> > > Bruckner, Anton: Mass in d minor
Dienstag, 2. März 2021

Bruckner, Anton - Mass in d minor

Am Anfang wahrer Grösse


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Anton Bruckners Musik über seine oft ins Anekdotische verzerrte Biographie verstehen und deuten zu wollen, verbietet sich der heutigen Kenntnis – allzu deutlich wurden in den letzten Jahrzehnten manche der viel zu lange wirksamen Traditionen entzaubert, wurde Geschichten und Geschichtchen der Schüler, Gönner und derer, die den verehrten Meister am allerbesten kannten oder gekannt haben wollen, der ihnen gebührende Platz im wohlverdienten Abseits der Bruckner-Forschung zugewiesen.
Gleichwohl bleibt es sinnvoll, die Phasen im Schaffen eines Komponisten vor dem Hintergrund seiner persönlichen und künstlerischen Entwicklung zu betrachten, seine Kompositionen in den Kontext des Lebenswerkes zu stellen. So manches Missverständnis kann vermieden, manche Herabsetzung früher entstandener Werke im Vergleich mit den größeren der Reifezeit kann korrigiert werden.
Nun stand Bruckners erste große Messe in d-Moll von 1864 nie im Verdacht, klein und unbedeutend zu sein. Im Gegenteil: Sie hatte – im krassen Gegensatz zu mancher seiner späteren Sinfonien – sofort außerordentlichen Erfolg und wurde in der kunstliebenden Öffentlichkeit als eine erste Visitenkarte des nicht mehr ganz jungen Komponisten akzeptiert. Der hatte am Beginn seines fünften Lebensjahrzehnts ‚seinen’ Weg gefunden: Es zeigt sich da eine mehr oder weniger ‚friedliche Koexistenz’ von klassischen Elementen – in Melodiebildung, Orchestrierung, Rhythmik grüßen die Traditionen Mozarts, Beethovens und besonders Schuberts – und dem Brucknerschen ‚Neuen’: Durchaus mutig und selbstbewusst setzt Bruckner auf die späterhin typischen Elemente seines Personalstils – mächtige Unisoni, grundiert von Streichertremoli, mehrfache Punktierungen, kühne harmonische Wendungen und chromatische Alterationen deuten an, welchen Weg der Komponist gehen wird. Während wir das Talent, dramatisch-wuchtige Akzente zu setzen, schon voll ausgeprägt finden, stellte sich die Gabe zur souveränen Gestaltung der ruhig-spannungsvollen Weite erst mit den Adagios seiner späten Sinfonien ein.

Chance zur effektvollen Präsentation

Im besten Sinne ist dies ein Werk, mit Hilfe dessen sich die Interpreten dem Publikum präsentieren können: Große Effekte, eine breite dynamische Palette, Virtuosität und Schlagkraft: Chor, Solisten und Orchester bietet sich eine große Chance und – sie wurde überzeugend genutzt. Der Chamber Choir of Europe zeigt sich zum wiederholten Male als stilsicheres Ensemble, das durch Dezenz ebenso wie durch Kraft besticht: Die – nicht sehr zahlreichen - zarten Passagen überzeugen, vor allem jedoch in jenen Teilen der Messe, in denen stimmliche Schlagkraft, Klangausdauer, Geschlossenheit und Disziplin gefordert sind, präsentiert sich ein gereifter Chorklang. Hinzu gesellt sich mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen ein klar disponiertes, klanglich ausgewogen agierendes Orchester, das dem Dirigenten Nicol Matt durch all Höhen und Tiefen klassisch-romantischer Dynamik zu folgen vermag. Überhaupt lässt Matt vollkommen zu Recht den großen Atem dominieren, gestaltet er in großen Bögen, arbeitet die großen Gegensätze heraus, verknüpft die auseinander hervorgehenden Passagen: Dabei spielt auch das junge, harmonisch zusammengefügte Solistenquartett eine hervorgehobene Rolle, wenn es bei den häufigen Wechseln zwischen Chor und Soli souverän die Musizierhaltung übernimmt und sich mit seinem durchaus schon vorhandenen dramatischen Stimmpotential in den Ablauf der Komposition einbettet, die – ganz in klassischer Tradition stehend – dem einzelnen Sänger nicht den ganz großen Raum zur Entfaltung bietet.
Ein sehr gut ausgeleuchteter Gesamtklang profitiert auch davon, dass Nicol Matt der Versuchung widersteht, Brucknersches ‚Highlight-Hopping’ zu veranstalten. Vielmehr sammelt er das gesamte Ensemble auch in den schlichteren Passagen und verbleibt auch hier in einer konzentrierten Haltung.
Nur das bei ‚Brilliant Classics’ einmal mehr schwache und karge Booklet verhindert es, bei der vorliegenden Aufnahme von einer rundum gelungenen Platte zu sprechen – technisch und künstlerisch genügt sie sehr hohen Ansprüchen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Mass in d minor

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
03.12.2003
50:38
2003
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
5028421922126
92212


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Bruckner, Anton


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Dirigent(en):Matt, Nicol
Orchester/Ensemble:Württembergische Philharmonie Reutlingen
Interpret(en):Chamber Choir of Europe,


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