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Sonntag, 23. Januar 2022

Josquin Desprez: Giosquino - Odhecaton, Paolo da Col, The Gesualdo Six

Giosquino, der Italiener


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein weitere hochklassige Würdigung Josquins in seinem 500. Todesjahr: Diese Platte von Odhecaton und Gesualdo Six setzt willkommene Impulse, um das erfreulich reich überlieferte kompositorische Erbe Josquins vor Ohren geführt zu bekommen.

Aktuell ist beim Label Arcana eine Platte mit Musik von Josquin Desprez erschienen, dessen 500. Todestag in diesem Jahr – mit Blick auf die Diskografie – erfreulich intensiv begangen wird. Hier ist ein Programm mit Kompositionen überwiegend aus der zweiten italienischen Periode Josquins am Hof von Ferrara zu hören. Josquin wird im Booklettext zurecht als europäischer Musiker skizziert, mitsamt der musikalischen Ur-Prägung seiner franko-flämischen Heimat, die ihm, wie so vielen anderen, erst einen so exzeptionellen Lebens- und Schaffensweg ermöglichte, der ihn unter anderem an den französischen Hof und erstrangige Adressen in Italien führte. ‚Giosquino‘, die italienische Version seines Namens, ist bei allem Wissen um Herkunft und Prägung des Epochen-Komponisten aber durchaus berechtigt, zumal angesichts des programmatischen Schwerpunkts.

Da ist zum einen die ‚Missa Hercules Dux Ferrariae‘, deren Hauptthema als Beispiel für ein ‚soggetto cavato‘, ein aus den prägenden Vokalen der Haupttextzeile (Hercules Dux Ferrariae = re ut re ut re fa mi re) gewonnenes Konstrukt steht und in dessen Ausformung ein Kunststück von Rang ist – streng organisierte Musik wird durch die Magie großer Künstlerschaft nobilitiert zu einem klanglich sensiblen und auch in der Wirkung der gesamten Faktur trotz aller Ambition flexibel wirkenden Stück Musik: Zweifellos ein Gipfel kontrapunktischer Satzkunst. Einige erlesene Motetten ergänzen diesen Kern, zum Beispiel der zwölfstimmige Satz ‚Inviolata, integra et casta‘ oder die beiden großen Doppel-Motetten ‚Praeter rerum seriem‘ und ‚O Virgo prudentissima‘. Sie alle lassen einerseits Josquins kaum verwechselbaren Personalstil erkennen, gemahnen aber zugleich an dessen musikalische Entwicklung zwischen den älteren Ansätzen – als Josquin vierzehnjährig ‚puer altaris‘ in Saint-Géry in Cambrai war, lebte dort der berühmte Guillaume Dufay, eine prägende Figur dieser vorherigen Epoche – und der Fortentwicklung der kontrapunktischen Kunst im 16. Jahrhundert, deren Hochphase durch Josquin selbst maßgeblich vorgeprägt und auf den Weg gebracht wurde.

Vereinigte Ensembles

Edles Material also in jedem Fall, das von einer Kombination versierter Vokal- und Instrumentalensembles ins Werk gesetzt wird: Paolo Da Col agiert mit seiner Formation Odhecaton als vokalem Kern, ergänzt um die Gesualdo Six; instrumentale Farben steuern La Reverdie und La Pifarescha bei. Vokal verfolgen die Ensembles im Plenum dabei einen kraftbasieren Ansatz, mit der ganzen klanglichen Überzeugungskraft eines dann 22köpfigen Männerensembles. Trotz aller Klangstärke gerät das Ergebnis nicht zuerst wuchtig oder grob forciert, sondern wirkt es klangsensibel und linear flexibel, was gerade den heikler gebauten Motetten ein angemessenes Abbild verschafft. Hier wie auch in den Messsätzen sind wunderbare Solokonstellationen zu hören.

La Reverdie steuert mit Rebec – einer kleinen Geige –, Laute und Harfe einen für die Zeit typischen, mürben Klang bei; La Pifarescha setzt im Instrumentalsatz ‚La Bernardina‘ mit je zwei Schalmeien und Posaunen einen spielerischen Farbakzent, stärkt dazu klangströmend manchen Vokalsatz. Tempi werden generell fließend bewegt, allem Gefühl von möglichem Stillstand sicher entgegenwirkend. In der Klangstärke ist ein weites Feld durchmessen, von der feinen Nuance mancher solistischen Konstellation bis zur – gleichwohl komplett kontrollierten – substanziellen Entfaltung im Plenum. Intoniert wird in voller Besetzung kraftbegabt, bis zu manchem Schluss von strahlender, glänzender Stärke; Soli agieren in schwebender Makellosigkeit. Die Vokalisten huldigen der langen, fein gegliederten Linie, die bei Josquin gelegentlich fast endlos wirkt. Zudem werden entschlossen Zäsuren und Akzente gesetzt. Das Klangbild entspricht auf kongeniale Weise Größe und Format der beteiligten Ensembles, mit feiner räumlicher Expansion, dennoch klar in Struktur und Balance.

Ein weitere hochklassige Würdigung Josquins in seinem 500. Todesjahr: Die Diskografie des Komponisten war schon vor 2021 reich bestückt. Jetzt setzt diese Platte von Odhecaton und Gesualdo Six weitere willkommene Impulse, um das erfreulich reich überlieferte kompositorische Erbe Josquins vor Ohren geführt zu bekommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Josquin Desprez: Giosquino: Odhecaton, Paolo da Col, The Gesualdo Six

Label:
Anzahl Medien:
Arcana
1
Medium:
EAN:

CD
3760195734896


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Despres, Josquin


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Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


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