> > > Tchaikovsky: Symphonies: Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi
Montag, 16. Mai 2022

Tchaikovsky: Symphonies - Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi

Maßarbeit


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paavo Järvis Tschaikowsky-Zyklus mit dem Tonhalle-Orchester.

Vier Spielzeiten lang hat das Tonhalle-Orchester Zürich vor der letztjährigen Wiedereröffnung des Hauses am Zürichsee als Interimsspielstätte in der Tonhalle Maag verbracht. Im diesem Ausweichquartier sind die Aufnahmen des bei Alpha Classics neu erschienenen Tschaikowsky-Zyklus´ zwischen Oktober 2019 und Januar 2021 als zweites CD-Projekt in der bislang stark pandemiedurchsetzten Amtszeit von Chefdirigent Paavo Järvi entstanden. Nach dem großen Erfolg der vorangegangenen Messiaen-Einspielung nun also die umfassende Auseinandersetzung mit Tschaikowsky und damit nach diversen früheren symphonischen Zyklen unter Järvis Vor-Vorgänger David Zinman auch ein neuer Meilenstein in der orchestereigenen Diskographie. Der wiederum führt zwangsläufig zum Blick auf bislang vorhandene Gesamtaufnahmen. Eine überzeugende Edition hat etwa Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern in den 1970ern geliefert. Weitere ältere „Klassiker“ sind die  Aufnahmen mit Mstislaw Rostropowitsch und dem London Symphony Orchestra oder der Leningrader Philharmonie unter Evgeny Mravinsky – um nur einige zu nennen. Aus jüngerer Zeit gibt es beachtenswerte Zyklen von Mikhail Pletnev mit dem Russian National Orchestra und dem London Philharmonic unter Vladimir Jurowski.

Musikalisch schlüssig

Bleiben wir aber bei der vorliegenden Box: Den Kopfsatz der Symphonie Nr. 1 g-Moll op. 13 („Winterträume“) geht Järvi im Vergleich zu vielen Kollegen eher verhalten an. Das erweist sich als musikalisch kluger Schachzug, indem er dynamisches Pulver nicht frühzeitig verschießt, baut er Spannungsbögen desto kontinuierlicher auf. Keineswegs scheut er davor zurück, das dynamische Blatt auszureizen, das tut er aber an den richtigen Stellen, Crescendi und Akzente wirken dabei trotzdem nicht knallig oder zu derb, sondern als musikalisch schlüssige Lösungen. Blech-Fanfaren strahlen mit selbstbewusstem Glanz. Mit voller Intensität prallen im dreiteiligen Finale die Gegensätze zwischen der düsteren “Andante lugubre“-Einleitung und den agogisch zupackenden Abschnitten aufeinander. In den Fugato-Passagen leistet das Tonhalle-Orchester stimmliche Maßarbeit.

Emotionale Dringlichkeit

Gekonnt spitzt Järvi auch die dramaturgische Entwicklung im Kopfsatz der Symphonie Nr. 3 D-Dur op. 29 („Polnische“) zu, allein die Pizzicato-Impulse könnten hier etwas griffiger sein. In das „Andante elegiaco“ legt Järvi sehnsuchtsvolles Pathos, ohne dabei in die Kitschfalle zu tappen. Das Finale besitzt spielfreudige Frische und kontrapunktische Präzision. Auf die individuelle Qualität seiner Musiker kann Järvi sich jederzeit verlassen, beispielsweise im Oboen-Solo des zweiten Satzes der Symphonie Nr. 4 f-Moll op. 36.  Auch in der von Tschaikowsky selbst als besonders schicksalsträchtig apostrophierten Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64 samt zugehörigem „Leitmotiv“ lässt Järvi den sich bis ins Rauschhafte steigernden Emotionen freien Lauf, einfühlsam abgedunkelte elegische Passagen wechseln mit sanften Kantilenen, einem luftig schwebenden Walzersatz und freundlichen Aufhellungen im Finale. Die Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 74 ist Tschaikowskys letzte Komposition. Seine “ganze Seele” habe er nach eigenen Worten in dieses Werk hineingelegt, das genaue musikalische Programm solle dennoch „für alle ein Rätsel“ bleiben. Järvi durchdringt auch diese emotional zerrissenen, sprunghaft wechselnden Zustände des Kopfsatzes, optimistische Lichtblicke wie die Walzersphären des „Allegro con grazia“ gibt es hier nur noch vereinzelt. Außerhalb aller zyklischen Einspielungen gibt es von der sogenannten „Pathétique“ eine exzellente Aufnahme von Valery Gergiev mit dem Mariinsky-Orchester. Im Vergleich dazu trägt Järvi dynamisch nicht ganz so kompromisslos auf, erreicht auf subtilere Weise aber eine ähnliche Dringlichkeit der der Seelenzustände.   

Familiärer Vergleich

Nicht vorbeigehen kann man natürlich an der Tatsache, dass auch Paavo Järvis Vater mit dem Gothenburg Symphony Orchestra eine vollständige Einspielung vorgelegt hat. Im direkten familiären Vergleich neigt Neeme Järvi teils zu rascheren Tempi, während der Sohn dynamisch etwas feiner schattiert. Wem man sich letztlich lieber anschließt, ist wie immer musikalische Ansichtssache. Das gilt auch für die vielen anderen Deutungen, auf die hier nicht alle eingegangen werden kann – nicht zuletzt Paavo Järvis frühere eigene (allerdings nicht auf Tonträger vorhandene) mit seinem damaligen hr-Sinfonieorchester. Im Vergleich dazu wirken die lyrischen Passagen im neuen Züricher Gewand etwas verinnerlichter. Mehrfach ist die komplette Aufnahme des symphonischen Œuvres mit anderen Orchesterwerken Tschaikowskys kombiniert worden, so auch in diesem Fall. Darunter z.B.  „Francesca da Rimini“ op. 32 und die Fantasie-Ouvertüre nach Shakespeares „Romeo und Julia“, beide große literarische Dramen erzählt das Tonhalle-Orchester in opulent, aber nicht zu dick aufgetragenen Klangfarben. Im programmatischen Kontrast dazu: „Walzer“ und „Polonaise“ aus „Eugen Onegin“ gesteht Järvi eine beinahe schon salonhaft-elegante Noblesse zu. Am Ende steht die Erkenntnis: Müsste man unter den existierenden Gesamtaufnahmen eine auswählen, es würde nicht schwerfallen, sich für diese zu entscheiden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Gehrig Kritik von Thomas Gehrig,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tchaikovsky: Symphonies: Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi

Label:
Anzahl Medien:
Alpha Classics
5
Medium:
EAN:

CD
3760014197789


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Tschaikowsky, Peter


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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