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Samstag, 29. Januar 2022

Elizabethan Christmas - Helen Charlston, Fretwork

Sammlung und Besinnung


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nicht um gefühlige Besinnlichkeit ohne Tiefe geht es Fretwork und Helen Charlston mit diesem Programm, sondern um einen echten Eindruck der elisabethanischen Advents- und Weihnachtszeit. Ein Tipp für alle, die alternatives Repertoire suchen.

Verschiedene Ensembles waren in ihren Weihnachtsprogrammen der letzten Jahre in mancher Epoche auf der Suche nach dem Besondern, nach den weniger ausgetretenen Pfaden. Auch das Gambenconsort Fretwork unternimmt diesen Versuch auf seiner aktuell bei Signum Classics erschienenen Platte. Unter dem Titel ‚An Elizabethan Christmas‘ ist ein schöner klingender Reflex aus der elisabethanischen Zeit zu hören, mit Musik von William Byrd, Anthony Holborne, Orlando Gibbons, Thomas Wheelkes und Martin Peerson. Ensemblemitglied Richard Boothby schreibt in seinem nicht nur musikerklärend aufschlussreichen Essay, das Advent und Weihnachten damals und heute sich elementar unterscheiden: Der Advent des Frühbarock war eine strenge Fastenzeit, eine Phase intensiver geistlicher und lebenspraktischer Vorbereitung auf das Fest der Geburt Christi, das dann in allerdings in weitaus größerer zeitlicher Ausdehnung als heute gefeiert wurde – freilich, auch wenn es damals Geschenke gegeben haben mag, ohne Konsumterror, Überdruss und Umtauschorgien ab dem 27. Dezember morgens.

Zu dieser anderen Perspektive auf den Festkreis passt auch die Musik jener Zeit: Es sind affektiv vollendet schlicht gehaltene, überraschend regelmäßig gebaute Betrachtungen des weihnachtlichen Geschehens, die da vokalsolistisch oder in kleinen Ensembles auf der Basis des Gambenconsorts expliziert werden. Daneben sind feine rein instrumentale Stücke zu hören, bald von ausgesuchter Zartheit und Transparenz, bald von fugierter Lebendigkeit. Insgesamt ergibt dieses Tableau affektiv ein Programm der Stille und der Sammlung.

Alle Qualitäten eines Gambenconsorts

Geprägt wird es vokal von der jungen Mezzosopranistin Helen Charlston, deren dunkle, in den tiefen Lagen beinahe maskulin anmutende Stimme einen direkten, linear präzisen Ton entwickelt, getragen von Wärme und einem ausgesprochenen Reichtum an Farben. Eine natürliche, sehr präsente Diktion sichert den gelegentlich ausgreifenden Monodien die nötige Griffigkeit. Auch dank dieser Qualität entgeht die Vokalistin – wenn auch nur denkbar knapp – der Gefahr der Monochromität, die über diesem Programm liegt. Dazu verhelfen ihr auch die vokalen Partnerinnen und Partner: Emma Walshe und Lucy Cox (Sopran), Amy Lyddon (Alt), Guy Cutting (Tenor), Malachy Frame (Bariton) und Edmund Saddington (Bass) stehen für die Qualitäten der ‚choral scholars‘ und ergänzen das vokale Bild vergleichbar gesammelt, dennoch mit klaren Konturen und deutlicher Präsenz.

Klingender Kern ist natürlich das fünfstimmige Gambenconsort des Ensembles Fretwork, mit Asako Morikawa, Emily Ashton, Joanna Levine, Sam Standlen und Richard Boothby. Harmonie ist das oberste Prinzip der Fünf und wird hier wie so oft zuvor zu edelster Vollendung geführt. Intensiv verwobene Linien werden ohne jeden Druck ganz natürlich zusammengehalten, damit unterstreichend, wie sehr das Gamben- oder Violenconsort eine eigene Gattung zu sein beanspruchen kann – es gibt einfach keinen vergleichbaren Klang.

Intonatorisch ist das eine Welt von eigenem Reiz – es liegt stets ein bronzener Schimmer über der Szene; Reinheit ist nie im Sinne blankpolierter Klarheit zu verstehen, dennoch ist die Konstellation ein Inbegriff für die Möglichkeiten spezifischer intonatorischer Präzision. Präzis gefasst kontrapunktische Einsätze wirken von der ersten Note an so harmonisch artikuliert, dass der Eindruck dieser Klarheit geradezu in klanglicher Schönheit aufgeht. Die vokal geprägten Sätze fließen in ihrem regelmäßigen Bau langsam dahin; manche Fugenexposition einer Fantasy gibt sich bewegter. Gesammelt ist das Abbild der Präsentation, klar, dabei die Wärme der Besetzung aufgreifend, in angemessener Betonung der Struktur.

Sammlung und Besinnung sind die prägenden Größen dieser schönen Platte. Nicht um gefühlige Besinnlichkeit ohne Tiefe geht es Fretwork und Helen Charlston mit diesem Programm, sondern um einen echten Eindruck der elisabethanischen Advents- und Weihnachtszeit. Ein Tipp für alle, die alternatives Repertoire für diese Zeit suchen: Hier ist es zu finden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Elizabethan Christmas: Helen Charlston, Fretwork

Label:
Anzahl Medien:
signum classics
1
Medium:
EAN:

CD
635212068021


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signum classics

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