> > > Bach, Johann Sebastian: Cantatas Vol. 14
Mittwoch, 23. September 2020

Bach, Johann Sebastian - Cantatas Vol. 14

Über jeden Zweifel erhaben


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der vorliegenden CD setzt Ton Koopman seine verdienstvolle Einspielung der gesamten Kantaten Johann Sebastian Bachs fort. Und gerade in Zeiten der Etatkürzungen, Produktionsrückgänge, kurzum: des Diktats der (angeblichen) wirtschaftlichen Rentabilität, erstaunt es um so mehr, dass die Gesamteinspielung der Kantaten Bachs unter Koopman nach dessen Wechsel zu der Plattenfirma Challenge Records weitergeführt wird. Und um so mehr erfreut es den Hörer, dass sich Koopman und sein Ensemble scheinbar von einer Aufnahme zur anderen steigern und man fragt sich, welche interpretatorische Qualität dann die letzte Einspielung auszeichnet...?

Nun aber zum vierzehnten ‘Teil’ der Kantaten. Anders als John Eliot Gardiner fügt Ton Koopman nicht die verschiedenen Kantaten (aus mehreren Kantatenjahrgängen) für einen Sonntag auf einer CD zusammen, sondern geht (zumindest zum großen Teil) chronologisch vor und versammelt somit auf diesen drei CDs Kantaten, die nicht nur stilistisch differieren, sondern auch unterschiedlichste theologische Inhalte vermitteln. Vier der hier aufgenommenen Kantaten gehören dem zweiten Leipziger Kantatenjahrgang an, die unter dem Sammelbegriff ‘Choralkantaten’ zusammengefasst werden können. Dazu gehören ‘Ach wie flüchtig, ach wie nichtig’ BWV 26, ‘Liebster Immanuel, Herzog der Frommen’ BWV 123, ‘Mit Fried und Freud fahr ich dahin’ BWV 125 und ‘Wo Gott der Herr nicht bei uns hält’ BWV 178. Die weiteren Kantaten des Jahrgangs 1724-25 werden nicht mehr als ‘Choralkantaten’ bezeichnet; man geht davon aus, dass Bachs Dichter dieser starb und sich in der Folge dessen eine stilistische Veränderung der Textvorlagen ergab. Die Textdichter, der zu diesem Jahrgang gehörenden Kantaten, sind nicht bekannt. Es handelt sich um ‘Bleib bei uns, denn es will Abend werden’ BWV 6 und ‘Am Abend aber desselbigen Sabbats’ BWV 42. Als Dichterin der weiteren Kantaten zeichnet die Leipziger Dichterin Mariane von Ziegler verantwortlich, d.h. für die Kantaten ‘Ihr werdet weinen und heulen’ BWV 103, ‘Wer mich liebet, der wird mein Wort halten’ BWV 74 und ‘Also hat Gott die Welt geliebt’ BWV 68.
Als Fragment einer verlorenen Kantate findet sich in diesem Kompendium eine einleitende Sinfonia BWV 1045, die vermutlich zu einer Kantate zwischen 1743 und 1746 gehört. Soweit die ‘Theorie’. Wie sieht denn nun die klingende ‘Praxis’ aus?

Hört man die hier aufgenommenen Werke in der Interpretation von Ton Koopman, so tut man sich mit einem schwer: mit Kritik. Was bitte kann denn noch besser gemacht werden? Auch der Begriff ‘Interpretation’ trifft nicht den Sachverhalt, den man hier beschreiben möchte. Bei einer ‘Interpretation’ scheint immer der Ansatz, der Wille einer Deutung des Interpreten durch. Nicht so bei Ton Koopman. Er und sein Ensemble, auch die Solisten, nehmen sich zu Gunsten des Textausdrucks zurück, scheinen die Musik einfach nur sprechen zu lassen. Dass das jedoch so überzeugend gelingt, liegt vor allem daran, dass sich die Musiker in kleinste Details vertiefen, ohne den Gesamtzusammenhang aus den Augen zu verlieren. Dass man die Musik ‘einfach fließen lässt’ darf nicht mit Oberflächlichkeit verwechselt werden, ganz im Gegenteil. Erst durch akribische Probenarbeit, durch anstrengende Bemühungen um die Balance des Zusammenklangs, ergibt sich ein Ergebnis, bei dem man denkt: klar, das kann ja gar nicht anders klingen, selbstverständlich.

Als einziger kleiner Kritikpunkt könnte hier angeführt werden, dass einige Solisten für die ihnen anvertrauten Partien nicht als optimale Wahl gelten können. Dies soll die Leistung der Vokalsolisten hier nicht schmälern, doch gelegentlich hat man den Eindruck, dass Partien doch lieber von der oder dem Solisten gesungen werden sollte, der auch die Partien in der vorhergehenden Kantate sang. Denn Ton Koopman steht – gerade in den Frauenstimmen – eine stattliche Anzahl von guten bis sehr guten Solisten zur Auswahl. Hier kann er durchaus wählerisch sein. So zum Beispiel die Alt-Partien, die mit Annette Markert besetzt sind. Bogna Bartosz erscheint hier als vielseitigere Alternative, denn sie vermag die verschiedenen Timbres, die von dem Affektgehalt des Textes gefordert werden, stimmlich differenzierter umsetzen. Dies aber nur ein kleiner Wermutstropfen bei ansonsten auf ganzer Linie überzeugenden Vokalsolisten. Deborah York kann einmal mehr durch ihre klare Diktion und ihren glockenklaren, hellen Sopran einnehmen, Bogna Bartosz – wie bereits gesagt – durch sehr feinfühlige, differenzierte Gestaltung der Rezitative und Arien (besonders ‘Ich will auch mit gebrochenen Augen’, das in seiner trotzigen Glaubensgewissheit sehr überzeugend gestaltet ist). Bei den Tenor-Partien fällt auch hier wieder Christoph Prégardien positiv auf, der den in ihrer barocken Drastik manchmal befremdlichen Texten eine anrührende Ausdruckskraft verleiht. Seine weiche, geschmeidige Stimmführung entzückt ein ums andere Mal. Was die Bass-Partien betrifft, so ist mit Klaus Mertens ein echtes Allround-Talent vertreten. Er verleiht mit seinem sonoren, markigen Bass den oft trotzigen und kraftvollen Textgehalten Prägnanz und Volumen.

Auch Chor und Orchester verdienen höchstes Lob. Der von Ulrike Grosch einstudierte Chor verfügt über eine klare Diktion und über eine homogenen, strahlenden Klang. Dadurch werden Choräle nicht zu religiösen Schmachtfetzen, sondern bleiben das, was sie sind: liturgisch Elemente, die musikalisch in der Ausarbeitung Bachs als kirchenmusikalische Kleinode erfahrbar werden. Das Orchester spielt mit einer solchen Hingabe, gerade bei freudigen, festlichen Kantaten wie ‘Wer mich liebet, der wird mein Wort halten’, dass eine Steigerung kaum möglich erscheint. Auch die einfühlsamen Gestaltungen der Rezitative überzeugen in ihrer klaren, schnörkellos anrührenden Art. Um dem ganzen das Sahnehäubchen aufzusetzen, sei noch der hervorragend transparente und tiefenscharfe Klang dieser in der Waalse Kerk in Amsterdam aufgenommenen CD erwähnt. Die Balance zwischen Solisten, Chor und Instrumentalisten ist über jeden Zweifel erhaben.
Zuletzt sei noch das informationsreiche Booklet erwähnt, wie bei Ton Koopmans Aufnahmen schon öfters geschehen, nahm sich der Musikwissenschaftler Christoph Wolff dieser Aufgabe an.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Cantatas Vol. 14

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
3
01.11.2003
3:25:31
2001
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0608917221428
CC 72214


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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Koopman, Ton
Orchester/Ensemble:The Amsterdam Baroque Orchestra
Interpret(en):The Amsterdam Baroque Choir,
Prégardien, Christoph


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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