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Dienstag, 4. Oktober 2022

José de Nebra: Cantadas - Alberto Miguélez Rouco, Los Elementos

Der spanische Hof und die Barockmusik


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die 'Globalisierung' in Sachen Musik im 18. Jahrhundert machte auch vor dem spanischen Hof nicht halt.

1700 starb der letzte Habsburger auf dem spanischen Thron. Nach dem Erbfolgekrieg zwischen den französischen Bourbonen und dem übrigen Europa gelang es den Franzosen, Spanien für die Bourbonen zu sichern. Zur politischen Macht gehörte in dieser Zeit, wie überall sonst auch, am Hofe barocken Glanz zu entfalten, der vor allem die Größe des Herrschers nach außen darstellen sollte. Theater und Oper erfüllten diesen Zweck aufs prächtigste, aber auch die Musik für die zahlreichen Messen, Andachten und besonders für kirchliche Feiertage sorgten für Aufmerksamkeit und unterhielten gleichzeitig die Höflinge ebenso wie das gemeine Volk.

Zunächst machten spanische Musiker Karriere am Hof, unter ihnen noch heute so bekannte Namen wie José de Torres oder Antonio de Líteres. Als der König 1714 in zweiter Ehe Isabel de Farnese aus Italien heiratete, wurden ab da immer mehr Italiener nach Madrid geholt, ganz der europäischen Mode entsprechend. So kam Francisco Corselli aus Parma 1734 als Kapellmeister und Musiklehrer für die Kinder des Königspaares nach Spanien. Eigentlich hieß er Courcelle, da seine Eltern aus Frankreich stammten. Erst mit seiner Ankunft in Spanien italianisierte er seinen Namen. 1738 wurde er zum Kapellmeister der königlichen Hofkapelle ernannt. Er muss ein vorzüglicher Sänger gewesen sein, beherrschte virtuos das Cembalo und komponierte mit Leichtigkeit alles, was gefordert war, von der Oper über die Zarzuela, von Villancicos bis hin zu Kantaten für die Gottesdienste. Zu tun gab es reichlich, da 1734 ein Brand im Schloss das komplette Archiv zerstört hatte. Man konnte für die musikalischen Aufführungen also nur auf das zurückgreifen, was neu geschrieben wurde.

Bald schon wurde Corselli tatkräftig unterstützt von José de Nebra, in Cuenca ausgebildet und seit 1724  hoch angesehener zweiter Organist der königlichen Kapelle. De Nebra versuchte erst gar nicht, sich als Konkurrent seines Kollegen zu positionieren, was dieser ihm dankte, indem er de Nebra immer mehr Aufgaben übertrug und damit dessen Karriere förderte. So wurden Corselli und de Nebra für viele Jahre zu den führenden Musikern am Hof der spanischen Könige. Als Philipp V. starb und sein Sohn Fernando VI. sein Nachfolger wurde, konnten beide weiterhin auf ihren Posten bleiben.

Gekonnte Präsentation

Auf der vorliegenden CD präsentiert der junge spanische Countertenor Alberto Miguélez Rouco jeweils zwei Solokantaten der beiden Musiker. Er hat in Basel Alte Musik studiert und für die Aufnahmen Studienkollegen aus der Schola Cantorum Basiliensis gewonnen, die sich als Los Elementos gemeinsam mit dem Sänger in die Aufgabe gestürzt haben, Unbekanntes kennenzulernen und gekonnt zu präsentieren. Das Ensemble ist klein gehalten, mit jeweils einer ersten und zweiten Violine, Violoncello, Kontrabass, Orgel und Barockharfe wird die Musik sehr durchsichtig gehalten und der Sänger kann ohne jeden Kraftaufwand leicht seine solistische Rolle wahrnehmen.

Alle vier Solokantaten bestehen, wie es üblich war, aus Rezitativen und Arien. Die Arien selbst sind in der A-B-A-Form gehalten. Bei Corselli ist man an die Oper der Zeit erinnert. Der Gesangspart ist teilweise recht virtuos, die Stimmung verläuft entlang dem Text mit abrupten Wechseln zwischen lyrischen und dramatischen Momenten und die Instrumente unterstreichen die jeweilige Situation noch einmal besonders. Bei de Nebra klingt alles lyrischer, was sicher an der Auswahl der Stücke liegt, aber anscheinend auch auf seine mehr spanische Ausbildung zurückgeführt werden kann.

Die eher weiche Stimme des Countertenors hat so gar nichts Trompetenhaftes an sich. Unterstrichen wird diese Anmutung noch durch den Einsatz von Vibrato, während die Streicher dagegen ohne Vibrato spielen. Das ist im ersten Augenblick gewöhnungsbedürftig, passt aber gut sowohl zur dramatischen Musik von Corselli als auch zur eher spirituellen eines de Nebra.

Alberto Miguélez Rouco ist nicht nur ein inzwischen erfolgreicher Sänger, sondern auch gelernter Pianist und Cembalist. Er beschäftigt sich intensiv mit der Musik Spaniens, hat für die vorliegenden Aufnahmen die Kantaten von de Nebra aus den Archiven geholt und eingerichtet, dabei auch auf Material zurückgreifend, das in Mexiko gefunden wurde.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    José de Nebra: Cantadas: Alberto Miguélez Rouco, Los Elementos

Label:
Anzahl Medien:
Pan Classics
1
Medium:
EAN:

CD
7619990104167


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Nebra, José de
Porpora, Nicola


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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