> > > Bacewicz, Tansman: Piano Quintets: Julia Kociuban, Messages Quartet
Samstag, 21. Mai 2022

Bacewicz, Tansman: Piano Quintets - Julia Kociuban, Messages Quartet

Ist das Neoklassik?


Label/Verlag: DUX
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tonale Komponisten der Mitte des 20. Jahrhunderts haben es schwer.

Grażyna Bacewicz (geboren 1909) wurde nur knapp sechzig Jahre alt, doch in dieser Zeit wurde sie eine der bedeutendsten Vertreter polnischer Musik im 20. Jahrhundert. Ihre Musik hat nichts mit Penderecki oder Lutosławski gemein, vielmehr ist sie schamlos tonal gebunden, formal klar konzipiert, in herausragender Weise von hoher Instrumentationskunst.

Das erste Klavierquintett (1952) eröffnet mit einer Phrase, die Regers Klaviertrio op. 102 zu entstammen scheint, und es darf dahingestellt bleiben, ob es sich um ein unbeabsichtigtes oder ein bewusstes Zitat handelt. Dass es eher absichtlich sein dürfte, legte das Scherzo nahe, das in verblüffender Weise auf Reger Bezug nimmt und doch – wie alles bei Bacewicz, ganz eigen. Die Frische der Musik verweigert sich in den Augen des Rezensenten einer allzu klaren Etikettierung – aus Polen selbst scheint die Einschätzung, dass es sich um ein neoklassische Musik handeln soll. Vielleicht müssen wir für die Musik des 20. Jahrhunderts unsere gängigen, vielleicht allzu zeitnah entstandenen ‚Definitionen‘ überdenken. Mit dem Grave ihres ersten Quintetts jedenfalls scheint Bacewicz in ganz anderen Gefilden zu sein als in den anderen Sätzen – scheint sich sich eher dem ‚neospirituellen‘ Stil des späteren Górecki anzunähern.

Das zweite Quintett (1965) ist weit weniger tonal (um nicht zu sagen nahezu atonal), von den Texturen nicht minder detailliert ausgearbeitet und von großer emotionaler Spannweite. Das dreisätzige Werk zeigt zwar auch hier offenkundige Markenzeichen von Bacewiczs Stil, feines rhythmisches neben dem harmonischen Gespür, die Nutzung verschiedener Spieltechniken der Streichinstrumente und einen nicht selten vollgriffigen Klavierpart. Und auch hier schließt das Werk in purer Spielfreude und natürlich entwickelter Virtuosität.

Eigene Klangsprache

Alexandre Tansman (1897–1986) war zwar auch polnischer Abstammung, ließ sich aber bereits 1919 in Paris nieder (was sich später aufgrund seiner jüdischen Herkunft als kluger Schritt erweisen sollte) und wurde bekannter Teil des Pariser Musiklebens, auch wenn er in der heutigen Wahrnehmung durch schillerndere Persönlichkeiten zumeist überschattet wurde. Tansmans ‚Musia a cinque‘ entstand 1955 und ist eher eine ‚Suite im alten Stil‘ denn ein genuines Klavierquintett. In den Sätzen Praeludium, Toccata, Elegia, Divertimento und Finale finden wir postimpressionistische ebenso wie postexpressionistische Elemente, eine durchaus eigene Klangsprache mithin (die in der Tat gerne mit dem Etikett ‚neoklassisch‘ verunziert wird), die mit seiner polnischen Herkunft zwar nur mehr wenig gemein hat, die aber in der Energie und der emotionalen Durchdringung der jüngeren Kollegin in gewisser Weise vergleichbar ist.

Julia Kociuban hatte Tansman schon im Falle ihrer Einspielung des Klavierkonzerts Bacewiczs Gattungsbeitrag gegenübergestellt, und die hier eingespielten Werke bilden zusammen ein überzeugendes Ensemble, ebenso wie Kociuban und das polnische Messages Quartet (benannt nach einer Komposition Andrzej Panufniks) perfektes Zusammenspiel, nachgerade ein Verschmelzen zu einem Quintettensemble bieten. Auch aufnahmetechnisch ist jeder der fünf Musikerinnen der ihr gemäße Platz eingeräumt, sie wirken in großer Klarheit als selbständige Individuen und doch wie ein unauflösliches Ganzes, in perfekter musikalischer und klanglicher Balance. Hohe klangliche Transparenz und ein vorzüglicher Raumeindruck runden eine herausragende Produktion ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bacewicz, Tansman: Piano Quintets: Julia Kociuban, Messages Quartet

Label:
Anzahl Medien:
DUX
1
Medium:
EAN:

CD
5902547017921


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Bacewicz, Grazyna
Tansman, Alexandre


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DUX

Das polnische Label DUX wurde 1992 von Malgorzata Polanska und Lech Tolwinski, beides Absolventen der Toningenieur-Fakultät der Frédéric Chopin Musikakademie in Warschau, gegründet. Hauptanliegen war die Produktion von Aufnahmen mit klassischer Musik, wobei man von Anfang an höchste Ansprüche an künstlerische und technische Standards stellte.Viele Aufnahmen von Dux erlangten sowohl in Polen als auch im Ausland breites Interesse bei Publikum und Kritik, die sich in zahlreichen Preisen und Auszeichnungen widerspiegelt.

Ein Schwerpunkt des Labels ist natürlich das reiche musikalische Erbe Polens, das weitaus mehr umfasst als Chopin oder Penderecki. Im Katalog finden sich daher neben bekannteren Namen wie Wieniawski, Szymanowski oder Lutoslawski auch zahlreiche hierzulande bislang weniger bekannte oder völlig unbekannte Komponisten von der Renaissance bis zur Gegenwart, wie Ignaz Jan Paderewski, der Klaviervirtuose und spätere Premier- und Außenminister der Zweiten Polnischen Republik oder Stanislaw Moniuszko, ein Zeitgenosse Verdis und Schöpfer der polnischen Nationaloper. Aber auch zahlreiche polnische Künstler, Ensembles und Orchester gilt es bei DUX zu entdecken, darunter international renommierte Namen wie beispielsweise die gefeierte Altistin Ewa Podles.


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