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Dienstag, 2. März 2021

Cori Spezzati - Venezianische Mehrchörigkeit

Der Raum als Instrument der Musik


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn von der ‚Urzeit’ des mehrchörigen Musizierens die Rede ist, muss Adrian Willaerts 1550 erschienene Sammlung ‚Salmi Spezzati’ als zentraler Ausgangspunkt gelten: Erstmals in der Musikgeschichte wurde hier jene Praxis ausgeprägt, die Gioseffo Zarlino wenig später auch theoretisch erläuterte und damit sanktionierte, wonach zwei oder mehrere Vokalchöre getrennt voneinander stehend musizieren, sich dabei abwechseln, an den Schlüssen vereinen und ansonsten einen je vollständigen Vokalsatz aufweisen. Dieses Prinzip, das nicht zuletzt durch die räumlichen Möglichkeiten des venezianischen Markusdoms inspiriert war, avancierte in Spätrenaissance und Barock zu einem der maßgeblichen Elemente geistlicher Vokalmusik. Und es faszinierte die Hörer ebenso wie es die Komponisten motivierte, die aus ganz Europa nach Venedig eilten, um von Andrea Gabrieli und später vor allem von dessen Neffen Giovanni zu lernen – berühmte Namen sind darunter, wie die Hans Leo Haßlers oder Heinrich Schütz’, letzterer maßgeblich dafür verantwortlich, diesen Stil in seiner Heimat zu etablieren.

Gelungenes Konzept in feiner Interpretation

In der vorliegenden Aufnahme bilden zweifellos die reichen und von größter Souveränität zeugenden Kompositionen Giovanni Gabrielis das Zentrum: ‚Klassische’ Stücke der ausladend proportionierten Mehrchörigkeit stehen da neben Madrigalen, in denen er einzelne Elemente des mehrchörigen Prinzips verwandte, häufig in wenigen Stimmen und kleineren Echoeffekten komprimiert. Doch auch Werke der großen Vorläufer Willaert und Andrea Gabrieli kommen zu Gehör, dazu einzelne Stücke herausragender Schüler – so etwa von Johann Grabbe und Mogens Pedersøn.
Klanglich wird dabei eine enorme Palette von durchsichtig-zerbrechlichen Ensembles über die beinahe orchestrale Klangpracht großdimensionierter Messsätze gefordert, bis hin zum vokalartistischen Höhepunkt eines ‚Alla battaglia’ Andrea Gabrielis. All das verlangt nach einem künstlerisch potenten Ensemble, nach einem klanglich geeigneten Aufnahmeort und nach einer exquisiten technischen Realisierung – und zum Glück für den Hörer fügte es sich so. Der Chamber Choir of Europe präsentiert sich als bestens abgestimmtes, transparent musizierendes Ensemble, das offenkundig einem gemeinsamen Klangideal verpflichtet ist. Die durchweg hohen technischen Anforderungen werden souverän und mit frischer Musizierlust gemeistert. Dabei bleibt der Klang erfreulich frei und ohne Force, wird besonders in den teils extrem gelagerten Randstimmen erstaunlich entspannt und makellos intoniert. Kleinere Mängel in Sachen Intonation bleiben da nebensächlich und beschränken sich auf wenige Klauseln und Schlüsse in den Mittelstimmen.

Denn es überwiegt der überzeugende Gesamteindruck: Die zarte und doch lebendige Diktion in den madrigalischen Kompositionen kündet ebenso vom einfühlsamen Gestalter Nicol Matt wie das beinahe lustvolle Zelebrieren der vielstimmigen Klangballungen, etwa im 16stimmigen ‚Gloria’ Andrea Gabrielis oder im ebenso eindrucksvollen ‚Omnes gentes plaudite’ seines Neffen Giovanni – auch wenn dann und wann die Texte im Getümmel dieser Klang-Effekt-Musik verloren gehen. Dazu entstand die Aufnahme in der Krypta des Doms zu Speyer, einem Raum, der einerseits ein klares und direktes Klangbild ermöglichte, der andererseits aber auch schöne Effekte des Raumklangs entstehen ließ. Bei mäßigem Hall gelingt den Sängern ein souveränes Spiel mit den Anteilen des Raumes an dieser Musik, die zudem von der digitalen Multichanneltechnik profitiert und manche ihrer eigentlich nur im großen Raum erfahrbaren Besonderheiten auch dem Hörer dieser Platte enthüllt. Und so bleibt das allzu schmale und konzeptionell seltsam unentschlossene Booklet – die Texte der Kompositionen sind neben dem Original nur in deutscher Übersetzung verfügbar, vom eigentlich überzeugenden Einführungstext existiert dagegen nur eine englische Fassung – der einzige echte Wermutstropfen dieser ansonsten höchsten Ansprüchen gerecht werdenden Aufnahme.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cori Spezzati: Venezianische Mehrchörigkeit

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
03.12.2003
61:21
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
5028421922096
92209


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Gabrieli, Andrea
Gabrieli, Giovanni
Grabbe, Johann
 - Ahi senza te -
 - Ninfe leggiadre e belle -
 - Dolce nemica mia -
 - O bene mio -
 - Alma corte s'e bella -
 - Cor mio -
 - Deh dolce anima -
 - T'amo vita -
 - Kyrie eleison -
 - Fuggi pur se sai -
 - In nobil sangue -
 - Alla battaglia -
 - Amor dove mi guidi -
 - A le guancie de rose -
 - Gloria -
 - Sanctus -
 - Credo -
 - Hodie Christus natus est -
 - Agnus Dei -
 - Omnes gentes plaudite -
Merulo, Claudio
Nielsen, Hans
 - Ahi senza te -
 - Ninfe leggiadre e belle -
 - Dolce nemica mia -
 - O bene mio -
 - Alma corte s'e bella -
 - Cor mio -
 - Deh dolce anima -
 - T'amo vita -
 - Kyrie eleison -
 - Fuggi pur se sai -
 - In nobil sangue -
 - Alla battaglia -
 - Amor dove mi guidi -
 - A le guancie de rose -
 - Gloria -
 - Sanctus -
 - Credo -
 - Hodie Christus natus est -
 - Agnus Dei -
 - Omnes gentes plaudite -
Pederson, Mogens
 - Ahi senza te -
 - Ninfe leggiadre e belle -
 - Dolce nemica mia -
 - O bene mio -
 - Alma corte s'e bella -
 - Cor mio -
 - Deh dolce anima -
 - T'amo vita -
 - Kyrie eleison -
 - Fuggi pur se sai -
 - In nobil sangue -
 - Alla battaglia -
 - Amor dove mi guidi -
 - A le guancie de rose -
 - Gloria -
 - Sanctus -
 - Credo -
 - Hodie Christus natus est -
 - Agnus Dei -
 - Omnes gentes plaudite -
Striggio, Alessandro
 - Ahi senza te -
 - Ninfe leggiadre e belle -
 - Dolce nemica mia -
 - O bene mio -
 - Alma corte s'e bella -
 - Cor mio -
 - Deh dolce anima -
 - T'amo vita -
 - Kyrie eleison -
 - Fuggi pur se sai -
 - In nobil sangue -
 - Alla battaglia -
 - Amor dove mi guidi -
 - A le guancie de rose -
 - Gloria -
 - Sanctus -
 - Credo -
 - Hodie Christus natus est -
 - Agnus Dei -
 - Omnes gentes plaudite -
Willaert, Adrian


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Dirigent(en):Matt, Nicol
Interpret(en):Chamber Choir of Europe,


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Brilliant classics

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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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