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Sonntag, 2. Oktober 2022

Rapsodia Italiana - CordArte

Virtuose Stille


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Formulierung, die paradox und widersprüchlich wirkt, beschreibt doch ziemlich genau das, was hier geschieht: Es ist der Stylus phantasticus, der sich in maximaler Freiheit entfaltet, in verhaltenem Glanz und oft mürber Klanglichkeit.

Das Programm, das das Ensemble CordArte beim Label Panclassics unter dem Titel ‚Rapsodia italiana. Stylus phantasticus im Frühbarock‘ vorstellt, hat es in sich: Zu hören sind heikle Instrumentalwerke – Sonaten, Toccaten, Partiten und andere ähnlich frei entfaltete Formen – von einer illustren Komponistenriege, aus der Girolamo Frescobaldi, Giovanni Antonio Pandolfi-Mealli, Dario Castello, Giovanni Bassano oder Giovanni Battista Fontana beispielhaft genannt seien. Sie alle wie ihre hier nicht namentlich erwähnten Kollegen waren im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert Akteure eines sich allmählich ausformenden instrumentalen Idioms in ganz verschiedenen musikalischen Zentren Italiens – eines kulturellen Kontexts also, den man im Grunde für die Entfaltung nahezu aller musikalischen Gattungen, ja, revolutionären Entwicklungen im Reich der Musik zu jener Zeit verantwortlich machen kann.

Die Kompositionen eint unter verschiedenen Bezeichnungen und in milder formaler Prägung ein Moment großer Freiheit des Erprobens, der ästhetischen Grenzüberschreitung, fluider Formen – eine Konstellation also, die hörbar kreativitätsfördernd und beflügelnd war. Nicht alle der hier angedeuteten Wege wurden direkt und konsequent in entstehende Formen überführt und schrittweise weiterentwickelt – Frescobaldis querständige, hochindividuelle Kunst etwa wurde zwar als Bezugspunkt hochgehalten, aber kaum auf diesem erratischen Niveau fortgeführt. Sonst wäre es, nebenbei bemerkt, von diesem Ausgangspunkt aus wohl ein sehr kurzer Weg in die Ästhetik des 20. Jahrhunderts geworden. In der Summe begegnet uns ein interessantes, schön zusammengestelltes Programm, mit etlichen flüssigen und bezwingenden Übergängen zwischen den Einzelsätzen.

Feines Ensemble mit solistischen Qualitäten

Das Ensemble CordArte spielt in einer delikaten Dreierkonstellation mit Daniel Deuter auf der Violine, Heike Johanna Lindner auf Viola da gamba und Lirone sowie Markus Märkl auf Cembalo und Orgel auf qualitätvollen Kopien historischer Instrumente – wohlklingend, doch kontrolliert in der technischen Ekstase. Dario Costellos Sätze sind für die Violine in dieser Hinsicht Paradebeispiele, auch die individuell anmutenden Kompositionen Pandolfi-Meallis. Gambe und Lirone nehmen mit einem herbstlich bronzenen Ton für sich ein, weit entfernt von praller Violoncello-Brillanz und auch deshalb kostbar. Alle Drei sind neben dem intensiven Zusammenspiel auch solistisch oder als klar führende Instrumentalisten präsent – das Cembalo – natürlich möchte man sagen – bei Frescobaldi. Alle Akteure spielen mit unverstellter künstlerischer Autorität, spiegeln auch darin die Freiheit der kompositorischen Anlage der Sätze sehr deutlich.

Die Gestaltung der Tempi bietet große Varianz, kommt aber ohne Extreme aus; viel Zug wird aus den allfälligen Diminutionen gewonnen. Dynamisch bleibt das Geschehen der Besetzung entsprechend überschaubar different. Makellos ist die Intonation zu nennen; auch in heiklen harmonischen Wendungen und linearen Verläufen voller chromatischer Härten gibt sich das Ensemble keine Blöße. Artikulatorisch wird die funkelnde Kleinteiligkeit von wunderbar gedehnten Linien ergänzt – die Sphäre wird lustvoll ausgelotet und bietet alles, was in diesem Repertoire gefordert ist. Auch das Klangbild der in der Freiheitshalle Hof entstandenen Aufnahme unterstützt diesen Zugang: Es ist klar und konzentriert, lichtdurchflutet, lebendig und voller Delikatesse.

Virtuose Stille – eine Formulierung, die paradox und widersprüchlich wirkt, beschreibt doch ziemlich genau das, was hier geschieht: Es ist der Stylus phantasticus, der sich in maximaler Freiheit entfaltet, in verhaltenem Glanz und oft mürber Klanglichkeit. 

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rapsodia Italiana: CordArte

Label:
Anzahl Medien:
Pan Classics
1
Medium:
EAN:

CD
7619990104327


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Castello, Dario
Frescobaldi, Girolamo
Legrenzi, Giovanni
Montalbano, Bartolomeo
Stradella, Alessandro


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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