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Mittwoch, 29. Juni 2022

Järvi, Paavo - dirigiert Igor Strawinsky

Trägheit des Soldaten


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Einspielung seiner 'Stravinsky'-CD hat sich der in Estland geborene Dirigent Paavo Järvi einen Kindheitstraum erfüllt. Schon als Junge wollte er eine Platte mit der Suite aus der ,Geschichte vom Soldaten', dem ,Ragtime für elf Instrumente', den Concerti ,en Ré' und ,Dumberton Oaks', sowie den Suiten ,Nr.1' und ,Nr.2' aufnehmen, was er nun in die Tat umsetzte. Das Orchester, das es seiner Ansicht nach vermochte, ,all the small characterizations, musical surprises and jokes' (Järvi) der Musik Strawinskys angemessen darzustellen, fand er in der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Aber leider sind Träume nicht immer leicht zu realisieren. Diese Einspielung zählt zu den weniger glorreichen Versuchen, den von der formalen Anlage und der rhythmischen Disposition her gesehen komplexen Werken einen angemessenen Ausdruck zu verleihen.

Der ,Jazz Faust'

Bei der ,Geschichte vom Soldaten' griff Strawinsky auf altrussische Märchen- und Moritatensammlungen des Folkloreforschers Afanassjew zurück und machte daraus ein musikalisches Kammerspiel. Inhaltlich geht es um die Violine (die Seele) eines Soldaten, die auf listige Weise dem Teufel in die Hände fällt. Der Soldat hat zwar mit dem Bestreben, die Geige wieder zurückzugewinnen, Erfolg, da er aber verbotenerweise die Landesgrenze überschreitet, treibt der Teufel den Soldaten doch in die Hölle. Strawinsky verwendete für dieses Stück Stile aus verschiedensten Richtungen der E-und U-Musik wie Choral, Konzert, Marsch, Walzer, Tango oder Ragtime. Der Dirigent Robert Craft, Freund und Förderer Strawinskys, bezeichnete dieses Stück daher auch als ,Jazz Faust'. Entsprechend schwungvoll sollte die vorliegende Orchestersuite erklingen. Järvi hingegen nimmt deutlich an Tempo heraus, was dem Gesamtbild der Musik sehr schadet. Jedes einzelne Stück der Suite ist im Vergleich zu der Einspielung Crafts (2001 Koch) oder der überaus gelungenen Interpretation des Scottish National Orchestra (2004 Chandos) deutlich länger. Vor allem die Szenen, die dem Teufel gewidmet sind (,Danse du diable' und ,Marche triomphale du diable') erschrecken durch ihre Trägheit. Der ,Ragtime' lässt jegliches off- beat-feeling vermissen und die beiden Märsche (,Marche du soldat', ,Marche royal') sind weder treibend noch zwingend genug. Im Stück ,Petit airs au bord du ruisseau', das eine Art ,Walking Bass' als Fundament-Stimme hat, ist ausgerechnet dieses wichtigen rhythmische Element durch einen sehr zurückhaltenden Bass und geringe Lautstärke genommen worden.
Allein die zwei Choräle sind in der Interpretation der Deutschen Kammerphilharmonie sehr schön anzuhören und können ihren tragenden Charakter voll entfalten. Allerdings ist der zweite Choral nur eine Zugabe und nicht eigentlicher Bestandteil der Suite. Järvi wusste wohl um seine Stärken und hat daher noch einen Choral hinzugefügt. Als weitere Zugabe zur ,Geschichte vom Soldaten' erklingt der ,Ragtime für elf Instrumente', obwohl dieser unmittelbar nicht viel mit dem ,Soldaten' zu tun hat. Überraschenderweise schafft es Järvi diesem Ragtime Rhythmus und Leben zu verleihen, wie es in den Stücken zuvor nie erreicht wird.

Sanfte Klänge zur Hochzeit

Nach dem mäßigen Vortrag des ,Soldaten' klingen mit den beiden Concerti versöhnlichere Töne an. Vor allem das ,Concerto in Es - Dumberton Oaks' gelingt Järvi und seinem Orchester ausgezeichnet. Dieses Stück, benannt nach dem Landsitz der amerikanischen Mäzene Mr. und Mrs. Woods Bliss, die es zu ihrem 30. Hochzeitstag bestellten, ist in dreisätziger Form nach dem Vorbild des Concerto Grosso des Barock angelegt. Das sanfte und liebliche Spiel, das ,Dumberton Oaks' schon aufgrund des Anlasses erfordert, lässt das Orchester glänzen und seine Stärken hervortreten. Auch im zweiten Concerto gefallen mir Järvi und seine Musiker. Obwohl das Vivace zunächst etwas schleppend beginnt, sind die folgenden Sätze mit viel Gefühl (Arioso) bzw. Schwung (Rondo) vorgetragen. Die Themenwanderung innerhalb der beiden Concerti von Gruppe zu Gruppe bzw. von Soloinstrument zu Soloinstrument ist sehr flüssig gespielt.

Kaum Elan

Die abschließenden Suiten sind, wie die Stücke zu Beginn, wieder sehr unausgewogen. Zunächst beginnt die ,Suite Nr.1' mit einem bedächtig und zart gespielten Andante, das zu den Höhepunkten dieser CD gehört. Die folgenden Tänze der Suiten können jedoch zu keinem Zeitpunkt an den Elan und die ironische Grundhaltung der Klavierstücke, ,Trois'- und ,Cinq Pièces Faciles', denen sie nachempfunden sind, anknüpfen. Lediglich ,Galop', als letztes Stück, vermag einen Eindruck zu vermitteln, zu welchem Schwung das Orchester eigentlich fähig ist.
Neben den rhythmischen Schwächen des Orchesters und der sehr zurückhaltenden Spielweise fällt vor allem der sehr in den Hintergrund gedrängte Bass auf. Er ist viel zu leise abgemischt und vermag es zu keiner Zeit, seiner wichtigen Rolle in den vielen Tanzstücken gerecht zu werden. Dann wäre da aber noch das recht umfangreiche Booklet zu erwähnen, was die Schwächen der Aufnahme natürlich nicht aufwiegen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Järvi, Paavo: dirigiert Igor Strawinsky

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
17.11.2003
72:53
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
0827949004667
PTC 5186 046


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Strawinsky, Igor


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Dirigent(en):Järvi, Paavo
Orchester/Ensemble:Deutsche Kammerphilharmonie Bremen


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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