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Samstag, 28. Mai 2022

Auguste Fauchard: Complete Organ Works - Friedhelm Flammer

Stupende Größe


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Auguste Fauchard wird hier eine bislang weitgehend unbekannte Stimme der allerspätesten Orgelromantik vorgestellt. Friedhelm Flamme gelingt ein fulminantes Plädoyer.

Der diskografisch ungemein produktive Organist Friedhelm Flamme hat bei seinem Stammlabel cpo das komplette Orgelwerk des Franzosen Auguste Fauchard vorgelegt – einer weitgehend unbekannten Stimme spätromantischer Prägung, die, das kann gleich zu Beginn vorweggenommen werden, mit dieser hochkarätigen Einspielung zu allerhöchsten Ehren kommt und künftig zum Kanon der in diesem Repertoire klassischen Literatur gezählt werden sollte.

Auguste Louis-Joseph Fauchard lebte von 1881 bis 1957 überwiegend in Laval, empfing wesentliche musikalische Prägungen am Pariser Conservatoire von Alexandre Guilmant und Charles-Marie Widor, reüssierte später an der Schola Cantorum ebenfalls in Paris bei so illustren Lehrern wie Vincent d’Indy, bei dem er Komposition studierte oder André Marchal und Louis Vierne, die ihn in den höheren Sphären des Orgelspiels unterwiesen. Später war der früh zum Priester geweihte Fauchard als Kirchenmusikdirektor der Diözese Laval tätig und Organist an der dortigen Kathedrale. Fauchard war konzertierend und improvisierend eine anerkannte Größe, erhielt schließlich 1953 in Anerkennung seiner umfassenden kulturellen Verdienste das Kreuz der Ehrenlegion aus der Hand keines Geringeren als Marcel Duprés.

Auguste Fauchard schloss klar und unmissverständlich an die von seinem Lehrer Louis Vierne zu bemerkenswerter Höhe gebrachte Gattung der Orgelsinfonie an, die so herausragende Vertreter wie César Franck oder eben jenen Widor in ihrer Ahnenreihe hatte, der am Conservatoire sein Legat auch an Fauchard selbst weitergab. Nun war schon Vierne selbst ein gewissermaßen verspäteter, wenn auch harmonisch und linear durchaus origineller Exponent dieser musikalischen Gattung. Auguste Fauchard ist, wenn man diesen Begriff verwenden mag, dann nochmals epigonal – und dennoch schlicht eine Entdeckung: Mit glaubwürdigen, substanzreichen Beiträgen voller Saft und Kraft. Und durchaus mit harmonischen Eigenheiten, die der umfassende Booklettext von Paul Thissen mit der in der heutigen Wahrnehmung etwas abseitigen Position des deutschen Zeitgenossen Fauchards, Sigfrid Karg-Elert, vergleicht. Jedenfalls verbietet es sich nach dem Hören seines konzentrierten Werks, Fauchard als Marginalie abzutun. Der Rezeption in gewisser Weise hinderlich sein mag eine demonstrative Katholizität, besonders der dritten und vierten Sinfonie. Fauchard ist in dieser expliziten Positionierung durchaus nicht Olivier Messiaen vergleichbar, wirkt mit direkten Zitaten gleichsam sendungsbewusster.

Zu den Werken

Ein knapper Überblick über die erklingenden Werke ist unerlässlich: Die 1926 vollendete, klassisch viersätzige erste Sinfonie hebt mit einem Allegro maestoso an, das seinem Namen alle Ehre macht. Thematische Elemente werden satzübergreifend miteinander verklammert, auch damit einem echten sinfonischen Gedanken folgend. Fauchard nutzt eine große Palette satztechnischer Möglichkeiten, um die Vielfalt des der Orgel Möglichen zu explizieren – prachtvoll in der Klangwirkung, dabei subtil in der Tönung. Und: Allerorten finden sich formale Analogien zum Schaffen Louis Viernes, zum Beispiel im Final-Satz, wenn das Hauptthema im Pedal machtvoll anhebt und von reicher Carillon-Motivik umspielt wird, ist das bei Fauchard ebenso großes Kino wie im Finale der ersten Sinfonie seines Lehrers Vierne.

Die zweite Sinfonie von 1928/29 schließt sich an die Befunde an: Enger ästhetischer Anschluss an Viernes Welt, dabei formal präzis und durchaus streng, reich an Substanz und Erfindungskraft, souverän im Spiel mit nuancenreicher Harmonik. Hinter den Satzbezeichnungen Prélude, Cantilène, Divertissement und Final verbirgt sich auch charakterlich die klassische sinfonische Viersätzigkeit.

Die Ende 1941 entstandene dritte Sinfonie trägt den programmatischen Titel ‚Symphonie Mariale‘ und verknüpft ein klares sinfonisches Konzept mit der Welt marianisch inspirierter Vorlagen – wie der Antiphon ‚Salve Regina‘ und den Hymnen ‚Ave Maris Stella‘ oder ‚O Sanctissima‘, letztere im deutschen Sprachraum auch als Weihnachtslied ‚O du fröhliche‘ bekannt. Das Finale bringt dann alle Vorlagen parallel zur Geltung und setzt einen ‚molto grandioso‘-Schlusspunkt.

Musikalische Meditationen

Im Sommer 1944 entstand die gleichfalls viersätzige vierte Orgelsinfonie Fauchards mit dem Titel ‚Symphonie Eucharistique‘, die gedanklich die Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich aufgekommene Idee des Eucharistischen Weltkongresses aufgreift, der einer zunehmend atheistisch-szientistischen Welt eine neue religiöse Selbstvergewisserung entgegenzusetzen suchte. Die vier Sätze sind nicht in den klassischen Tempoeigenheiten und -relationen der Sinfonie gehalten, sondern gleichen mit den Titeln ‚Invitatoire‘, ‚Sacrifice‘, ‚Communion‘ und ‚Procession‘ eher musikalischen Meditationen mit thematischen Bezügen zu verschiedenen Hymnen und Sequenzen. Dieses oft archaische Material bettet Fauchard in eine blühende spätromantische Harmonik ein, gefasst in dynamisch und satztechnisch höchst variabel gezeichneten Tableaux, die man auch außerhalb programmatischer Rahmung mit großem Gewinn hören kann.

Zum Kern dieser vier Sinfonien tritt mit ‚Le Mystère de Noël‘ von 1940 ein Zyklus von einer Viertelstunde Spieldauer. Es handelt sich – im Nachgang ähnlicher Werke von Dupré (1922) und Messiaen (1935) – um ein Thema mit Variationen, programmatisch auf das weihnachtliche Geschehen wie das mystische Nachdenken darüber gerichtet, mit beigegebenen Bibelzitaten weiter aufgeladen: Eine über weite Strecken intrikate Variationenfolge mit allen denkbaren Valeurs und hörbar außergeistlichen Qualitäten, gipfelnd in einem geradezu apotheotischen Schluss. Außerdem zu erwähnen sind die ‚Cinq Chorals sur Vexilla Regis‘, auch sie Choralvariationen, die ihr Material in allen traditionellen Verarbeitungsweisen und erstaunlicher satztechnischer Strenge explizieren, dabei französischen Vorbildern ebenso folgend wie älteren des Barock.

Schließlich runden zwei Zehnminüter das Bild auf das organistische Gesamtwerk Fauchards: Einmal ist es ‚In Memoriam‘, ein elegisches Lamento auf den Tod seines Bruders Paul, voller intensiv leuchtender Farben und bewegender Emotionalität; dazu kommt mit ‚Choral‘ ein Stück, das Fauchard Marcel Dupré widmete – keinem realen Vorbild folgend, sondern in frei assoziierter Schlichtheit siedelnd, mit vielen Parallelklängen und einem für den harmonischen Stil des Komponisten typischen Schlussakkord mit sixte ajoutée.

Interpret und Instrument

Friedhelm Flamme hat sich in der Vergangenheit als Polystilist etabliert: Natürlich vielfach hervorragend ausgewiesen im Reich des norddeutschen Orgelbarock, das er bei seinem Stammlabel cpo ebenso ausdauernd wie ertragreich – mit Blick auf das Repertoire wie auf die erklingenden Orgeln gleichermaßen – erkundet hat. Dazu ist er immer wieder mit Gesamteinspielungen anderer Stile und Zeiten hervorgetreten, zum Beispiel bei Maurice Duruflé, Henri Mulet oder Carl Nielsen.

Basierend auf dieser reichen Erfahrung bleibt er den Werken Fauchards manualiter wie pedaliter erwartungsgemäß nichts schuldig – technisch steht er mit seinem Vermögen oberhalb dieser Anforderungen und erwirbt sich so üppigen Raum für einen intensiven gestalterischen Zugriff. Der materialisiert sich – neben zum Beispiel einem edlen Legato über die Manuale hinweg – natürlich auch durch feinste Registrierungsvarianzen: Von den eleganten Flöten des Positivs bis zu den machtvoll das Plenum grundierenden 16- und 32-Fuß-Registern des Pedals erweist sich Friedhelm Flamme als glänzender Disponent, der die Möglichkeiten des Instruments mit den Erfordernissen der Musik versöhnt und alle Sätze zu spannungsreichen Geschehen werden lässt. Unter anderem reich differenziert durch einen bemerkenswert wirkungsvollen Einsatz des Schwellers, der dynamisch Welten erschließt.

Womit wir beim Instrument sind: Flamme spielt auf der Schuke-Orgel der Detmolder Heilig-Kreuz-Kirche. Entstanden 2010 ist sie ein klar französisch inspiriertes Instrument. Die 62 klingender Register verteilen sich auf drei Manuale und Pedal; viele Wirkungen sind von weich konturierten, grundtönigen Registern bestimmt – ein schimmerndes, feines, an Nuancen reiches Bild ist das Ergebnis. Vortrefflich geraten die reich substantiierten Plenarwirkungen: An diesem fulminanten Klang, den Fauchard wünscht und den Flamme realisiert, kann man sich schwerlich satthören.

Überaus gelungen

Besonders erwähnenswert ist das Klangbild dieses in hybrider SACD-Qualität realisierten Platten-Dreiers: Instrument und Raum gehen eine überaus gelungene Verbindung ein, die Anteile aller klingenden Sphären sind fein balanciert; die Realisierung nimmt die Kraft des Plenums ebenso mühelos auf wie es die Details der innigsten Pianopassage exponiert.

Mit Auguste Fauchard wird hier eine bislang weitgehend unbekannte Stimme der allerspätesten Orgelromantik vorgestellt. Lohnt die Begegnung? Der Rezensent meint: Unbedingt! Für Vierne-Enthusiasten bringt sie attraktive Ergänzungen des Repertoires. Und auch darüber hinaus begegnen der Hörerschaft mit den vier Sinfonien im Kern des Programms in formaler Ambition und musikalischem Gehalt gewichtige, durchaus eigenwillig konturierte Werke, die neben sicher beherrschtem Handwerk tatsächliche Inspiration erkennbar werden lassen. Diese Inspiration mag mit ihrer starken Verankerung im katholischen Glauben, Denken und Fühlen besonders wirken, ist aber – siehe Dupré, Messiaen oder Duruflé – im französischen Kontext für das 20. Jahrhundert auch alles andere als exotisch. Man sollte Auguste Fauchard also unbedingt auf den Schirm nehmen – Friedhelm Flamme und seinem fulminant gelungenen Plädoyer sei Dank.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Auguste Fauchard: Complete Organ Works: Friedhelm Flammer

Label:
Anzahl Medien:
cpo
3
Medium:
EAN:

CD SACD
761203550623


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Interpret(en):Flamme, Friedhelm


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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