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Samstag, 10. April 2021

Weinberg, Mieczyslaw - Symphonies, Vol.1

Entdeckung eines vielseitigen polnischen Symphonikers


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Viele polnische Komponisten des 20. Jahrhunderts pflegten die Gattung der Symphonie, bedeutende Werke schrieben etwa Szymanowski und Lutoslawski. Mit Beiträgen von Penderecki oder Krzystof Meyer reicht eine Tradition der ‘polnischen Symphonie’ bis in die unmittelbare Gegenwart. Konnten die genannten Komponisten auch internationalen Ruhm erlangen, so blieb das symphonische Werk von Mieczyslaw Weinberg (1919-96) bisher weitgehend unbekannt. Weinberg wurde in Warschau geboren, wo er am Konservatorium Klavier studierte. Während des Zweiten Weltkrieges emigrierte er in die Sowjetunion; in Moskau erfuhr er von Dimitri Schostakowitsch wesentliche kompositorische Anregungen. Neben der beachtlichen Zahl von 22 Symphonien verfasste Weinberg vier Kammersymphonien und zwei Sinfonietten.
Die 1. Sinfonietta op. 41 aus dem Jahr 1948 ist auf der vorliegenden CD des Labels Chandos mit der 5. Symphonie op. 76 gekoppelt, die Weinberg 1962 schrieb. Das Radio-Symphonieorchester Kattowitz spielt unter dem Dirigenten Gabriel Chmura. Die Einspielung ist als ‘Volume 1’ einer Serie von Weinbergs Symphonien bezeichnet; vor dem britischen Label liegt also ein weiter Weg, wenn man alle symphonischen Werke des Polen veröffentlichen möchte.

Der Begriff ‘Sinfonietta’ darf hier keinesfalls abwertend, etwa als ‘minderwertige’ Symphonie verstanden werden, vielmehr ist es die geringere zeitliche Ausdehnung und die schlanke, teilweise fast kammermusikalische Instrumentation, die Weinbergs 1. Sinfonietta charakterisiert. Der kompositorische Anspruch steht hinter dem einer Symphonie nicht zurück, wie man schon am virtuos orchestrierten ersten Satz erkennen kann. Weinbergs Tonsprache ist konservativ und weitgehend tonal; die formale Gliederung des 1. Satzes ist mit zwei Themen (das erste mit Anklängen an jüdische Musik) und einer kurzen Reprise klar strukturiert, wohingegen die traditionelle Durchführung fehlt.
Der zweite Satz hat mit knapp acht Minuten die größte Ausdehnung und ist auch emotional das Zentrum des Werkes. Kantilenen von Horn, Oboe und Klarinette wechseln einander ab, wobei das Horn besonders zu loben ist. Konnte man bisher zudem von einem einwandfreien Klangbild sprechen, so gerät dieses im kurzen Scherzo etwas verwaschen. Neben Parallelen zu Schostakowitsch tauchen nun auch Anklänge an Mahler auf. Das Finale schließlich, von ausgesprochenem Perpetuum-Mobile-Charakter, beweist erneut Weinbergs Kunst der Orchestration. In raschen Figurationen kommen die Instrumentengruppen zu Wort, wobei das Kattowitzer Orchester einen makellosen Gesamteindruck hinterläßt.

Düstere 5. Symphonie in traditioneller Klangsprache

Deutlich düsterer als die insgesamt optimistische Sinfonietta gibt sich die 5. Symphonie, die mit ihrer klaren Tonalität und fasslichen Klangsprache dem seriellen Modetrend der 1960er Jahre entgegenstand. Der erste Satz ist durch zahlreiche Dialoge zwischen Streichern und Bläsern gekennzeichnet, dezente klangliche Schärfen ändern nichts am insgesamt verhaltenen Charakter, der nur in der Coda mit einem markanten Trompeten-Signal kurz aufgegeben wird. Fast ebenso lang wie der Kopfsatz ist das folgende Adagio sostenuto, in dem die Streicher dominieren; ein bemerkenswertes Solo der Oboe führt zum verlöschenden Ende des Satzes. Hier erscheint der Gegensatz zur Sinfonietta am stärksten, gleichzeitig bekommt man einen Eindruck vom breiten Stimmungsspektrum, über das Weinberg verfügen konnte.
Das traditionell konstruierte Scherzo gibt sich betont rhythmisch und bezieht die Schlaginstrumente stärker als bisher ein. Als Finale folgt nun kein lärmender Kehraus-Satz, sondern ein schlichtes Andantino mit betont kontrapunktischer Führung einzelner Instrumente und einer deutlichen Reminiszenz an Shostakovichs 4. Symphonie.

Obwohl die Sinfonietta den überzeugenderen Gesamteindruck hinterlässt, stellen beide Werke eine echte Bereicherung dar. Freunden traditioneller Symphonik wird diese Platte mit Sicherheit zusagen, zumal angesichts der Interpretation des exzellenten Orchesters unter Chmuras Leitung, die keine Wünsche offen lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weinberg, Mieczyslaw: Symphonies, Vol.1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Chandos
1
15.12.2003
67:51
2003
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0095115112823
CHAN 10128


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Weinberg, Mieczylaw
 - 1. Allegro moderato -
 - 2. Adagio sostenuto -
 - 3. Allegro -
 - 4. Andantino -
 - 1. Allegro risoluto -
 - 2. Lento -
 - 3. Allegretto -
 - 4. Vivace -


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Dirigent(en):Chmura, Gabriel
Orchester/Ensemble:National Polish Radio Symphony Orchestra


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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