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Samstag, 2. Juli 2022

Bach, Johann Sebastian - Messe h-Moll

Altes in neuem Gewande


Label/Verlag: Rondeau
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als ich las, dass der Windsbacher Knabenchor unter Karl Friedrich Beringer eine neue Aufnahme der h-Moll-Messe von J.S. Bach veröffentlichte, freute ich mich schon auf eine neue Interpretation, die gute Ansätze der Einspielung aus dem Jahr 1994 vielleicht noch steigern könnte. Doch leider musste ich feststellen, dass nur das Cover gewechselt hat, der Inhalt jedoch gleich blieb, da der Chor seine Aufnahmen nun unter dem eigenen Label ‘Rondeau Production’ vertreibt, nicht mehr als ‘Subunternehmer’ von Hänssler. Das ist wirklich schade, denn der Windsbacher Knabenchor, einer der besten Knabenchöre Deutschlands, erreichte mit den Deutschen Kammervirtuosen aus Berlin und dem Deutschen Sinfonie-Orchester Berlin in letzter Zeit erstaunlich gute Leistungen, so z.B. die Einspielung der ‘Psalmensinfonie’ Strawinskys oder die Aufführung der ‘Matthäus-Passion’ von J.S. Bach bei der letztjährigen ‘Bachwoche’ im mittelfränkischen Ansbach. Hier konnte der bestens disponierte Chor, glänzend unterstützt von dem Orchester und mit guten Solisten, zeigen, dass man auch bei einer Chorbesetzung mit Knabenstimmen die Leidensgeschichte Jesu überzeugend und eindringlich gestalten kann. Eine solche Besetzung wünschte man sich bei einer Neuaufnahme der h-Moll-Messe; vermutlich könnte diese es locker als Alternative zu Referenzaufnahmen aufnehmen. Doch was nützt das ‘was würde rauskommen, wenn...?’ Hier interessiert das klingende Resultat der Zusammenkunft eines fabelhaften Knabenchores mit einem guten Ensemble und hervorragenden Vokalsolisten.

Wie geht der Dirigent Karl Friedrich Beringer an Bachs Musik heran? Er wählt einen Ansatz, der in der Tradition deutscher Bach-Interpreten wie zum Beispiel Karl Richter steht. Hier kommt es auf den religiösen Gehalt der Texte an, auf das, was dieses Werk eben ist: eine Messe. Im Unterschied zu Dirigenten, die sich der historischen oder historisierenden Aufführungspraxis verschrieben haben, herrschen hier eher bedächtige Tempi vor, der tänzerische Gestus von Bachs Musik wird auf ein Mindestmaß (was man in der evangelischen Kirche eben an ‘Tanz’ im Gottesdienst duldet) heruntergefahren. Erscheinen anderswo Textteile wie hingetupft, grundiert von einem spritzigen Ensemble, so wird hier darauf geachtet, jeden Textpartikel auch unter ornamentalen Girlanden verständlich werden zu lassen. Auch das Instrumentalensemble verzichtet auf historische Instrumente; was jedoch gerade bei den modernen Trompeten unangenehm auffällt, da diese in ihrem Obertonspektrum viel schärfer und quiekender klingen als ihre Vorläufer aus dem 18. Jahrhundert. Aber im Großen und Ganzen fügt sich hier alles zum einem stimmigen Gesamtbild: eine eher traditionelle, etwas schwerfällige Interpretation, moderne Instrumente, glockenklarer Klang der Knabenstimmen, wenn auch stellenweise etwas breit. Aber diese Elemente ergänzen sich und als Ergebnis kommt doch ein eindrückliches Beispiel traditioneller Bach-Interpretation heraus. Denn nimmt man diesen Beringer eigenen Interpretationsansatz als Prämisse, so lässt sich vor diesem Hintergrund ein wirklich in fast allen Bereichen perfektes Zusammenspiel der verschiedenen Elemente erkennen. Der Chor überzeugt in seiner lupenreiner Intonation, der geschmeidigen Stimmführung und seinem nie ‘kindlichen’ oder unreifen, sondern prägnanten, glasklaren Klang. Dass dies nur als Ergebnis harter, akribischer Probenarbeit zu erreichen ist, dürfte klar sein. Aber wie man hier hören kann, lohnen sich diese Anstrengung der Jugendlichen.

Wie sieht es denn nun mit den Vokalsolisten aus, deren Part in der Messe einen großen Teil des Gesamtwerks ausmacht? Für dieses Projekt konnten erstklassige Sänger engagiert werden: Die Sopranistin Christine Schäfer (damals noch nicht auf dem Zenit ihrer Karriere) und eine fabelhafte Ingeborg Danz sind die beiden weiblichen Solisten, Markus Schäfer übernahm den Tenorpart und Thomas Quasthoff konnte hier einmal mehr zeigen, welche gestalterische Potentiale in ihm stecken. Besonders anrührend geriet in dieser Aufnahme das Sopran-Tenor-Duett ‘Domine Deus’ von Christine und Markus Schäfer; man könnte fast denken, dass der gemeinsame Nachname ein besonders inniges Zusammengehen der Stimmen fördert. Ingeborg Danz erreicht ihren interpretatorischen und stimmlich differenziertesten Höhepunkt mit dem ‘Agnus Dei’, bei dem man den Eindruck hat, sie müsste die Bürde der Sünden dieser Welt aus sich heraussingen. Thomas Quasthoff verleiht den Bass-Arien durch seinen sonoren Bass religiöse Gravität.

Wie gesagt hat Beringer mit der Deutschen Kammerakademie Neuss einen auf modernen Instrumenten musizierenden Klangkörper an seiner Seite, der sich zwar nicht durch Spritzigkeit und Farbenreichtum auszeichnet, was aber nicht heißen soll, dass hier undifferenziert und langweilig gespielt würde. Natürlich könnte in puncto Dynamik und Kontrastreichtum noch ein wenig mehr passieren, doch insgesamt ist das Ensemblespiel durchaus gut. Allein der Trompetenklang sticht etwas aus dem recht dunklen Klangbild heraus. Insgesamt ergibt sich jedoch ein recht homogener Klang, dessen Farbigkeit primär durch den Chorklang hervorgebracht wird.

Was bleibt hier als Fazit? Sicherlich ist es schwer, neben den Aufnahmen eines Gardiner, Herreweghe oder Jacobs einen eigenen und v.a. schlüssigen Interpretationsansatz zu etablieren. Doch Beringer schafft das, indem er sich auf eine eher traditionelle Bach-Deutung stützt. Als Ergebnis bekommt man glücklicherweise keine stampfende Glaubensbeteuerung (wie bei Karl Richter), sondern ein klanglich fein und klar gestaltetes Beispiel der Klangschönheit eines Knabenchores. Bei Fans der Klangkultur jugendlicher Knabenstimmen sollte diese CD auf jeden Fall im Plattenschrank stehen; ansonsten wird sich der Käuferkreis wohl auf den Einzugsbereich des Windsbacher Knabenchors beschränken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Messe h-Moll

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Rondeau
2
01.11.2003
1:47:27
1994
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4037408030236
ROP3023/3024


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Rondeau

Rondeau Production – am kulturellen Puls!

Rondeau Production ist ein Synonym für künstlerisch wie technisch erstklassige Einspielungen von geistlicher Chor- und Vokalmusik. Seit Jahren verbindet das Unternehmen eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Spitzenensembles der Vokalszene: Der Thomanerchor Leipzig, der Windsbacher Knabenchor, der Knabenchor Hannover – gerade hier engagiert sich Rondeau mit Begeisterung für die jungen Talente und stellt ihre beeindruckende Leistungsfähigkeit mit mehrfach ausgezeichneten Aufnahmen unter Beweis. Erstklassige Künstler, deren hohe Ansprüche an sich selbst und der Fokus auf besondere Qualität bedingen die eigene Unternehmensphilosophie und sind der Grundstein für ein in dieser Ausprägung einzigartiges Portfolio an Tonträgern. Eine weitere Öffnung für Orgelmusik mit Künstlern wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme sorgt für weitere Klangvielfalt. Neben Labelmanager und Produzent Frank Hallmann garantiert ein kreatives Team musikbegeisterter Mitarbeiter den hohen Standard. Die Aufnahmen entstehen an interessanten und handverlesenen Konzertorten, während Mischung, Mastering und CD-Produktion im hauseigenen Tonstudio in der Leipziger Petersstraße erfolgen. Daher sorgt nicht nur der Sitz in der Bach-Stadt dafür, dass das Label stets am kulturellen Puls agiert.

Geschichte: Aus der Provinz in die weite Welt!

Rondeau Production – das sind über 25 Jahre begeistertes wie begeisterndes Engagement für die Chormusik in Deutschland auf höchstem Niveau. Karl-Friedrich Beringer, langjähriger Leiter des Windsbacher Knabenchores, gründete 1977 gemeinsam mit Herbert Lange das erfolgreiche CD-Label, um die eigenen Tonträger anbieten zu können, und noch immer gehört das Spitzenensemble aus Mittelfranken zu den Zugpferden des Unternehmens. Im Jahr 2005 entschloss sich die Rondeau Production zu einer Erweiterung ihres Angebots und nahm den traditionsreichen Thomanerchor sowie den Knabenchor Hannover als renommiertes Pendant in ihr Portfolio auf. Diesen vokalen Klangkörpern folgten immer mehr namhafte Chöre und Ensembles, so dass sich der Katalog von Rondeau Production mittlerweile wie ein „Who is who?“ der deutschen Vokalszene liest und anhört. Darüber hinaus ergänzte man das Angebot auch in Richtung Orgelmusik, wofür man Interpreten wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme gewinnen konnte. Seit 1996 ist Frank Hallmann als Journalist und Diplom-Kirchenmusiker Geschäftsführer von Rondeau Production und damit maßgeblich für das heutige breite wie tiefe Angebot des Unternehmens verantwortlich. Rondeau Production ermöglicht dabei nicht nur die Produktion, sondern auch den weltweiten Vertrieb ausgewählter CDs mit exzellenter Geistlicher Chormusik in hoher Qualität. Für den bundesweiten Vertrieb der Tonträger im Fachhandel sorgt Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH und fungiert so als wichtiger Partner der Rondeau Production.


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