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Samstag, 21. Mai 2022

In search of new paths Beethoven - Tobias Koch, Klavier

Mit frischem Blick


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Seiner beeindruckenden Diskografie fügt Tobias Koch ein weiteres beachtliches Juwel hinzu.

Schon der erste Klang auf CD 1 schockiert ein wenig – nicht nur des Eröffnungsakkords wegen, sondern vor allem weil hörbar das Instrument in der vorliegenden Neueinspielung von Beethovens Klaviersonaten 8–18 fast ebenso wichtig ist wie die Interpretation. Für jede der drei CDs nutzt Tobias Koch einen anderen Hammerflügel aus der Historischen Tasteninstrumentensammlung Bad Krozingen, die die drei Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis Fritz Neumeyer, Rolf Junghanns und Bradford Tracey zusammengetragen haben.

Die Sonaten 8–11 der Jahre 1797–1800, darunter die berühmte ‚Pathétique‘ op. 13 (die meisten Beititel zu Beethoven-Sonaten führen eher von den Werken weg denn zu ihnen hin), erklingen auf einem Instrument des Wiener Klavierbauers Johann Gottlieb Fichtl von 1803 – einem Hammerflügel von starkem Charakter, das mit ebenso viel Charakter zum Klingen gebracht wird. Das Fichtl-Instrument ist besonders dazu geeignet, die schroffen Aspekte der Musik zuzuspitzen, und dies erfolgt auch in Kochs Wiedergabe. In den langsamen Sätzen spürt Koch besonders den klanglichen Möglichkeiten des selten für Einspielungen herangezogenen Hammerflügels nach, und besonderer Minuspunkt im Booklet muss sein, dass wir über die Instrumente viel zu wenig erfahren. Umso einsichtsvoller die kurzen Einlassungen des Pianisten über seinen interpretatorischen Zugang – er hat den Notentext nämlich mit Blick auf jene Lehrtraktate, mit denen Beethoven aufgewachsen war, neu ‚gelesen‘. Manche Entscheidung ist zumindest ungewohnt, doch Koch ist viel zu souverän, als dass es auch nur eine Phrase gäbe, mit der er sich nicht ernsthaft auseinander gesetzt hätte, und die Lebhaftigkeit und Spontaneität des Gesamterlebnisses steht in keinem Moment außer Frage. Besonderes Gewicht erhält in diesem Zusammenhang die B-Dur-Sonate op. 22. Wie eingefahren unsere Hörschemata sind, beweist uns Koch etwa durch die Pedalnutzung im Schlussrondo der c-Moll-Sonate op. 13, die ganz neue Perspektiven eröffnet.

Farbenreichtum

CD 2 mit den Sonaten 12–15, inklusive also den sogenannten ‚Mondschein‘-Sonate, erklingen auf einem Instrument von Nanette Streicher von 1816. Schon die As-Dur-Sonate op. 26 blickt voraus zu Schubert, gerade in klanglicher Hinsicht, die in derartiger Delikatesse und derartigem Farbenreichtum auf einem Konzertflügel nicht realisierbar ist. Auch die Es-Dur-Sonate op. 27 Nr. 1 zeigt, welche klanglichen Möglichkeiten die alten Hammerflügel boten, wenn man sie denn zu spielen weiß, und die pastellartig verschwimmenden Klänge verleihen dem Kopfsatz der ‚Mondschein‘-Sonate op. 27 Nr. 2 einen nachgerade impressionistischen Zug, der neben dem kristallklaren den größtmöglichen Kontrast bildet, ohne die innere Bindung zu verlieren. Besonderes Gewicht gewinnt dennoch die viersätzige D-Dur-Sonate op. 28, die einen weiteren Fortschritt in Beethovens Sonatenkunst dokumentiert.

Für die Sonaten 16–18 op. 31 nutzt Koch einen Wiener Hammerflügel von Michael Rosenberger 1810 – und die große G-Dur-Sonate Nr. 1 eröffnet er mit großer Klarheit, pointiert, frisch, geradeheraus und doch bis ins Detail ausgearbeitet. Abermals ist das Adagio grazioso auch klanglich der größtmögliche Kontrast – fast hat der Hörer den Eindruck, ein anderes Instrument zu hören, um im Rondo Allegretto erst recht ins Zweifeln zu geraten. Die Qualität des Instruments spricht für sich, und wie Koch es zum klingt bringt, zeigt nicht nur den Meister, sondern den Kenner sowohl der Musik als auch der Zeit und der Instrumente der Zeit. Die Geschlossenheit der drei Sonaten untereinander bringt Bookletautor Hartmut Schick nicht ohne Grund zu der Sicht, zusammen böten sie eine ‚Meta-Sonate‘ mit Querbezügen untereinander und dennoch klaren Binnenstrukturen und -beziehungen.

Klangtechnisch ist die vom SWR aufnahmetechnisch betreute Produktion tadellos – nur in wenigen Momenten klingen die Instrumente fast zu unmittelbar: Doch auch dies kann Teil eines Konzerterlebnisses sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    In search of new paths Beethoven: Tobias Koch, Klavier

Label:
Anzahl Medien:
CAvi-music
3
Medium:
EAN:

CD
4260085533916


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Beethoven, Ludwig van


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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