> > > Strauss / Reger: Lieder mit und ohne Worte: Sheva Tehoval, Sopran und Georg Michael Grau, Klavier
Samstag, 25. Juni 2022

Strauss / Reger: Lieder mit und ohne Worte - Sheva Tehoval, Sopran und Georg Michael Grau, Klavier

Versäumnisse


Label/Verlag: TYXart
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Max Regers Klaviertranskriptionen von Liedern Richard Strauss' wird hier wenig verständnisvoll umgegangen.

Zur Aneignung im häuslichen Musizieren gab es vor hundert Jahren unterschiedlichste Formate: das kammermusikalische Musizieren, die Musik am Klavier für zwei und vier Händen, das Lied – und auch die Reduktion von Vokalmusik aufs Klavier ‚mit unterlegtem Text‘ für all jene, die nicht singen konnten. Zu den Komponisten, die sich um 1900 auch in diesem Feld verdient gemacht haben, zählt Max Reger, der Lieder von Brahms, Wolf, Strauss und Adolf Jensen für Klavier solo bearbeitet hat (außerdem langsame Sinfoniesätze von Brahms, gleichfalls für Klavier solo). Die Strauss-Transkriptionen entstanden als erste 1899 bzw. 1903 – das erste der zwei Hefte mehr oder minder im Auftrag des Älteren, der so Reger seinem alten Verlag Jos. Aibl empfahl.

Leider erweist das CD-Booklet totale Ignoranz des gegenwärtigen (im Grunde reichen) Kenntnisstandes, behauptet beispielsweise, Regers (wörtliche!) Transkriptionen seien ‚freie, Brillante Klavierfassungen‘. Das Gegenteil ist der Fall – Reger erweist sich als bescheidener Diener der ihm vorgegebenen Musik. Später wird er (etwa im Fall der Brahms- oder Wolf-Transkriptionen) seinen Verleger Henri Hinrichsen (C. F. Peters) darauf hinweisen, wenn Lieder zur Transkription für Klavier allein vielleicht besonders oder auch gar nicht geeignet wären, doch auch hier bleibt er in seinen Eingriffen verhältnismäßig zurückhaltend, verlegt die Singstimme in den Klavierpart und bemüht sich um ausgewogene Klaviertexturen.

Versäumnisse

Regers Anweisungen sind sehr klar, besonders was die Dynamik angeht – doch leider kümmert sich Georg Michael Grau wenig um diese essenziellen, genau einzuhaltenden Schattierungen, sondern spielt häufig seine eigene Version, der es an Poesie und Verständnis für die Originallieder wie für Regers Einrichtung nicht selten fehlt; das, was Reger plastische Herausarbeitung nannte, findet häufig nicht statt. Auch versäumt Grau es gelegentlich, die hervorzuhebenden Linien (die nicht immer nur die Gesangslinien sind) hinreichend ‚in Szene zu setzen‘. Dazu springt der Flügel nicht an allen Stellen gleich gut an, eine kohärente Linienführung der Harmonik ist nicht immer gewährleistet. Für ein erstes Kennenlernen dieser Stücke ist diese Einspielung geeignet, gleichzeitig aber auch als Abschreckung, wie weitgehend der Geist des Notentextes ignoriert werden kann. Auch der Pedalgebrauch unterstützt nicht immer die Klarheit des Notierten. In ‚Heimliche Aufforderung‘ gar geraten über Teile der Klaviertextur klangfarblich denkbar uninteressant (und weicht denkbar weit in der Dynamik von der Vorgabe ab) – was das Lied zur musikalischen unterschwelligen Ekstase macht, wird nicht hörbar (bei ‚Doch hast du das Mahl genossen‘ verliert sich der Pianist in erratischen Rubati, die niemand vorgesehen hat).  

Die zweite Hälfte der CD bietet nicht etwa Lieder von Strauss und Reger (bzw. nur im Bonustrack die von Reger meistgehasste ‚Waldeinsamkeit‘), wie das Cover nahelegen könnte, sondern nur zwölf Strauss-Lieder, deren Auswahl sich gerade in Bezug auf Reger als fast gänzlich wahllos erweist – bedingt offenkundig aus der bereits erwähnten Unkenntnis der im Grunde spannenden Situation, dass Reger nämlich vierzehn Liedtexte, die auch Strauss vertont hat, auch komponiert hat (darunter sieben, die er für Klavier transkribiert hatte) – einige wenige von ihnen sogar bevor Strauss sich der Gedichte annahm. Dass beide Komponisten das Schaffen des jeweils anderen kannten und häuffig schätzten, ist gut belegt – Reger widmete zu Beginn und gegen Ende seiner Tätigkeit als Orgelkomponist Strauss jeweils ein Werk und teilte sich mit ihm 1915 die Leitung eines Orchesterkonzertes in Berlin. Nur eines der Gedichte, die auch Reger vertont hat (‚Hat gesagt – bleibt’s nicht dabei‘), finden wir hier – dazu als Dublette zur Klavierfassung ‚Du meines Herzens Krönelein‘, mit dem Reger bekanntlich seine berühmten Schlichten Weisen op. 76 eröffnete.

Die Sopranistin Sheva Tehoval, mit gut anspringender Stimme in allen Registern und charmantem Vortrag, verfügt über ein sehr beschränktes Spektrum an Klangfarben – ihr Gesang ist klangschön, ihre Textverständlich vorbildlich, aber vom Timbre leider etwas wenig mehrdimensional. Hier reduziert sich Grau auf dezente Klavieruntermalung – von einer musikalischen Partnerschaft im besten Sinne kann nicht die Rede sein. Gäbe es nicht so viele Vergleichseinspielungen, würde diese Darbietung ausreichen. Dies ist aber nicht der Fall. Aufnahmetechnisch klingen die Lieder nicht ganz natürlich – möglicherweise wurde nicht ganz optimal mikrofoniert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss / Reger: Lieder mit und ohne Worte: Sheva Tehoval, Sopran und Georg Michael Grau, Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
TYXart
1
66:23
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4250702801320
TXA19132


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Reger, Max
Strauss, Richard


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"CD "Strauss - Reger"
Lieder mit und ohne Worte

Sheva Tehoval, Sopran & Georg Michael Grau, Klavier


Richard Strauss war zeitlebens ein leidenschaftlicher Liederkomponist. Reinhold Schlötterer schrieb darüber 1988: "Da ist zunächst einmal das äußere Maß der Lebenszeit. Haben wir es doch, vom ersten Lied des sechsjährigen Richard bis zu den letzten, 1948 in der Schweiz komponierten Liedern des Vierundachtzigjährigen, mit einem 78 Jahre überbrückenden Liedschaffen zu tun, und daß der reife Strauss andere Texte bevorzugt als das Kind, ist wohl selbstverständlich. Aber im kleineren Maßstab ist jedes Lied so repräsentativ für die zugehörige Lebens- und Schaffenssituation, daß man aus dem Blickwinkel der Liedtexte und -kompositionen unschwer eine aussagekräftige Strauss-Biographie schreiben könnte."

Zu den Klavierbearbeitungen
Bis in die Zwanziger Jahre hinein zählten Lieder von Richard Strauss zu den beliebten Vorlagen für Klavierstücke. Nicht nur Max Reger schrieb freie, brillante Klavierfassungen davon, sondern auch Walter Gieseking oder Belá Bartók. Der brillante Pianist Richard Strauss schlug sich im subtilen Klavierpart so deutlich nieder, dass die Kollegen nur noch die Singstimme einarbeiten mussten wie weiland Franz Liszt bei seinen Paraphrasen Schubertscher Lieder. Da man den Inhalt der zwölf "Lieder ohne Worte" im ersten Teil aber nur verstehen kann, wenn man ihre Texte kennt, sind auch deren Gedichte in diesem Booklet abgedruckt. Raffinierte Überlappungen und Querverweise setzen die beiden Programmhälften zueinander in Beziehung.

Zu den gesungenen Liedern
Sheva Tehoval hat sich einige der bekanntesten Lieder von Strauss herausgesucht, besonders solche, die er immer wieder zusammen mit seiner Ehefrau Pauline Strauss-de Ahna in gemeinsamen Liederabenden vortrug. Aber auch seltene Preziosen des Liedschaffens sind in der Auswahl von zwölf Liedern vertreten.


CD-Programm / Trackliste:

01-12:
RICHARD STRAUSS (1864–1949)
Zwölf ausgewählte Lieder,
für Klavier allein übertragen von MAX REGER (1873–1916)
Breit´ über mein Haupt dein schwarzes Haar, Morgen, Traum durch die Dämmerung, Ich trage meine Minne, Glückes genug, Meinem Kinde, Allerseelen, All´ mein Gedanken, Du meines Herzens Krönelein, Cäcilie, Heimliche Aufforderung, Nachtgang
*** Mainly First Recordings | Größtenteils Ersteinspielungen ***

13-24:
RICHARD STRAUSS
Zwölf Lieder
Die erwachte Rose, Hat gesagt - Bleibt’s nicht dabei, Die Nacht, Die Georgine, Die Verschwiegenen, Glückes genug, Meinem Kinde, Schlagende Herzen, Schlechtes Wetter, Du meines Herzens Krönelein, Ach Lieb, ich muss nun scheiden, Ich schwebe [+ Bonustrack]

Album-Erstveröffentlichung!"


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TYXart

TYXart - the musicART label

TYXart ist es ein besonderes Anliegen, die emotionalen, geistigen und intellektuellen Anforderungen von Musikliebhabern mit hochwertigen künstlerischen Einspielungen zu erfreuen - und dass Tiefsinn, Humor, Stille, Kraft, Nachdenklichkeit, aber auch Lebensfreude, Jubel oder Trauer, also alles, was die musikalischen Befindlichkeiten des Menschen erhebt und befriedigt, in unseren Veröffentlichungen enthalten ist.

Es geht uns dabei nicht in erster Linie nur um "Berühmtheit" oder "Perfektionismus", sondern ums Humane, Originelle, Individuelle und um die begeisternden und begeisterten Interpretationen ungewöhnlicher Musiker, auch der ganz jungen. Jede CD ein Unikat! Das soll unser Motto sein. Dass sich unserem Konzept bereits mehrere außergewöhnliche und berühmte Künstler spontan anschließen, beruht auf deren Überzeugung von der Richtigkeit unseres Anspruchs.

Herausragende Musiker und Ensembles der Veröffentlichungen: Giora Feidman (Klarinette), Elena Denisova (Violine), Yojo (Klavier), Liana Issakadze (Violine), Alexander Suleiman (Violoncello), Corinne Chapelle (Violine), Carmen Piazzini (Klavier), Franz Grundheber (Bariton), Matthias Veit (Klavier), Nathalia Prishepenko (Violine), Alexandra Sostmann (Klavier), Franz Hummel (Komponist), Masako Sakai (Klavier), Ensemble del Arte (Kammerorchester), Vardan Mamikonian (Klavier), Jakob David Rattinger (Viola da Gamba), Werner Schneyder (Musik-Kabarett), TRIO ZERO, Sojka Quartett, Deutsches Saxophon Ensemble, Moscow Symphony Orchestra ...

Wir stellen zusammen mit unseren Künstlern in Serien wie z.B. "Modern Classics", "Rising Stars" oder "Crazy Edition" Aufsehen erregende Musikaufnahmen unserer Zeit ungewöhnlichen Interpretationen aus mehreren Epochen gegenüber, um ein breites Publikum auf die Lebendigkeit, Schönheit und Kühnheit neuer Kompositionen im Fokus radikaler oder besonders individueller Interpretationen traditioneller Werke aufmerksam zu machen. Lassen Sie sich auch jenseits von Mainstream-Bewegungen begeistern von den sensationellen Einspielungen der Künstler bei TYXart!


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