> > > Auf jenen Höh'n: Hann Müller-Brachmann, Hendrik Heilmann
Donnerstag, 8. Dezember 2022

Auf jenen Höh'n - Hann Müller-Brachmann, Hendrik Heilmann

Zyklen der Endlichkeit


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aufregend oder atemberaubend mag das Album nicht sein, das wären vermutlich auch die falschen Kategorien. Dafür ist es berührend, ehrlich und wohltuend schnörkellos.

Mit einem Zitat aus den ‚Kindertotenliedern‘ von Friedrich Rückert ist das vorliegende Album überschrieben: ‚Auf jenen Höh’n‘. Es meint einen Ort jenseitig der eigenen Welt, einen Ort nach dem Leben, eine mögliche Verortung des Daseins nach dem Tod. Dieser Tod ist das Thema des neuen Albums von Bass-Bariton Hanno Müller-Brachmann, das als SACD beim Label MDG herausgekommen ist. Begleitet wird der Sänger von Hendrik Heilmann am Flügel, die Aufnahmen entstanden im März 2021 in der Konzerthaus Abtei Marienmünster.

Müller-Brachmann konzentriert sich im Rahmen der gesetzten Thematik auf drei größere Lied-Zyklen von Gustav Mahler, Frank Martin und Johannes Brahms. Eigene Endlichkeit, der Verlust der Kinder, die religiöse Auseinandersetzung mit Tod und Sterben, all diese Facetten spiegeln sich in den gewählten Liedern wider. Leichte Kost ist wahrlich nicht, eine depressive Grundstimmung begleitet den Hörer von der ersten bis zur letzten Note. Die Mischung der verschiedenen Tonsprachen ermöglicht allerdings willkommene Abwechslung, die quasi für drei Abschnitte des Programms ein neues ‚Kalibrieren‘ des Gehörs einfordert. Mit Mahlers Vertonung der ‚Kindertotenlieder‘ beginnt es, Gedichte und Musik, die von immenser Traurigkeit und nur leisen Hoffnungsschimmern zeugen. Es ist erstaunlich, wie gefasst Hanno Müller Brachmann – selbst Vater – diese Lieder zu singen im Stande ist. Lähmende Schwermut und Zerbrechlichkeit atmet sein Vortrag, der mit dem unverwechselbaren Timbre und großer Sorgfalt bei der Textausdeutung fesselt. An wenigen Stellen streift der Sänger die Grenze zum Manierierten, ohne sie jedoch zu überschreiten. Hendrik Heilmann ist ihm ein sensibler und stützender Begleiter, der sich mancherorts fast zu sehr im Hintergrund hält. Dabei beherrscht er den wilden ‚Orchester-Klaviatur-Part‘ Mahlers vortrefflich, horcht den Farben nach und zieht alle denkbaren Register.

Besonders eindrücklich sind die ‚Jedermann-Monologe‘ von Frank Martin. Hier kann Müller-Brachmann seine langjährige Opernerfahrung nutzen und wirklich kraftvoll dramatische Akzente setzen. Man glaubt ihm jedes Wort, sofort entsteht eine Figur. Was bei den Mahler-Liedern noch kunstvoll überhöht und wohlüberlegt nuancenreich dargeboten wurde, erhält in den Martin-Kompositionen eine packende Direktheit. Von nicht minder großer Kraft sind die eingespielten ‚Vier ernsten Gesänge‘ von Johannes Brahms. Die Lieder begleiten Müller-Brachmann seit frühester Zeit seiner Karriere und konnten über die Jahre reifen. Mit Routine aber auch inhaltlicher wie musikalischer Durchdringung lassen der Sänger und sein Pianist die gewichtigen Werke am Ende des Albums fast als Bekenntnis stehen. Die sonoren Basstiefen Müller-Brachmanns sind luxuriös, so markant nachgedunkelt in den vergangenen Jahren. Die Höhen, beispielsweise bei Mahler, springen vor allem mit einiger Kraft gut an, andernfalls flachen sie leicht ab, verlieren an Farbe und Glanz. Aber was macht das schon, wenn mit solch entwaffnender Authentizität musiziert wird. Aufregend oder atemberaubend mag das Album nicht sein, das wären vermutlich auch die falschen Kategorien. Dafür ist es berührend, ehrlich und wohltuend schnörkellos. ‚Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.‘ Mit diesen Worten schließt die CD. Man muss erst einmal durchatmen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Auf jenen Höh'n: Hann Müller-Brachmann, Hendrik Heilmann

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD SACD
760623223162


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Brahms, Johannes
Mahler, Gustav
Martin, Frank


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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