> > > Supersize Polyphony: Armonico Consort, Christopher Monks, Choir of Gonville & Caius College
Samstag, 21. Mai 2022

Supersize Polyphony - Armonico Consort, Christopher Monks, Choir of Gonville & Caius College

Supersize


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Armonico Consort und der Choir of Gonville & Caius College markieren mit den vierzig- bis sechzigstimmigen Werken von Alessandro Striggio und Thomas Tallis einen im engeren Wortsinn merkwürdigen Punkt der musikalischen Spätrenaissance.

Die vierzigstimmigen Motetten ‚Ecce beatam lucem‘ von Alessandro Striggio und ‚Spem in alium‘ von Thomas Tallis gehören zweifellos zu einem sehr speziellen Teil des Repertoires der Spätrenaissance. In Verbindung mit der vierzig- bis sechzigstimmigen ‚Missa sopra Ecco sì beato giorno‘ des Italieners bieten sie vereinten vokalen Kräften von Potenzial attraktives ‚Futter‘. Speziell die vor nicht allzu langer Zeit wiederentdeckte Messe wurde bislang selten eingespielt – von Robert Hollingworth und Hervé Niquet. Dazu kommt unter dem Titel ‚Supersize Polyphony‘ eine Produktion, die bereits 2018 für Signum Classics entstand und jetzt erneut vorliegt: Das von Christopher Monks geleitete Armonico Consort verbindet seine vokalen Möglichkeiten darin mit denen des Choir of Gonville & Caius College, dem Geoffrey Webber als musikalischer Leiter vorsteht. Das Armonico Consort hat diese programmatischen Brocken 2021 in Konzerten zu seinem 20jährigen Bestehen im Konzert präsentiert. Der Aufbau ist schlüssig: Ecce beatam lucem‘ ist der Ausgangs-, ‚Spem in alium‘ der Zielpunkt; dazwischen kommen die Sätze der Messe zu Gehör, die wiederum durch einstimmige Gesänge der Hildegard von Bingen unterbrochen werden – eine gute Stunde Konzertprogramm, das man sich sehr gut vorstellen kann.

Dabei werden die vielstimmigen Sätze nicht als Kuriositäten oder Klangmonstren desavouiert, sondern als Note für Note – in zweifellos allergrößter Zahl – gegeneinander geführte Stimmen ernstgenommen und expliziert. Klingender Aplomb stellt sich von selbst ein und wird willkommen geheißen. Die Idee mit der Musik Hildegard von Bingens wird im – typisch britisch – knappen Booklet nicht erläutert. Man könnte sich vielleicht vorstellen, dass so etwas wie der Gegensatz von schlichtester und ins Extreme ausgedehnter vokaler Satzkunst gemeint ist und gezeigt werden soll. Eine echte, nachvollziehbare Beziehung der beiden Ebenen zueinander gibt es aber nicht; systematische Zweifel an der Konstruktion wären also berechtigt. Doch erfüllen die Bingen-Momente eine andere Funktion zuverlässig: Sie sind aufführungspraktisch hilfreich, indem sie ein Durchatmen beim Hören der riesenhaften Klangwelten ermöglichen und so die Aufmerksamkeit für deren Komplexität immer wieder neu erfrischen.

Mit vereinten Kräften

Consort und Chor entfalten überwiegend eine kraftbasierte Stimmkultur; die Einzelstimmen – natürlich werden die Stimmen einfach besetzt – werden in ihren Registereigenarten kenntlich, auch individuell. Dabei schaffen sie einen lebendigen, alles andere als schüchternen Großklang, versammeln sich aber auch zu geschmeidigem Fluss und vorsichtiger Gestalt – der Beginn des Sanctus in der Messe gerat beinahe zart. Daher gilt generell: Diese vielstimmigen Sätze überwältigen, entgegen dem möglichen Vorurteil, nicht in jedem Moment und sind durchaus im Rahmen der struktureller Größe verbleibenden Flexibilität vielschichtig. Eine von Adrian France gespielte Bassposaune grundiert die Striggio-Sätze wirksam und gibt dem Geschehen klangliche Kontur.

Bei Hildegard von Bingen tritt je eine prägnante Solostimme in schlanker Gestalt hervor, dazu ausgehaltene leere Klänge – was Wirkung macht und, wie angedeutet, Sammlung bietet, allerdings als musikalische Welt eigenen Rangs merkwürdig isoliert im Programm steht.

Erfreulich frisch

Die vollstimmige Musik kennt keinen Stillstand, wird teils sogar erfreulich frisch musiziert. Ausgeprägt ruhige Tempi würden das der Musik zweifellos eignende Problematische – eine notwendig ausgeprägte gewisse Flächigkeit, fortwährender harmonischer ‚Stillstand‘, wenig strukturelle Griffigkeit – nicht ungeschehen machen. Insofern ist der frische Ansatz besonders erfreulich. Dynamisch hocherfreulich ist die Bandbreite; doch darf man in den großen Momenten hörend durchaus beeindruckt sein: Ein Vokalplenum von solcher Pracht wird in keinem anderen Repertoire zu realisieren sein. Intoniert wird perfekt – alles andere dürfte es bei so vielen gleichzeitig klingenden Quinten und Oktaven auch nicht geben, soll das Vorhaben denn gelingen. Wie stets bei englischen Ensembles ist der Aspekt der Intonation durchaus kraftbasiert. Und bei allem Klang werden Texte gesungen: Ja, das ist sogar im 60stimmigen Agnus Dei der Messe möglich. Insgesamt werden in aktiver, nicht übertriebener Diktion die vielen kleinen Entwicklungen betont, die Struktur geben und gliedern. Ebenso gern wie sie diese kleinteilige Arbeit ‚erledigen‘, geben sich die Vokalisten der rauschhaften Klanglichkeit der Fläche hin: Wer wollte es ihnen verdenken? Technisch ist ein erstaunlich lebendiges Abbild des hochkomplexen Geschehens realisiert, plastisch und griffig, durchaus in merklicher Nähe zum Geschehen und von der Gefahr entfernt, ein mulmiges Raumgeschehen zuzulassen.

Das Armonico Consort und der Choir of Gonville & Caius College markieren mit den vierzig- bis sechzigstimmigen Werken von Alessandro Striggio und Thomas Tallis einen im engeren Wortsinn merkwürdigen Punkt der musikalischen Spätrenaissance.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Supersize Polyphony: Armonico Consort, Christopher Monks, Choir of Gonville & Caius College

Label:
Anzahl Medien:
signum classics
1
Medium:
EAN:

CD
635212056035


Cover vergössern

signum classics

Signum Records is fuelled by the passion to produce great music recorded with integrity and creativity at the highest level.

Signum is a privately-owned and steadily-growing record label that benefits from the commitment and services of its sister company, Floating Earth, the leading production and engineering specialist service provider in Europe.

Having started the label in 1997 Signum now boasts a catalogue of nearly 150 titles and many of which are award winners, nominees or five star review recipients from around the world.

The small Signum team strives to provide a first class service at all times with clients, artists, suppliers and colleagues. Signum works with new and emerging artists and composers through to established artists, making available much-loved areas of repertoire as well as previously unheard, innovative recordings.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag signum classics:

  • Zur Kritik... Thomas Adès als genialer Beethoven-Interpret: Im Beethoven-Zyklus der Britten Sinfonia mit dem Komponisten Thomas Adès liegen nun die letzten drei Symphonien vor. Und markieren einen Höhepunkt der Beethoven-Diskographie. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Sammlung und Besinnung: Nicht um gefühlige Besinnlichkeit ohne Tiefe geht es Fretwork und Helen Charlston mit diesem Programm, sondern um einen echten Eindruck der elisabethanischen Advents- und Weihnachtszeit. Ein Tipp für alle, die alternatives Repertoire suchen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Brahms ohne Schrei – aber als Trost im Lockdown: Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle Kritiken von signum classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Halbfinale: Ein Projekt auf der Zielgeraden: Gregor Meyer steuert mit dem siebten Teil des geistlichen Gesamtwerks von Johann Kuhnau auf das Finale zu. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Abschiedsgabe: Wolfgang Carl Briegel ist sicher einer jener Komponisten, die zu unterschätzen aus heutiger, auf wenige Größen verengter Perspektive, mancher Gefahr laufen könnte. Das Ensemble Polyharmonique setzt dem ein entschiedenes Plädoyer entgegen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ohne Überwältigung: Rachmaninow ganz bei sich, mit dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor als fabelhaftem Instrument seiner Musik. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Nostalgische Kunst-Folklore: Magdalena Kožená macht mit 'Nostalgia' auf zwei viel zu selten gespielte Liederzyklen von Bartók und Mussorgsky aufmerksam. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Wieder da: Die Gesamteinspielung der Sinfonien von Josef Tal mit der NDR Radiophilharmonie Hannover unter Israel Yinon hat nach fast zwanzig Jahren nichts von ihrer Faszination verloren. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Intereuropäischer Austausch: Nach vielen Jahren endlich wieder einmal eine Orgelproduktion aus der St Paul’s Cathedral London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2022) herunterladen (2400 KByte) Class aktuell (4/2021) herunterladen (7000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich