> > > Johan Huys: Guy Penson, Cembalo
Sonntag, 5. Dezember 2021

Johan Huys - Guy Penson, Cembalo

Zeitgenössische Cembalomusik mit Witz


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Präsident eines Cembalo-Wettbewerbs legt eine CD mit eigenen Kompositionen für das Instrument vor, die als gelungen gelten darf.

Wenn ein Cembalist, der sowohl solistisch wie auch im Ensemble aufgetreten ist, sich selbst als Komponist von Cembalomusik versucht, legt sich die Vermutung nahe, es mit Zeit- und Drittaufgüssen barocken Musizierens zu tun zu haben. Jedoch ist das Solo-Cembalo spätestens seit der Komposition 'Continuum' von György Ligeti in der zeitgenössischen Musik angekommen. An diesem Markstein müssen nachfolgende Kompositionen gemessen werden, auch die von Johan Huys (gesprochen: Höüs). Der Flame ist auf allen Tasteninstrumenten zu Hause, vor allem aber auf dem Cembalo. Er war 39 Jahre der Präsident des Wettbewerbs im MA Festival Brügge, wobei MA für Musica Antiqua steht. Für diesen Wettbewerb komponierte er etliche Stücke für Cembalo. Sie stehen also ursprünglich nicht für sich selbst, sondern hatten eine klar umrissene Funktion. Wie vorliegende Aufnahme zeigt, können sie als selbstständige Kompositionen durchaus bestehen. Sein Schüler Guy Penson entzündet ein wahres Feuerwerk an cembalistischer Virtuosität und hilft mit, den Gedanken an Barockmusik gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Das erste Stück 'Ceci n’est pas une passacaille' (Dies ist keine Passacaglia) ist eine Hommage an den wallonischen Surrealisten René Magritte und seinem Gemälde 'La trahison des images (Ceci n’est pas une pipe)'. Eine gemalte Pfeife, so der Maler, kann man nicht stopfen. Das Stück des Komponisten ist wahrlich keine Passacaglia, enthält aber Elemente davon. Durch die Konnotation mit dem Maler stellt der Komponist klar, dass er sich der Moderne verpflichtet fühlt. Dabei ist der Begriff der Modernen höchst vielschichtig und widersprüchlich. Vom Serialismus zum Beispiel gibt es nichts zu hören. Einflüsse von der Minimal Music sind zu erkennen, wobei gerade einer ihrer Hauptvertreter, Philipp Glass, der Barockmusik hörbar nähersteht als Huys. Auch Henryk Górecki stand wohl unbewusst Pate für einige Figuren. Das alles ist aber verschmolzen mit einem absolut eigenen Stil. Huys arbeitet in einer Art erweiterten Tonalität, kann aber auch Klänge weit jenseits dessen hervorrufen. Er scheut sich nicht, Cluster verschiedenen Umfangs einzusetzen und aberwitzige Sprünge auf dem Instrument einzusetzen. Seine Rhythmik ist spritzig und abwechslungsreich. Er nutzt das Cembalo bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Er tut dies alles mit einem großen Stück Humor. Seine Stücke reizen zum Lächeln, machen Spaß, besonders dann, wenn er Elemente aus dem Jazz auf sein Instrument bringt. Lediglich das Tombeau ist leise, langsam und meditativ, wie es sich für eine Trauermusik gehört.

Ligetis Komposition ist zweifellos radikaler. Dennoch kann die Musik Huys‘ daneben bestehen, gerade weil sie anders mit dem Instrument umgeht und eine andere Musik dafür schreibt. Das Booklet ist leider nur in Englisch, Französisch und Niederländisch gehalten. Insgesamt ist eine CD entstanden, die eine staunenswerte Virtuosität des Cembalisten mit einer Musik vereinigt, die dem Hörer Vergnügen bereitet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Johan Huys: Guy Penson, Cembalo

Label:
Anzahl Medien:
Passacaille
1
Medium:
EAN:

CD
5425004841162


Cover vergössern

Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Passacaille:

  • Zur Kritik... Verschlungene Wege: Enrico Onofri und sein Orquesta Barroca de Sevilla mit einer gelungenen Lesart von Pergolesis 'Stabat Mater', die sich wesentlich dem vokalen Glanz von María Espada und Carlos Mena verdankt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Cembalistische Variationskunst: Bachs Goldberg-Variationen: Was man in jedem Takt hören kann, ist Bachs tiefe Inspiration – hier mit Raum zum Atmen und sublimer Virtuosität von Michel Kiener verlebendigt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Mit dem Zink unter Engeln: Wenn Bruce Dickey sich auf Entdeckungstour macht, ist reicher Ertrag garantiert: Englisches und anderes, das sich zu einem stimmigen Programm fügt, mit Hana Blažíková als kongenialer Partnerin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Passacaille...

Weitere CD-Besprechungen von Diederich Lüken:

blättern

Alle Kritiken von Diederich Lüken...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Nebenschauplatz: Als Klavierkomponist hat Edward Gregson nur bedingt nachhaltige Bedeutung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Brahms ohne Schrei – aber als Trost im Lockdown: Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Very British: Die Ballette von Lord Berners sind in der Einspielung durch David Lloyd-Jones ein Vergnügen. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich