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Sonntag, 20. September 2020

Bach, Johann Sebastian - Weihnachtskantaten

Feierlichkeit im Detail


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zu Weihnachten gehört natürlich das ‘Weihnachts-Oratorium’ von J.S. Bach – da gibt es gar keine Frage. Doch irgendwann kann man dem ‘Jauchzet, Frohlocket’ auch überdrüssig werden, wenn es immer und immer wieder als Hinweis auf das kommende Weihnachtsfest im Radio oder sonst wo angespielt wird. Eigentlich gäbe es ja genügend Alternativen, z.B. die hier in einer CD-Box versammelten Weihnachtskantaten (wenn man unbedingt bei J.S. bleiben möchte). Und doch sind sie – schon des weihnachtlichen Rituals wegen – keine rechte Alternative, denn das Fest der Geburt Christi ohne das Oratorium, irgendwie geht das eben doch nicht. Oder?
Da die Zeit zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, also zwischen dem Ersten Weihnachtstag und Epiphanias (für Katholiken: das Fest der Hl. drei Könige) auch im 18. Jahrhundert eine Zeit mit dicht aufeinander folgenden religiösen Festen war, mangelt es folglich auch nicht an musikalischer Ausgestaltung dieser Festgottesdienste. Man denke nur an das Weihnachtsoratorium, das Magnificat (BWV 243) und eben an die Kantaten für die Gottesdienste dieses Zeitabschnitts.

An Bachs erster Weihnacht als Kantor in Leipzig griff er z.T. auf Älteres zurück, denn die Arbeitsfülle wäre durch Neukompositionen nicht zu schaffen gewesen. So erklang im Hauptgottesdienst am Ersten Weihnachtstag 1723 die bereits aus Weimarer Zeit stammende Kantate ‘Christen ätzet diesen Tag’ (BWV 63) neben einem neu komponierten ‘Sanctus’. Zum Vesper-Gottesdienst ging es dann weiter mit einer Wiederholung der Weimarer Kantate und dem bereits erwähnten ‘Magnificat’. Für alle weiteren Festgottesdienste komponierte Bach neue Kantaten: ‘Dazu ist erschienen der Sohn Gottes’ (BWV 40), ‘Sehet, welch eine Liebe’ (BWV 64), ‘Singt dem Herrn ein neues Lied’ (BWV 190), ‘Schau lieber Gott, wie meine Feind’ (BWV 153; hier nicht aufgenommen) und ‘Sie werden aus Saba alle kommen’ (BWV 65). Ein dicht gepackter Terminkalender!

Die weiteren auf dieser CD aufgenommenen Kantaten sind der Weihnachtszeit des Choralkantaten-Jahrgangs 1724/25 entnommen, eine weitere aus Weimar, ‘Tritt auf die rechte Glaubensbahn’ (BWV 152) und eine Festmusik (BWV 191), die aus dem ‘Gloria’ der späteren h-Moll-Messe gebildet wird. Was machen nun das Amsterdam Baroque Orchestra & Choir aus diesen im Schatten des übermächtigen Oratoriums stehenden Kantaten? Sie erfüllen sie mit geistigem und auch geistlichem Leben (wobei das geistliche vorherrscht). Ton Koopmans Interpretation ist weniger von vordergründigem Interpretationswillen gekennzeichnet denn durch eine religiöse Feierlichkeit, die sich im Detail, in den kleinsten Wendungen und in sehr differenziertem Musizieren äußert. Und gleich im nächsten Moment strotzt der Chorklang nur so von Fülle und Pracht, unterstützt vom glänzenden, funkelnden Orchesterklang, festliche Opulenz verbreitend. Neben den hervorragend akzentuierten, homogenen Tutti-Sätze, d.h. Chören und Choralstrophen, erweisen sich die Solo-Sätze, also Rezitative und Arien, als wahre Kleinode dieser Aufnahme. Vorausgesetzt man besitzt das nötige HiFi-Equipment, denn bei ungenügender Trennschärfe verschwimmt alles, die feinen Nuancen, die hier am meisten entzücken, bleiben sonst verborgen. Allein die feinen Unterschiede, die man zwischen einem gezupften Ton der Laute und den geschlagenen Akkorden wahrnimmt, fügen sich mit einer weiteren riesigen Anzahl von minimalsten Klangeindrücken zu einem schillernden Klangbild. Auch die Begleitung der Arien (meist) mit reduziertem Instrumentarium verblüffen hier in ihrer intensiven Ausdruckskraft, die von den glänzenden Musikern des Orchesters unterstrichen wird. Gesangslinien werden zum größten Teil klar und differenziert gestaltet. Stellenweise hat man den Eindruck, als müssten die Sänger dem religiös-affektiven Text noch zusätzliche Akzente verleihen, was in der Folge etwas manieriert wirkt, doch im Großen und Ganzen verleihen die Vokalsolisten dem geistlichen Inhalt Anmut, Innigkeit und Reichtum an Ausruckscharakteren. Als positives Beispiel fällt hier einmal mehr Christoph Prégardien auf, der den Tenor-Arien Intimität und Intensität ohne Sentimentalität und Weihrauch (auch wenn es den in der protestantischen Kirche nicht gibt) verleiht. Ähnliches gilt auch für Jörg Dürmüller, der hier einige Paradebeispiele für seine fein und differenziert gestalteten Interpretationen abgibt. Auch Klaus Mertens, der in allen hier vorliegenden Werken die Bass-Partie übernimmt, verfügt über einen in den Rezitativen deklamatorisch überzeugenden, in den Arien sensibel, aber profund und kernig geführten Bass. Die Sopran- und Alt-Partien werden jeweils von unterschiedlichen Solisten gesungen: Am besten gefällt hier der glockenklare Sopran Lisa Larssons oder Dorothea Roeschmanns oder auch die kristalline Leichtigkeit einer Barbara Schlick. Aber auch Deborah York und Ruth Holton wissen in ihrer grazilen Stimmführung zu überzeugen. Weniger deutliche Unterschiede zeigen sich bei den Partien für Alt. Sowohl Franziska Gottwald als auch Annette Markert verleihen den Alt-Partien eine gewisse Tiefe; Bogna Bartosz, deren sängerischer Duktus stellenweise etwas unnatürlich ‘aufgesetzt’ klingt und Elisabeth von Magnus, deren sonorer Alt der Textverständlichkeit nicht unbedingt hilft, fallen etwas ab.

Der Chor deklamiert den Text meistens vorbildlich deutlich, der Eingangschor in ‘Jesu, nun sei gepreiset’, verschwimmt mit dem Orchester zwar ein wenig, doch Textverständlichkeit leidet darunter nicht deutlich. Im Großen und Ganzen verdient der hohes Lob. Intonationsrein und ausgewogen, präsentiert sich hier der Amsterdam Baroque Choir als eine der ersten Adressen. Das gleiche gilt für das Orchester; mit der nötigen Spielfreude in den Tutti-Abschnitten und der grazilen Begleitung der Solisten in den Rezitativen und Arien, zeichnet sich dieses Ensemble durch gute Balance und Farbenreichtum aus.

Unterstützt wird der positive Gesamteindruck durch ein makelloses Klangbild. Auch wenn die dynamischen Extreme etwas deutlicher ausfallen dürften, so ist doch die Balance zwischen Chor, Orchester und Solisten stets ausgewogen. In keiner Weise hallig, wird dem Hörer dennoch die räumliche und klangliche Tiefe einer natürlichen Kirchenakustik geboten. Und solche differenzierten Klangunterschiede im Orchester habe ich schon lange nicht mehr in diesem Nuancenreichtum gehört, das ist wahre Spitzenklasse.

Klar und schnörkellos musiziert, bietet sich hier dem Käufer eine Alternative zum ‘Pflichtprogramm’ an Weihnachten. Auch für den interessierten Musikliebhaber bietet das interessante, von dem Musikwissenschaftler und Bach-Kenner Christoph Wolff verfasste Booklet einige über das übliche Angebot hinausgehende Informationen. Wem also die tänzerischen, gelegentlich gar sportiven Interpretationen eines Gardiner zu ‘säkular’ sind, der ist bei Ton Koopman an der richtigen Adresse. Diese CD-Box kann man nur wärmstens empfehlen!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Weihnachtskantaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
3
10.10.2003
3:35:34
2000
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0608917223026
CC 72230


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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Koopman, Ton
Orchester/Ensemble:The Amsterdam Baroque Orchestra
Interpret(en):The Amsterdam Baroque Choir,


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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