> > > Hernhuter Weihnacht: Vocal Concert Dresden, Dresdner Instrumental-Concert, Peter Kopp
Montag, 24. Januar 2022

Hernhuter Weihnacht - Vocal Concert Dresden, Dresdner Instrumental-Concert, Peter Kopp

Mit Stern


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Herrnhuter Weihnacht gewährt einen Blick in einen kaum bekannten Bezirk der Musikgeschichte – unbedingt interessant, wenn auch nicht spektakulär.

Es ist eine durchaus besondere Platte, die bei Berlin Classics zur Weihnachtszeit erschienen ist: ‚Herrnhuter Weihnacht‘ ist sie betitelt und natürlich prangt der berühmte Strahlenstern auf dem Cover, den die meisten kennen oder gar selbst alljährlich zur Adventszeit in ihren Häusern und Wohnungen aufhängen. Die englische Übersetzung des Titels – ‚Moravian Christmas‘ – weist deutlich auf Herkunft und Ursprünge der Herrnhuter Entwicklung hin, nämlich die böhmisch-mährische Brüder-Unität, die nach dem Dreißigjährigen Krieg zunächst im Nordosten Mährens Zuflucht fand, schließlich bei Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in Berthelsdorf in der Nähe von Löbau aufgenommen wurde. Hier entstand seit den 1720er Jahren die bis heute bekannte Siedlung ‚unter des Herren Hut‘, deren musikalische Traditionen sich im Programm des von Peter Kopp geleiteten Vocal Concert Dresden spiegeln. Denn anders als pietistische Strömungen waren die Herrnhuter musikaffin, wenn auch dezidiert unterschieden von der Ausprägung lutherischer Kunstmusik der Zeit. Dafür stehen dem Konzertleben wie der diskografischen Erschließung weitgehend fremde Namen wie John Gambold jr., Johannes Renatus Verbeek, Peter Mortimer, Johann Gottfried Weber, Johann Ludwig Freydt, Christian Ludwig Brau, John Antes, David Moritz Michael und Christian Gregor, sämtlich in der zweiten Hälfte des 18., teilweise bis ins beginnende 19. Jahrhundert aktiv – wie einige der Namen anzeigen durchaus auch mit Rückkopplungen aus späteren Siedlungsgebieten der Herrnhuter in England, den Niederlanden und Nordamerika.

Der Musik fehlt alles Artifizielle, auch wenn zum Beispiel in Verbeeks ‚Uns ist ein Kind geboren‘ in Bau und Faktur durchaus zeitgemäßes Können aufblitzt. Prägend sind schlichte, direkte Gesten, fassliche Linien, eine direkte Bindung an die Texte, dazu viel Terzen- und Sextenseligkeit: Fast alle Sätze strahlen eine unbefangene Fröhlichkeit aus, deren eine Hälfte emotional-religiös motiviert sein mag, während die andere Hälfte aus den ästhetischen Grundprinzipien der klassischen Periode gespeist wird – allerdings ohne jeden Abgrund oder doppelten Boden.

Als einziges größeres Werk ist die fast dreiviertelstündige ‚Christ-Nachts-Music am 24sten December 1765‘ von Christian Gregor anzusprechen. Affektiv und gestisch ist auch hier im Wesentlichen das zu hören, was die anderen Kompositionen prägt. Ein interessanter Aspekt ist hier die ungezwungene Aneignung fremden, weit bekannteren Materials: Händels ‚Comfort ye‘ aus dem Messias wird hier umstandslos integriert, wenn auch in deutlicher Vereinfachung von Satz und Geste. Dazu tritt mit dem häufig wiederkehrenden Gemeindegesang eine Ebene, die Zinzendorf selbst als ‚Liederpredigt‘ adelte und die ein zentrales Element der musikalischen Praxis war.

Schlichte, erwärmte Gesten

Das Vocal Concert Dresden bildet als Kammerchor den Kern dieser Aufnahme, agiert in geschmeidigen, jungen, beweglichen Registern, in eleganter Statur ohne Ecken und Kanten. Der schon angesprochene Gemeindechor firmiert als Chor der Freunde von Vocal Concert Dresden und bringt ein erstaunlich gerundetes, harmonisches Element ein, das weit oberhalb üblicher Trägheit klingt. Hinzu kommen in zwei Situationen Beiträge des Philharmonischen Kinderchors Dresden, der sich seiner Aufgabe mit Charme und frischem Klangbild entledigt. Solistisch treten die Sopranistin Christiane Wiese, die Altistin Marie Bieber, die Tenöre Stephan Keucher und Richard Drechsler sowie der Bass Clemens Heidrich hervor: Sie singen die Linien betont schlicht und schwebungsarm, erzählend in der Geste; über das tatsächliche sängerische Potenzial der Konstellation lässt sich angesichts der überschaubaren technischen und deutenden Herausforderungen wenig sagen. Auch die Instrumente des Dresdner Instrumental-Concerts erfüllen eher eine dienende Funktion, agieren darin geschmeidig und zutreffend, durchaus mit klanglicher Differenz und Finesse, doch zugleich strukturbedingt nicht mit übermäßig aufgeladener Binnenspannung.

Peter Kopp lässt die charakterlich wenig variante Musik in getragen-entspannten Tempi musizieren, manchmal auch gedehnt – weshalb Längen hörbar werden. Dynamisch wird man gleichfalls ein maßvoll variantes Tableau zur Kenntnis nehmen müssen, ohne auffahrende oder in deutlicher instrumentaler Abwechslung profilierte Gesten. Die Intonation ist grundsätzlich unproblematisch, scheint dann und wann auf Grund der betont schlichten Geste solistisch wie chorisch etwas unterspannt. Artikulatorisch ist die enge Bindung zum Text das prägende Merkmal, scheint geradezu Worttreue auf; dazu tritt das Federn der typisch klassischen Instrumentalgeste. Das Klangbild der in der Evangelischen Stadtkirche im sächsischen Geising entstandenen Aufnahme hinterlässt einen charmanten Gesamteindruck, voller Wärme und Sammlung. Es negiert Differenzen zwar nicht, ist gleichwohl nicht auf äußerste Plastizität hin angelegt.

Herrnhuter Weihnacht gewährt einen Blick in einen kaum bekannten Bezirk der Musikgeschichte – unbedingt interessant, wenn auch nicht spektakulär. Das Programm entgeht nicht ganz der Gefahr einer gewissen Monochromität. Doch findet, wer nicht unbedingt musikalisch-ästhetische Hochseilartistik sucht, hier einen gänzlich unverstellten Zugang zum Weihnachtsgeschehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hernhuter Weihnacht: Vocal Concert Dresden, Dresdner Instrumental-Concert, Peter Kopp

Label:
Anzahl Medien:
Berlin Classics
1
Medium:
EAN:

CD
885470023076


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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