> > > Emmerich Kálmán: Gräfin Mariza: Münchner Rundfunkorchester, Ernst Theis
Samstag, 21. Mai 2022

Emmerich Kálmán: Gräfin Mariza - Münchner Rundfunkorchester, Ernst Theis

Verpasste Chancen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Gräfin Mariza' mag noch so komplett sein und auch dem Publikum im Prinzregententheater Freude bereitet haben – für eine CD-Veröffentlichung gibt es keinen wirklich nachvollziehbaren Grund.

Man könnte sich eigentlich freuen: Beim Label cpo liegt eine neue und obendrein wirklich komplette ‚Gräfin Maria‘ auf zwei klangschönen CDs vor. Der Livemitschnitt stammt vom April 2018 im Münchner Prinzregententheater, wo seit längerer Zeit regelmäßig konzertante Operetten mit dem Münchner Rundfunkorchester geboten werden. Nun war also Emmerich Kálmáns Dauerbrenner ‚Gräfin Mariza‘ auf einen Text von Julius Brammer und Alfred Grünwald an der Reihe.

Wenn man den wunderbaren Beiheft-Artikel von Stefan Frey liest, bekommt man schnell ein Gefühl für die kontrastreiche und schillernde Operettenwelt der frühen 1920er-Jahre in Wien, für die Abgründe und Anspielungen, die Unkorrektheiten und die unabdingbare Mischung von Melancholie und Anarchie. Bei der Uraufführung 1924 war Hubert Marischka der Tassilo, Hans Moser gab den Peniczek und Max Hansen fegte als Zsupán über die Bühne des Theaters an der Wien. Doch von den lustvoll geweckten Erwartungshaltungen an diese Neueinspielung löst sich letztlich beim Hören des Mitschnitts, der auch nicht gerade mit prominenten Namen werben kann, nichts ein. Die hier von Ernst Theis geleitete ‚Gräfin Mariza‘ mit Betsy Horne und Mehrzad Montazeri in den Hauptrollen klingt fraglos opulent und zugleich erschreckend bieder wie so vielen Aufnahmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind.

Ordentlich und klangschön

An der vokalen Qualität ist kaum etwas auszusetzen, fast alle Solistinnen und Solisten entledigen sich ihrer Musiknummern ordentlich und klangschön und auch der Wiener Volksopernchor und das Münchner Rundfunkorchester sind mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache. Allein Spaß machen will diese ‚Gräfin Mariza‘ beim besten Willen nicht. Ernst Theis betont die ungarische Schwelgerei wie vor ihm schon so viele andere, ohne auch nur einen Gedanken an Doppelbödigkeit oder Kontraste erahnen zu lassen. Die Nachtänze wollen in dieser Lesart einfach nicht zünden – man muss sich mit dem bekannten und absolut hochwertigen Melodienreigen zufriedengeben.

Mehrzad Montazeri gibt den Tassilo mit viel hörbarer Leidenschaft, aber wenig Schmelz und einer Tendenz zu zerdehnten und leicht quäkigen Vokalen. Seine klare Artikulation ist ein deutlicher Pluspunkt. An seiner Seite schwelgt und jubiliert Betsy Horne als Mariza mit üppigem Sopran und glutvollen Tönen. Sie singt ihre Partie mit großer Schönheit, aber auch Horne erreicht nicht den Moment, an dem die Figur den Zuhörer interessieren würde oder abseits der vokalen Bewältigung endlich einmal ‚Operette‘ stattfinden würde. Montazeri und Horne machen ihre Sache mehr als ordentlich, aber an berühmte Rollenvorbilder, die denselben stilistischen Glättungen aufsaßen, reichen sie nicht heran.

Mut zur überbordenden Energie

Ähnlich ernüchternd sieht es auf der Buffo-Seite aus. Lydia Teuscher ist eine stimmlich reizende, aber in der Ausgestaltung leider recht uncharmante Lisa und als Zsupán schießt Jeffrey Treganza ordentlich übers Ziel hinaus. Ihm muss man allerdings zugutehalten, dass er zumindest Mut zur überbordenden Energie zeigt. Geschmacksicher beraten ist der Sänger aber nicht – da schlägt einem die gewollte Komik unbarmherzig ins Gesicht und der ungarische Akzent hilft der Figur nur bedingt bis nicht. Pia Viola Buchert kämpft mit Tessitura und Suggestionskraft der Manja, während Peter Schöne einen überraschend jugendlichen und auch uncharakteristischen Fürsten Populescu beisteuert.

Fürstin Bozena und Peniczek treten gar nicht erst auf, denn die Dialoge dieser Aufführung sind aus nachvollziehbaren Gründen radikal gekürzt. Der Handlung kann man problemlos folgen und die wenigen Sprechpassagen sind zweckdienlich umgesetzt – Charme oder sprühenden Witz darf man aber nicht erwarten. Schlimm wird es gar, wenn die Dialogregie sich politisch korrekt positionieren will und die Verwendung des Wortes ‚Zigeuner‘ kommentiert: einmal zu Beginn, danach läuft alles weiter wie gewohnt. Der Gedanke ist nachvollziehbar und wichtig, aber die Ausführung provoziert Kopfschütteln.

Diese ‚Gräfin Mariza‘ mag noch so komplett sein und auch dem Publikum im Prinzregententheater Freude bereitet haben – für eine CD-Veröffentlichung gibt es keinen wirklich nachvollziehbaren Grund.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Emmerich Kálmán: Gräfin Mariza: Münchner Rundfunkorchester, Ernst Theis

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203739929


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Kálmán, Emmerich
 - Gräfin Mariza -
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Dirigent(en):Theis, Ernst
Orchester/Ensemble:Münchner Rundfunkorchester


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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