän in der Aufnahme der relativen Vielschichtigkeit.

Mit dieser noblen, ebenso gelehrten wie glaubwürdig beseelten Musik kann man Abschied nehmen. Wolfgang Carl Briegel ist sicher einer jener Komponisten, die zu unterschätzen aus heutiger, auf wenige Größen verengter Perspektive, mancher Gefahr laufen könnte. Das Ensemble Polyharmonique setzt dem ein entschiedenes Plädoyer entgegen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Briegel: 12 Madrigalische Trost-Gesänge: Ensemble Polyharmonique

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203544929


Cover vergössern

Briegel, Wolfgang Carl
 - Wer Gott vertraut -
 - Ach Herr lehre doch mich -
 - Valet will ich Dir geben -
 - Ach wie gar nichts -
 - Fuga primi toni -
 - Fuga secundi toni -
 - Du aber Daniel -
 - Fuga terzi toni -
 - Fuga quarti toni -
 - Ich habe Dich ein klein Augenblick verlassen -
 - Fuga quinti toni -
 - Si bona suscepimus -
 - Fuga secti toni -
 - Der Gerechte -
 - Fuga septimi toni -
 - Fuga octavi toni -
 - Wir sind getrost -
 - Ach lieben Christen seid getrost -
 - Es ist ein Elend -
 - Wahrlich ich sage Euch -


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Reflektiertes aus Hamburg: Zwei Telemann-Oratorien in Weltersteinspielungen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Vollendete Kammermusik: Etwa zu lange musste der interessierte Hörer auf diese CD mit Klavierkammermusik von Ferdinand Hiller warten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Betrachtungen am Grab: Michael Alexander Willens und die Kölner Akademie reihen sich vernehmlich in die Riege der aktuellen Heinichen-Exegeten ein. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Mit Ambition: Rudolf Lutz und seine Ensembles der St. Gallener Bach-Stiftung sind hier mit besonderen Schmuckstücken zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre zu hören: Inspiriert und in Hochform. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Betrachtungen am Grab: Michael Alexander Willens und die Kölner Akademie reihen sich vernehmlich in die Riege der aktuellen Heinichen-Exegeten ein. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Sonatenschatz: Matthias Weckmann wird hier von Roland Wilson und seiner Musica Fiata als hochklassiger Instrumentalkomponist vorgestellt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (4/2021) herunterladen (7000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (6/2022) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich