> > > Scarlatti: Complete piano sonatas: Christoph Ullrich, Klavier
Dienstag, 9. August 2022

Scarlatti: Complete piano sonatas - Christoph Ullrich, Klavier

Der Scarlatti-Sog


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die nächsten 30 Scarlatti-Sonaten von insgesamt 555 hat Christoph Ullrich eingespielt. Der Halbmarathon ist damit schon absolviert.

Eine CD mit 30 Sonaten von Domenico Scarlatti? Kann man so etwas durchhören? Man kann. Und wie! Spätestens bei Sonate Nr. 3 ist man in dieser Welt gefangen und bleibt fasziniert. Sagenhafte 555 Sonaten für das Cembalo hat Domenico Scarlatti geschrieben. Die eine oder andere könnte man noch hinzufügen, je nachdem, welche Quellen zugrunde liegen. Warum hat er diesen Auftrag der spanischen Königin Maria Barbara angenommen? Sie verlangte von ihrem Hofcembalisten und langjährigen Musiklehrer nahezu täglich eine neue Sonate. Sicher war Scarlattis Stellung bei Hofe seit 1728 eine einträgliche und renommierte, was der napoletanische Musiker, der sich in der Jugend in Europa umgesehen und einen Ruf als exzellenter Cembalist erworben hatte, dazu gebracht hatte, zunächst bei Maria Barbaras Vater, dem König von Portugal als Hofkomponist und Lehrer der Tochter zu dienen, eben jener, die später den spanischen Thronfolger heiratete. Auch als später Vater zahlreicher Kinder von zwei Ehefrauen - seine erste Ehe schloss er mit 43 Jahren - war die Anstellung in Madrid nicht zu verachten. Es muss ihn aber auch als Künstler gereizt haben, mit dieser kompositorischen Form alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich ihm als Komponisten stellten.

Die Sonaten, kostbar gebunden, wurden vom renommierten Kastratensänger Farinelli, der ebenfalls lange am spanischen Hof wirkte und mit dem Scarlatti sicher in regem künstlerischen Austausch war, nach dem Tod der Königin nach Venedig gebracht (einiges befindet sich auch in Parma). Seit wenigen Jahrzehnten erst werden sie nach und nach aus dem barocken Vergessen wieder ans Licht geholt. Heute kennt sie jeder Pianist und als Zugabe sind sie in Konzerten beliebt. Ihre Aufführung beschränkt sich auch schon längst nicht mehr auf das Cembalo, sondern der moderne Konzertflügel hat dabei bereits die Vorherrschaft ergriffen. Auch haben sich schon der eine oder andere Pianist oder auch ganze „Arbeitsgruppen“ daran gemacht, alle Sonaten einzuspielen.

Auch der Pianist Christoph Ullrich hat sich vorgenommen, alle Sonaten aufzunehmen, mehr als die Hälfte dieses Marathons hat er inzwischen hinter sich, 2028 will er das Projekt abschließen. Eine Frage, die sich an den Komponisten stellt, liegt auch für den Pianisten auf der Hand: Warum tut man sich ein solches Projekt an? Sportlicher Ehrgeiz oder gar ein Guinness-Buch-Eintrag kann wohl kaum als Motivation gelten. Als Volume 6 ist inzwischen die letzte Doppel-CD erschienen. Ullrich geht bei der Reihenfolge der Aufnahmen nach dem Kirkpatrick-Verzeichnis vor, das sich am Datum der Notenabschrift orientiert, ein Datum der Komposition gibt es nicht.

Viele Charaktere

Die Sonaten entsprechen der barocken Form der Einsätzigkeit, unterteilt in zwei Abschnitte. Die Forschung hat inzwischen herausgefunden, dass etwa 400 der Sonaten als Paare zusammengehören, beide Sonaten dann in der gleichen Tonart, entweder als Dur- oder Moll-Stück. Die Sonaten auf dieser von Ullrich nun vorgelegten Doppel-CD sind sehr verschieden in ihrem Charakter. Manche erscheinen als reine, fröhliche Spielmusik im ¾-Takt, manche eher wehmütig zurückhaltend, bei einigen treten spanische Elemente hervor, etwa durch „fremde“ Halbtöne, andere lassen durch Ton-Repetitionen an die Gitarre denken. Dann erscheint auch einmal ein Fugenthema zu Beginn oder es kommt der Gedanke an die Bach’schen Inventionen auf. Eine Art Jagdmusik ist ebenfalls zu hören wie auch ein klagendes Lamento entsprechend der Folklore Andalusiens.

All diese Merkmale arbeitet Ullrich fein heraus, jede Sonate wird ihrem spezifischen Charakter gerecht. Es macht sogar den Eindruck, dass all diese Unterschiede erst recht auf einem Flügel, wie Ullrich ihn spielt, deutlich werden können – eher als auf einem Cembalo. Wobei jedoch zu sagen ist, dass Scarlatti über eine ganze Sammlung der unterschiedlichsten Cembali verfügte und damit auch die jeweilige „Uraufführung“ sehr abwechslungsreich geklungen haben mag. Diese so unglaublich verschiedenen Farben, wie Ullrich sie hervorzurufen imstande ist, führen jedenfalls dazu, dass man in diese Musik regelrecht hineingesogen wird und von Sonate zu Sonate neugierig weiterhören möchte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scarlatti: Complete piano sonatas: Christoph Ullrich, Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Tacet
2
Medium:
EAN:

CD
4009850026907


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Scarlatti, Domenico


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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