> > > Bartok - The quiet revolutionary: Franziska Pietsch, Maki Hayashida
Dienstag, 7. Februar 2023

Bartok - The quiet revolutionary - Franziska Pietsch, Maki Hayashida

Pianistische und violinistische Wucht


Label/Verlag: Odradek
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bartók vom Feinsten: Franziska Pietsch und Maki Hayashida brillieren mit den beiden Sonaten und den 'Rumänischen Volkstänzen' des ungarischen Tondichters.

War Béla Bartók ein stiller Revolutionär? Die vorliegende CD der Geigerin Franziska Pietsch und der Pianistin Maki Hayashida trägt jedenfalls den Titel 'The Quiet Revolutionary'. Darauf befinden sich drei Werke des ungarischen Komponisten, die im Vergleich zu seinen bekanntesten Werken (wie etwas dem Konzert für Orchester) eher selten gespielt werden: Die beiden Violinsonaten aus den frühen 1920er Jahren und die 1915 entstandenen 'Rumänischen Volkstänze', die der Violinist Zoltán Székely für Violine und Klavier arrangiert hat. Dass die beiden Sonaten nicht sehr populär sind, dürfte unterschiedliche Gründe haben: Bei der ersten Sonate handelt es sich um ein episches Werk von über 35 Minuten Spieldauer, und in beiden Werken ist es der kantig-perkussive Grundton, an dem sich auch heute noch mancher eher an traditionelle Violinsonaten gewohnte Hörer stören dürfte. Pietsch umschreibt diesen Grundton im Beiheft sehr poetisch: 'Seine Musik liegt wie ein Vulkan vor uns: schroff, abweisend, dunkel und kalt.' Greift man die Metapher auf, stellt sich die Frage: Lassen Pietsch und Hayashida den Vulkan ausbrechen?

Der expressive Zugriff der beiden Interpretinnen von Beginn der ersten Sonate an legt es nahe, diese Frage mit 'Ja' zu beantworten. Wild, aber mit hoher Präzision gehen die Musikerinnen das gewaltige Werk an und lassen es nicht an klanglicher Schärfe fehlen. Der weitgehend freie, rhapsodische Charakter der Sonate kommt dabei insbesondere Pietsch sehr entgegen – ihr virtuoses, ausdrucksstarkes Spiel kann sich hier ungehemmt entfalten. Hayadhida schließt sich dieser Herangehensweise an und verzichtet nicht auf pianistische Kraftentfaltungen, die bei einer Beethoven- oder Brahms-Sonate wohl eher unangemessen wären. Hier aber ist die pianistische Dynamik die richtige Wahl: Aufwühlende Skalen und Akkord-Ballungen sind die perfekte Ergänzung zu Pietschs violinistischer Wucht, so dass beide Interpretinnen – bei aller individueller Freiheit – stets auf Augenhöhe musizieren. Unterstrichen wird dieser positive Eindruck von einem ausgewogenen Klangbild, das auch die rasantesten Passagen (vor allem im Finale der Sonate) sehr klar und transparent abbildet.

Besteht die erste Sonate noch aus den üblichen drei Sätzen, so löst sich Bartók in der zweiten Sonate auch von dieser Form: Einem 'Molto moderato'-Kopfsatz folgt hier ein 'Allegretto', einen dritten Satz im klassischen Sinne gibt es nicht. Der Tonfall ist ähnlich schroff wie in der ersten Sonate, insgesamt wirkt das Klangbild aber etwas luftiger – wilde Ballungen, wie sie in den Ecksätzen der ersten Sonate durchaus auftreten, sind seltener geworden. Pietsch und Hayashida brillieren auch hier mit hoher Virtuosität, expressiver Wucht und präzisem Zusammenspiel, ein ganz klein wenig blasser als in der ersten Sonate bleibt der Gesamteindruck dennoch. Dies liegt womöglich weniger an den Interpretinnen als am Werk selbst: Die erste Sonate ist, trotz ihrer Länge, ein monumentales Meisterwerk, das auch hundert Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner dramatischen Kraft eingebüßt hat. Das Schwesterwerk wirkt nicht ganz so spektakulär, trotz der formalen Innovationen. Im Vergleich zu vielen anderen Werken der 1920er Jahre, die längst in Vergessenheit geraten sind, steht aber auch die zweite Sonate glänzend da.

Die 'Rumänischen Volkstänze' halten zwar nicht das hohe Niveau der beiden Sonaten, sind aber schon deutlich mehr als nur nette Zugabestücke. Trotz ihrer Kompaktheit ist jeder Tanz für sich ein kleines Meisterwerk, Pietsch und Hayashida können das Potential jeder Miniatur voll entfalten und runden so eine mitreißende Bartók-CD sehr gelungen ab. Man kann sich also zwar über den Titel der CD streiten – diese sehr ausdrucksstarken Stücke sind doch wohl kaum Schöpfungen eines 'stillen' Komponisten – aber nicht über das Ergebnis, dieses ist durchgehend erstklassig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bartok - The quiet revolutionary: Franziska Pietsch, Maki Hayashida

Label:
Anzahl Medien:
Odradek
1
Medium:
EAN:

CD
810042704190


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Bartók, Béla


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Odradek

Odradek Records ist keine beliebige neue Plattenfirma. Es ist der erste Schritt eines größeren Projekts, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, klassische Musik neu zu produzieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir sind der Meinung, daß die derzeitige Struktur der Musikwelt das wahre Wesen der Musik verkennt und ihr nicht die gebührende Bedeutung beimisst. Die Welt der klassischen Musik dreht sich im Wesentlichen um wenige, berühmte Namen, einige große Konzerthäuser und ein Repertoire, welchem - eingeschränkt durch die Fesseln der Popularität - wenig Spielraum gelassen wird. Nachwuchskünstler werden zumeist im musikfeindlichen Labyrinth der Wettbewerbe gefunden, wobei der große Erfolg dort nicht selten enger mit Extravaganz und Theatralik als mit der Genauigkeit und Feinheit der Interpretation verknüpft ist. Solch ein System, welches den Gesetzen der freien Marktwirtschaft ausgesetzt ist, zwingt die große Mehrheit der Künstler immense Summen für eine CD Aufnahme aufzubringen, deren Gewinn größtenteils wieder an die Plattenfirma zurückfließt. Dadurch bleibt vielen guten Musikern die Möglichkeit einer professionellen Aufnahme verwehrt. Solch ein System hat sich nicht nur schon weit von der Kunst entfernt, es ist ein System, das in sich selbst in einer großen Krise steckt.

Idealerweise sollte Musik, genau wie andere Primärgüter, nicht vom Markt abhängig sein. Uns ist klar, dass dies streng genommen eine utopische Vision ist. Aber gerade dieses Streben nach dem Unerreichbaren ist ein grundlegender Antrieb für die Dynamik unseres Projekts.

Odradek Records ist eine nicht an Profit orientierte Plattenfirma. Nach Deckung aller Produktions- und Vertriebskosten gehen alle Erlöse an den Künstler. Die zwei maßgebenden Kriterien zur Auswahl der Künstler sind einerseits höchste musikalische Qualität und andererseits die Attraktivität des vorgeschlagenen Programms. Wir wollen nicht ausschließen, sondern mit einbeziehen: Es ist nicht von Bedeutung ob jemand einen wichtigen Wettbewerb gewonnen oder schon in großen Konzerthallen gespielt hat. Ebenso interessieren uns weder Alter und Herkunft eines Künstlers, noch ob er bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag ist. Das einzig relevante Kriterium ist die musikalische Qualität des Künstlers. Wir interessieren uns für Aufnahmen von Chopin und Co., genauso wie für Aufnahmen von Stücken von Berio, Scelsi, Copland, Carter, Webern, Schönberg, Ligeti, Kurtag, Ives u.v.a.

Odradek Records produziert nicht nur CDs. Wir sind überzeugt, daß Musik in ihrer Ganzheit erst im Konzert voll zur Geltung kommen kann. Aus diesem Grund organisieren wir regelmäßig Musikfestivals in verschiedenen Städten, um unsere CDs und die Musik zu fördern.

Zu guter Letzt noch ein Wort zu unserem Namen, den wir einer Kurzgeschichte von Kafka entliehen haben. Ebenso wie der Familienvater in Kafkas Geschichte, sind auch wir besorgt. Besorgt, dass Musik immer mehr ein ?Odradek? wird; ein undefinierbares und unverständliches Wesen, dessen Stimme künstlich klingt ? wie die Stimme eines Menschen ?ohne Lungen?; ein Wesen ohne Form, das auf beängstigende Weise all das kopiert was jemals lebendig war und von jenen, die über die notwendigen Instrumente der Macht und Kontrolle verfügen, in jede Form gepresst werden kann. Wir hoffen, dass das käfigähnliche Geländer, das den Mann in Kafkas Bildern umgibt, sich in ein Instrument verwandelt ? wir möchten unser Gefängnis in Freiheit verwandeln.

Wir möchten dazu beitragen, dass Musik wieder ausschließlich als Kunstwerk wahrgenommen und die ursprüngliche Funktion musikalischer Interpretation wiederhergestellt wird ? die einzige, die eine mögliche Zukunft eröffnet: ein Feld der Forschung.

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