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Dienstag, 9. August 2022

Dmitrij Schostakowitsch: Doppeltes Spiel - Eine Hörbiografie von Jörg Handstein

Vom System gezeichnet


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die brillante Schostakowitsch-Biographie von Jörg Handstein.

Viele der inzwischen zahlreichen Fans der Serie werden schon gespannt darauf gewartet haben, nun ist die 4CD-Box mit der zwölften Folge von Jörg Handsteins beliebten Hörbiographien bei BR-Klassik erschienen. Gewidmet ist sie Dmitri Schostakowitsch, als prominenter Kollege des etatmäßigen Erzählers Udo Wachtveitl konnte Schauspieler Ulrich Matthes als Sprecher für die Hauptrolle gewonnen werden. Verantwortlich für kompetente Redaktion und Regie zeichnet wie immer Bernhard Neuhoff.

Musikalische Abrechnung

In einer „Hitliste“ der bewegtesten Lebensläufe aller Komponisten würde dieser sicherlich auf einem der vorderen Plätze landen. Kaum eine Vita dürfte so eng mit den wechselhaft herrschenden politischen Verhältnissen des eigenen Landes verknüpft und von ihnen so stark beeinflusst worden sein wie die von Schostakowitsch. Ein Leben lang musste er sich mit den Repressalien des Sowjet-Apparats herumschlagen, mitunter sogar um sein eigenes und das Leben seiner Familie fürchten. Oft genug war er gezwungen, nach außen hin die regimetreue Fassade zu wahren, und so trägt die Produktion den passenden Untertitel „Doppeltes Spiel“. Im Inneren – und vor allem im Kern seiner Musik – ließ er sich aber nie verbiegen, nicht wenige seiner Kompositionen, etwa das „Scherzo“ der zehnten Symphonie, enthalten latente Anspielungen, in denen er auf teils beißend satirische Weise mit der Gängelung und Instrumentalisierung durch das perfide System von „Genosse Stalin“ abrechnete. Unter anderem davon kann man sich anhand vieler Musikbeispiele überzeugen, die von Symphonien über Kammermusik, Vokalwerke, Klavierstücke bis hin zu Schostakowitschs Bühnenwerken einen repräsentativen Querschnitt durch sein Oeuvre bilden. Große Namen wie Vladimir Ashkenazy, das London Symphony Orchestra, Bernard Haitink, Riccardo Chailly – und natürlich Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks steuern die hochwertigen Werkausschnitte bei. Die komplette Aufnahme der Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 47 mit eben jenem unter Leitung von Mariss Jansons rundet das musikalische Bild ab.

Zerstreuung im Fußball

Wie in allen Ausgaben dieser Reihe erfährt man garantiert biographisch Neues: Oder wussten sie z.B., dass Schostakowitsch glühender Anhänger des Fußballclubs Zenit St. Petersburg und regelmäßiger, äußerst fachkundiger Gast im Stadion war, der akribisch Statistiken über Spiele, Tabellen und Torverhältnisse führte? Nicht zufällig wird der sensible Künstler im Fußball zerstreuende Ablenkung vom zermürbenden Kampf gegen so groteske und ideologisch stumpfsinnige Konstrukte wie ein „Staatskomitee für Repertoire“ gesucht haben, unter denen er und viele andere als „volksfremde Formalisten“ geächtete Künstler auf dem langen Weg bis zu einer allmählichen „Entstalinisierung“ und Liberalisierung nach dem Tod des Diktators immer wieder zu leiden hatte. „Das Stadion ist in diesem Land der einzige Ort, wo man laut die Wahrheit über das sagen kann, was man sieht“, hat Schostakowitsch entsprechend einmal in sarkastischer Verbitterung geäußert. Das Booklet enthält neben einem Vorwort des Autors historische Fotografien und eine detaillierte Übersicht über alle Werkbeispiele.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Gehrig Kritik von Thomas Gehrig,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dmitrij Schostakowitsch: Doppeltes Spiel: Eine Hörbiografie von Jörg Handstein

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
4
03.11.2021
2021
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4035719009293
900929


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Schostakowitsch, Dimitri


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"DMITRI SCHOSTAKOWITSCH – DOPPELTES SPIEL EINE HÖRBIOGRAFIE VON JÖRG HANDSTEIN Die erfolgreiche Reihe der BR-KLASSIK-Hörbiografien widmet sich erstmals einem Komponisten des 20. Jahrhunderts: Dmitri Schostakowitsch. Sein Leben und Schaffen, unlösbar verknüpft mit der Geschichte der Sowjetunion, stehen exemplarisch für das Problem des Künstlers in einem totalitären Staat: Was tun, wenn man nicht mehr der inneren Stimme folgen kann? Welche Rolle spielen, wenn um einen herum der ideologische Wahn tobt? Schostakowitsch eignet sich nicht für die klassische Heldenrolle – und genau das macht ihn interessant für heutige Romanautoren: Julian Barns (Der Lärm der Zeit) und auch William T. Vollmann in seinem Weltkriegs-Epos Europe Central haben dem Komponisten literarische Weihen gegeben. Natürlich ist auch die musikwissenschaftliche Forschung sehr aktiv, bahnbrechend etwa die Arbeiten von Bernd Feuchtner (Und Kunst geknebelt von der groben Macht) und Michael Koball (Pathos und Groteske). Eine wirklich umfassende und aktuelle Biografie, die Leben und Musik gleichermaßen beleuchtet, steht aber derzeit noch aus. Unsere Hörbiografie kann ein solches Buch nicht ersetzen. Doch sie kann (gelesen von Udo Wachtveitl) Schostakowitschs Lebensgeschichte so einfühlsam und detailliert erzählen, wie es gerade dieses Medium erlaubt. Vielstimmig, nah am Geschehen und streng nach den Quellen. Die 1979 von Solomon Wolkow herausgegebenen Memoiren des Dmitri Schostakowitsch dürfen nach heutigem Stand als weitgehend authentisch gelten. Daraus wird aber eher sparsam und vorsichtig zitiert. Bevorzugt werden Briefe und von verlässlichen Zeugen überlieferte Aussagen, die über die Memoiren hinaus überraschende Details preisgeben. Schostakowitsch (gelesen von Ulrich Matthes) hat viel erlebt: Revolution, Bürgerkrieg, politischen Terror, Weltkrieg, Kalten Krieg usw. Und er war vieles: Freches Genie, gefeierter Opernkomponist, verfemter „Volksfeind“, musikalischer Kriegsheld, privilegierter Spitzenfunktionär und einsamer Künstler. Er hatte Angst und Mut, passte sich an und sagte – in seiner Musik – die Wahrheit. Das „doppelte Spiel“, zu dem er gezwungen war, lässt sich mittels Hörbiografie besonders gut nachvollziehen: versteckte Chiffren und Anspielungen werden durchsichtig, es erklingen Propagandastücke für Stalin ebenso wie die geheime Musik, mit der ihn Schostakowitsch verhöhnt. Rund 160 Musikbeispiele zeigen über die bekannten Werke hinaus die ganze Vielschichtigkeit dieses Schaffens, das nahezu den Soundtrack einer ganzen Epoche bildet. So entrollen, auf gut 4 Stunden, die 10 thematisch fokussierten Kapitel ein großes historisches Panorama. Vor diesem Hintergrund erweist sich Schostakowitschs Leben als vielleicht spannendste Komponistenbiografie des 20. Jahrhunderts. 1. Roter Oktober 2. Die Wilden Zwanziger 3. Das goldene Zeitalter 4. Stalin geht in die Oper 5. Frieden und Krieg 6. Volksfeindliche Tendenzen 7. Die Fratze Stalins 8. Tauwetter 9. Held der sozialistischen Arbeit 10. Der Lauf der Zeit "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter der Marke BR-KLASSIK seit 2009 den Musikfreunden angeboten. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 200 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO), das Münchner Rundfunkorchester, der Chor des Bayerischen Rundfunks sowie die Konzertreihe musica viva genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden auf BR-KLASSIK - dem hauseigenen Label - dokumentiert.

Die Reihe BR-KLASSIK WISSEN liefert spannende Werkeinführungen und Hörbiografien mit vielen Hintergrundinformationen und Musikbeispielen. 

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Berater geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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