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Samstag, 28. Mai 2022

Buxtehude: Complete Organ Works II - Friedhelm Flamme, Orgel

Stupende Qualität


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Buxtehude, Teil zwei: Die Qualität der Interpretation ist angesichts der Diskografie Friedhelm Flammes keine Überraschung. Eine Gesamteinspielung, die trefflich gerät und von Belang ist.

Friedhelm Flamme, vielseitig interessierter und diskografisch reich dokumentierter Organist, hat in den vergangenen Jahren bei cpo eine eindrucksvolle Reihe mit Platten zum norddeutschen Orgelbarock vorgelegt. Darin waren neben bekannten und weniger vertrauten Stimmen jener prägenden Epoche der Orgelkunst etliche Präsentationen von interessanten, teils wenig im Zentrum der Aufmerksamkeit stehenden Orgeln zu verzeichnen und natürlich die Begegnung mit einem versatilen Organisten, dessen klangliche Imaginationskraft und wahre Registrierfreude eindrücklich in Erinnerung sind. Jetzt hat er sich wiederum bei cpo der Perle des norddeutschen Orgelbarock zugewandt: Dietrich Buxtehude. Eine erste Doppel-CD sorgte 2020 für Aufmerksamkeit und kam unter anderem in die Auswahl für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Nun liegt die zweite Folge vor, ebenfalls mit zwei randvollen Silberscheiben in SACD-Qualität bestückt. Auch hier legt Flamme die Programme so an, dass sie jedes für sich ohne Weiteres als umfangreiches Recital anhörbar sind.

Auf der ersten Platte stehen choralgebundene Werke verschiedener Dimensionen im Mittelpunkt, dazu drei Präludien voller Struktur und Kraft sowie ein gleichfalls hochintensives Magnificat primi toni. Natürlich machen die freien Werke einen oft fast überwältigenden Eindruck, doch ist die satztechnische Vielfalt, mit der sich Dietrich Buxtehude bekannte Choräle aneignet, sie bald kunstfertig verschleiert, bald prächtig expliziert, die vielleicht noch größere Ohrenweide. Die zweite Platte ist geprägt von einigen charaktervollen freien Formen – in Gestalt von Toccata, Ciacona, Praeludium, Praeambulum oder Canzonetta. Hinzu treten einige solcher Choralbearbeitungen, für die Buxtehude verschiedene Fassungen komponiert hat: ‚Komm, heiliger Geist, Herre Gott‘ und ‚Von Gott will ich nicht lassen‘ sind doppelt, ‚Nun lob, mein Seel, den Herren‘ ist gar dreifach vertreten.

Hochinteressantes Instrument, das mehrere Einflüsse vereint

Friedhelm Flamme spielt diese Musik wie schon für den ersten Teil der Aufnahme auf der Christoph-Treutmann-Orgel der Klosterkirche St. Georg zu Grauhof bei Goslar. Das Instrument entstand 1734 bis 1737 und damit beinahe drei Jahrzehnte nach Dietrich Buxtehudes Tod, dazu in einer durchaus anderen als der rein norddeutschen Orgeltradition und Ästhetik. Christoph Treutmann stammte aus Schlesien, verbrachte Lehrjahre in Magdeburg, wo er als Gehilfe von Arp Schnitger beim Bau der Orgel der Johanneskirche mitwirkte. Dieser norddeutsche Einfluss spiegelt sich natürlich in den 42 Registern auf drei Manualen und Pedal, aber auch mitteldeutsche Elemente, wie zum Beispiel zwei tiefe Viola-da-gamba-Register im Hauptwerk. Dazu ist eine Vielzahl stimmungsvoller Flöten klangprägend; das Pedal verfügt mit Principal und Subbass über eine starke 16-Fuß-Basis, der 32-Fuß-Groß Posaunen Bass liefert ein klangliches Extra in tiefster Lage. In der Orgel ist sehr viel originale Substanz erhalten, sogar die Prospektpfeifen blieben von der Konfiszierung während des Ersten Weltkriegs verschont. 1932 gab es eine Instandsetzung im Sinne der Ideale der Orgelbewegung, 1989 bis 1992 wurde das Instrument restauriert und wiederhergestellt – eine in der Summe für eine Orgel dieses Alters gar nicht so wechselvolle und entbehrungsreiche Geschichte also. Man kann sich gewiss fragen, ob das norddeutsche Werkprinzip mit noch mehr einzelstimmlicher Plastizität und einem weniger harmonischen, auf Verschmelzung hin orientierten Klangbild andere Orgeln etwa noch geeigneter hätte sein lassen. Doch tritt diese Überlegung angesichts des rundum überzeugenden Ergebnisses weit in den Hintergrund.

Versierter Interpret

Dazu trägt gewiss Friedhelm Flammes überzeugender Zugriff entscheidend bei. Er setzt mit Buxtehude das fort, was er mit der beeindruckenden Reihe der anderen Meister des norddeutschen Orgelbarocks begonnen hat. Er erweist sich, wenig überraschend, als ungemein stilerfahren, hat zudem einen eminent sicheren Zugriff auf die Ressourcen des Instrumentes. Auch gelingt es ihm, dessen Stärken und Format kunstvoll zu entfalten – das Klangergebnis wirkt dabei betont agil, für den Spieler zugänglich. Dieser Eindruck gründet sicher maßgeblich in der Tatsache, dass sich Friedhelm Flamme manuell vollkommen souverän und unangefochten in der Musik bewegt, ihr auch pedaliter nichts schuldig bleibt. Es scheint, als seien diese Grundlagen so felsenfest belastbar, dass keine der hier gestellten technischen Herausforderungen ihn ernstlich bewegen würde. Vor allem glänzt Flamme als Disponent der reichen Möglichkeiten des wunderbaren Instruments, registriert er kleinteilig und sinnfällig, die Strukturen der Kompositionen auf diese Weise mitentfaltend und expressive wie inhaltliche Deutungsansätze Buxtehudes gleichsam plausibilisierend. Leicht nachzuvollziehen ist diese gestalterische Vielfalt auch dank des – neben solider und umfassender Basisinformation – in dieser Hinsicht vorbildlichen Booklets, das, wie schon bei den anderen Produktionen zum norddeutschen Orgelbarock, es mit taktgenauen Registrierungsübersichten ermöglicht, beim Hören auch einzelne prägende Stimmen bestimmter Abschnitte bewusst kennenzulernen. Friedhelm Flamme lässt etwa die fabelhaften Flötenstimmen wunderbar zur Geltung kommen, bleibt zudem artikulatorisch nichts schuldig und präsentiert auch in bewegter Szene plastische Spielfiguren. Klanglich realisiert die Einspielung die tatsächliche Vielfalt des Instruments auf höchst plastische Weise, deckt Strukturen auf, ohne zu skelettieren, porträtiert das Instrument in seiner ganzen Farbigkeit, ist detailliebend und doch imstande, die gesamte Kraft des stattlichen Plenums aufzunehmen.

Buxtehude, Teil zwei: Die Qualität der Interpretation ist angesichts der Diskografie Friedhelm Flammes keine Überraschung. Eine Gesamteinspielung, die trefflich gerät und von Belang ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Buxtehude: Complete Organ Works II: Friedhelm Flamme, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD SACD
761203540723


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Buxtehude, Dietrich
 - Praeludium in C -
 - Nun komm, der Heiden Heiland -
 - Magnificat primi toni -
 - Puer natus in Bethlehem -
 - Praeludium in g -
 - Der Tag, der ist so freudenreich -
 - Gelobet seist du, Jesu Christ -
 - Gelobet seist du, Jesu Christ -
 - Lobt Gott, ihr Christen allzugleich -
 - In dulcio jubilo -
 - Praeludium in G -
 - Herr Christ, der einzig Gottes Sohn -
 - Herr Christ, der einzig Gottes Sohn -
 - Praeludium in D -
 - Wie schön leuchtet der Morgenstern -


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Interpret(en):Flamme, Friedhelm


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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