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Samstag, 10. April 2021

Bach, Johann Sebastian - Partita

Bach, Beethoven und virtuose Etüden


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der russische Pianist Kirill Gerstein (Jahrgang 1979), 2001 Gewinner des ersten Preises beim internationalen Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv, wählte für seine Debüt-CD bei Oehms Classics ein ansprechendes Programm. Es verbindet Altbekanntes (Bachs Partita Nr. 4, Beethovens Sonate op. 10 Nr. 1) mit weniger Bekanntem (Etüden von Alexander Skrjabin); hinzu kommen zwei Gershwin-Bearbeitungen des Pianisten und Arrangeurs Earl Wild (geb. 1915), eines der letzten Nachfahren einer virtuosen Transkriptions-Tradition im Sinne von Liszt und Godowsky.
An Konkurrenzeinspielungen der D-Dur-Partita mangelt es nicht, doch Gerstein beweist von den ersten Takten der Ouvertüre an individuelles Profil. Sein perlender, fast singender Anschlag und ein klar durchhörbares Spiel ergeben eine schlüssige Interpretation, vielleicht ein wenig romantisierend, aber in jedem Fall überzeugend. Dazu trägt das bemerkenswert natürliche Klangbild bei, der Klavierton wurde optimal eingefangen. Die Allemande spielt Gerstein unaufdringlich und durchweg leise, die Courante munter zupackend, mit gemäßigten agogischen Freiheiten.

Der knappen Aria folgt eine bewegte Sarabande, Gersteins interpretatorische Frische ist hier nicht mehr ganz so vorhanden wie zu Beginn der Partita. Nach dem Menuett schließt das Werk mit einer Gigue, in beiden Teilen beeindruckt wiederum der differenzierte, ausgehörte Anschlag des Russen. So wie Bach den traditionellen Formen des Barock Höchstleistungen seiner eigenen Kompositionskunst abgewinnen konnte, spielt Gerstein die Partita auf der Basis vorhandener Interpretationstraditionen auf seine durchaus eigene Art und Weise. Er erreicht damit zwar keine völlig neue, individuelle Sichtweise des Werkes, aber seine Version hat als Mittelweg zwischen z.B. Glenn Gould und streng historisierenden Einspielungen auf einem Cembalo Aufmerksamkeit verdient.

Beethovens c-moll-Sonate op. 10 Nr. 1 ist zwar kein revolutionäres Werk wie die in der gleichen Tonart stehende ‘Pathetique’, zeigt aber bereits Ansätze einer Tonsprache, die sich wenig später voll ausbilden sollte und heute gemeinhin als ‘typisch’ für Beethoven erachtet wird. Gersteins Einspielung muß den Vergleich mit Gulda oder Brendel nicht scheuen, obwohl er im ersten Satz eine Spur zu harmlos bleibt; besser gelingt ihm der zweite Satz, ein innig empfundenes ‘Adagio molto’. Das ‘Prestissimo’-Finale, verglichen mit den titanischen Schlußsätzen der ‘Waldsteinsonate’ oder der ‘Apassionata’ noch ein Finale von geringem Gewicht, spielt Gerstein diskret und unaufdringlich.

Ein Jahrhundert nach Beethoven geboren, zählt Alexander Skrjabin zu den eigenwilligsten Klavierkomponisten der Musikgeschichte. Seine frühen Werke knüpfen noch an die Tradition (namentlich Chopins) an, doch später gelangte er zu einem atonalen Stil, der mit höchst merkwürdigen philosophischen Vorstellungen einherging. Gerstein hat Etüden aus beiden Phasen des Komponisten eingespielt: Vier kurze Stücke aus op. 8, das deutlich an Chopins berühmtem op. 10 orientiert ist, und die drei Etüden op. 65, die je ein Intervall als Grundlage haben. Hierbei handelt es sich in Etüde Nr. 2 (‘Allegretto’) um eine verminderte None, was auf Skrjabins Zeitgenossen ziemlich schockierend gewirkt haben dürfte.
Nr. 1 und Nr. 3 aus op. 65 dagegen, eine Spur konventioneller komponiert, geben Gerstein Gelegenheit, seine exzellente Technik zu entfalten, wobei es ihm freilich immer gelingt, den Gesamtzusammenhang zu wahren. Auch an den vier Etüden aus op. 8 hat der Russe hörbar seine Freude, was sich in einem sehr delikaten, dynamisch fein nuancierten Spiel niederschlägt.

Earl Wilds Transkriptionen nach den Gershwin-Songs ‘Embraceable You’ und ‘Liza’ sind mehr als nette Zugaben. Wild gelingt es beinahe, das Klavier singen zu lassen, einen fähigen Interpreten seiner Bearbeitungen vorausgesetzt. Gerstein darf ein solcher genannt werden – mit der kleinen Einschränkung, daß er die Melodie in den virtuosen Begleitfiguren manchmal fast untergehen lässt.
Zusammenfassend eine hörenswerte Debüt-CD eines erstaunlichen jungen Pianisten, auf dessen folgende Aufnahmen man jetzt schon gespannt sein darf.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Partita

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
01.01.2012
65:19
2003
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4260034863231
OC 323


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Bach, Johann Sebastian
Beethoven, Ludwig van
Skrjabin, Alexander
Wild, Earl


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Interpret(en):Gerstein, Kirill (Piano)


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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