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Sonntag, 2. Oktober 2022

G.F.Händel: Aci, Galatea e Polifemo - La Lira di Orfeo, Luca Guglielmi

Kleine 'Oper' mit großer Wirkung


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Aci, Galatea e Polifemo' ist in dieser Version und Interpretation eine echte Entdeckung und eine Empfehlung.

Was eine denkwürdige Musiktheater-Produktion mit vielen hoffentlich ausverkauften Vorstellungen hätte werden sollen, wurde pandemiebedingt zur digitalen Momentaufnahme. Dieses Schicksal teilen seit 2020 viele Opernaufführungen und Konzerte, jede Planbarkeit scheint bis heute dahin. Die ambitionierte Umsetzung von Georg Friedrich Händels Serenata ‚Aci, Galatea e Polifemo‘ in der italienischen Version für den Kastraten Senesino am Teatro Municipale in Piacenza wurde im Oktober 2020 als Livestream vor leeren Zuschauerreihen gegeben. Beim Label Glossa ist nun unlängst der äußerst lohnenswerte Mitschnitt dieser Produktion auf zwei CDs erschienen.

Bei ‚Aci, Galatea e Polifemo‘ handelt es sich um das wohl am häufigsten von Händel umgearbeitete Werk. Komponiert wurde die Serenata für die Hochzeit Tolomeos III., dem Herzog von Avito, mit Beatrice von Sanseverino im Jahr 1708. Bis 1739 beschäftigte sich Händel immer wieder mit seiner Komposition. Es sind verschiedene Bearbeitungen und damit verbundene Aufführungen ab 1711 – allein zwei davon in Neapel – überliefert und auch in London gab man schon bald die Oper, ab 1732 dann mit einem neuen englischen Libretto und erweiterter Personage als ‚Acis and Galatea‘. Die Rekonstruktion der meisten Versionen und Fassungen gestaltet sich als schwierig, da die Aufführungsmaterialien nicht in allen Fällen erhalten sind.

Die 2020 in Piacenza aufgeführte Version stellt eine hypothetische Rekonstruktion einer Fassung dar, die wohl zwischen 1713 und 1718 zur Aufführung kam – und zwar mit dem berühmten Senesino in der Partie des Aci. Diese Besetzung hatte wohl zur Folge, dass die Stimmlagenverteilung sich ändern musste. Aus der ursprünglichen Altpartie der Galatea wurde ein Sopran und Aci verließ die Soprangefilde und wurde zum Kastraten. Einzig Polifemo blieb eine Basspartie. Auch die Instrumentenbesetzung unterscheidet sich in einigen Punkten von der neapolitanischen Erstaufführung. All diese Fassungsfragen sind in dem lesenswerten Beiheft der Glossa-Veröffentlichung detailliert nachzulesen. Sowohl Luca Guglielmi als auch der Countertenor Raffaele Pe steuern interessante Texte zu Gestalt und Thematik des Werks bei. Das Libretto gibt es zumindest in englischer Übersetzung.

Glücksfall

Musikalisch ist der vorliegende Mitschnitt ein wahrer Glücksfall. Luca Guglielmi und das Orchester La Lira di Orfeo bieten funkelnde Barock-Dramatik, farbenreiches Spiel und unprätentiöse Virtuosität. Das ist ohnehin eine der großen Stärken dieser Aufführung: Sie stellt sich in den Dienst der Musik und der sich daraus ergebenden Charaktere. Koloraturen geraten im Gesang nie zum Selbstzweck und jegliche Vokalakrobatik verbindet sich organisch mit der theatralen Situation. Das sensibel agierende Orchester fühlt sich dieser Lesart ebenso verpflichtet, stützt und befeuert in fein abgestimmtem Maß. Händels Musik erhält das Vertrauen, Bilder vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, innere und äußere Handlung hörbar zu machen. Die 83 Minuten Spieldauer vergehen wie Flug, so aufregend und zugleich wahrhaftig ist die Interpretation.

Die Mezzosopranistin Giuseppina Bridelli verleiht ihrer Galatea vor allem vokale Wärme und einen bewegenden menschlichen Grundton. Ihr Timbre ist manchmal recht nah an jenem von Raffaele Pe als Aci, was die Sehnsucht nach stärkeren Kontrasten wecken kann. In ihrem Gestaltungswillen und der Fähigkeit, barockes Zierwerk als Ausdruck des Seelenzustandes zu nutzen, präsentiert sie sich aber als jederzeit glaubwürdige und adäquate Besetzung für die Galatea.

Feine Ironie

Raffaele Pe gibt den Aci mit Verve und großer Souveränität. Seine Arien sind regelrechte Showstopper, vor allem sein bewegendes ‚Qui l‘augel da pianta in pianta‘. Pes Gesang, seine kluge Interpretation rühren an, machen Staunen und erregen den Hörer im besten Sinne. Als Polifemo steht ihm Andrea Mastroni in nichts nach und komplettiert damit das vorzügliche Trio. Der Bassist beweist Agilität und elegante Phrasierung, er zeichnet die Figur mit feiner Ironie und ebenso tiefschürfender Sympathie. Die effektvolle Arie ‚Fra l’ombre e gli orrori‘ mit ihren abgründigen, vibrierenden Tiefen, den halsbrecherischen Sprüngen und fein ziselierten Höhen war schon 2018 auf Mastronis Solo-CD ein Hinhörer. Wie beglückend, ihn nun in der kompletten Partie erleben zu können.

‚Aci, Galatea e Polifemo‘ ist in dieser Version eine echte Entdeckung und eine Empfehlung an so manche Theaterleitung: große Geschichte mit kleiner Besetzung und großer Wirkung. Das verträgt jeder Spielplan – nicht erst jetzt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    G.F.Händel: Aci, Galatea e Polifemo: La Lira di Orfeo, Luca Guglielmi

Label:
Anzahl Medien:
Glossa
2
Medium:
EAN:

CD
8424562235281


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Händel, Georg Friedrich


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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