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Mittwoch, 7. Dezember 2022

British Cello Music - Steven Isserlis, Cello

Akzentverschiebung


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Steven Isserlis wirft einen neuen Blick auf britische Musik für Solocello.

Auf die Idee muss man erst einmal kommen: einen Teil der Haarpracht des Interpreten als ausschließliches Coverbild zu wählen, dazu in etwas pixeliger Gestalt. Doch gerade die Reduktion auf die Essenz zeichnet diese Produktion aus; schon lange wurde – von den drei Suiten von Benjamin Britten abgesehen – britischer Musik für Solocello keine CD mehr gewidmet.

Dabei gibt es viel zu entdecken. Die drei ‚Brocken‘ der CD sind Brittens Dritte Suite op. 87 von 1971, William Waltons Passacaglia 1979/80 und vor allem, wohl eine Tonträgerpremiere, Frank Merricks 'Suite in eighteenth-century style' vermutlich aus der ersten Hälfte der 1930er-Jahre. Isserlis berichtet in seinem Booklettext ausführlich über die Begegnungen mit dem damals schon 90-jährigen Merrick, der mit dem damals 17-Jährigen Merricks Cellosonate einspielte (das Band ist verloren, wie auch Isserlis' frühere Einspielung der Suite). In der achtsätzigen Suite verbindet Merrick die Reverenz an Bach mit seinem eigenen eklektischen Stil. Auch wenn das Ergebnis weniger exzeptionell sein mag als die drei Suiten von Max Reger, ist es doch gar nicht weit von ihnen entfernt und wird hier vor allem ausgesprochen engagiert dargeboten. Hörbar macht sich Isserlis Merricks Musik zur Herzenssache – jede Phrase, jeder Ton, jede Akkordfolge ist sorgsam ausgehört, die Rhythmik ist ebenso fein ausgearbeitet wie die Dynamisierung. Merrick verzichtet auf strenge Kanon- oder Fugensätze, konzentriert sich vielmehr auf Tanzformen nebst einer Air. Die schließende Gigue bezieht sich hörbar auf Reger, dessen Werke Merrick schätzte und mehrfach aufgeführt und sogar eingespielt hat.

Expressive Sicht

Die dreizehn Sätze von Brittens Dritter Suite zeigen sozusagen den entgegengesetzten Pol der britischen Musikgeschichte im 20. Jahrhundert – eine von schlichter Dur-Moll-Tonalität weit entgegengesetztes Musikdenken, in dem das variative Denken der Rückkehr zum Originalthema vorangestellt ist. Ergänzt wird Isserlis' expressive Sicht auf Brittens anspruchsvolles Werk durch einige Themen, die Britten in der Suite verarbeitet hatte – drei in Tschaikowskys Volkslied-Adaptionen, eine in der Gestalt des 'English Hymnal', des traditionellen anglikanischen Kirchengesangbuchs.

Es dauerte einige Zeit, bis sich Isserlis für Waltons Passacaglia erwärmen konnte (anders als für die beiden anderen besprochen Werken); Waltons Klangsprache ist gerade mit Blick auf mehrere seiner späten Werke bis heute nicht hinreichend gewürdigt. Es war gut, dass Isserlis sein Verständnis für die Musik hat reifen lassen – unter seinen Händen erfährt sie eine unmittelbare Expressivität, die in den bisherigen Einspielungen vielleicht nicht ganz so im Zentrum stand.

Melodischer Bogen

Ergänzt wird das Programm durch vier Miniaturen: die 'Coranto pizzicato' aus John Gardners Partita op. 98 für Solocello von 1968, Brittens 'Tema Sacher' von 1971, Waltons 'Theme for a Prince' von 1969 und Thomas Adès 'Sola' von 2000. So randständig die beiden Themen sein mögen, sie besitzen eben jenen großen melodischen Bogen und formtechnische Vielfalt, die zur Verarbeitung in Variationen herausfordern würde (Waltons Thema wurde denn auch auf Isserlis' Anregung Ausgangspunkt einer Cellosonate von Robert Saxton). Und 'Sola' erweist sich als charmante Retourkutsche auf die Nachricht einer mit Adès befreundeten Cellistin, nachdem diese eine Abendverabredung abgesagt hatte, da sie üben müsse: Wenig später erhielt sie per Fax die entsprechende Komposition.

Mit der vorliegenden Veröffentlichung hat Steven Isserlis sich womöglich selbst übertroffen. Wenn auch die Programmierung mit nur einer Britten-Suite und nur einem Satz aus der Gardner-Partita diskussionsfähig wäre, ist die musikalische Dichte, die er bietet, mindestens so stark wie in früheren Veröffentlichungen, sein Verständnis für die Musik fast mit Händen zu greifen; auch aufnahmetechnisch ist die Produktion vorzüglich. Wäre die Typografie im Booklet nicht ganz so winzig und Isserlis' Booklettext auch in andere Sprachen übersetzt, kein Wunsch bliebe offen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    British Cello Music: Steven Isserlis, Cello

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571283739


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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