> > > Elizabethan Christmas: Helen Charlston, Fretwork
Mittwoch, 7. Dezember 2022

Elizabethan Christmas - Helen Charlston, Fretwork

Sammlung und Besinnung


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nicht um gefühlige Besinnlichkeit ohne Tiefe geht es Fretwork und Helen Charlston mit diesem Programm, sondern um einen echten Eindruck der elisabethanischen Advents- und Weihnachtszeit. Ein Tipp für alle, die alternatives Repertoire suchen.

Verschiedene Ensembles waren in ihren Weihnachtsprogrammen der letzten Jahre in mancher Epoche auf der Suche nach dem Besondern, nach den weniger ausgetretenen Pfaden. Auch das Gambenconsort Fretwork unternimmt diesen Versuch auf seiner aktuell bei Signum Classics erschienenen Platte. Unter dem Titel ‚An Elizabethan Christmas‘ ist ein schöner klingender Reflex aus der elisabethanischen Zeit zu hören, mit Musik von William Byrd, Anthony Holborne, Orlando Gibbons, Thomas Wheelkes und Martin Peerson. Ensemblemitglied Richard Boothby schreibt in seinem nicht nur musikerklärend aufschlussreichen Essay, das Advent und Weihnachten damals und heute sich elementar unterscheiden: Der Advent des Frühbarock war eine strenge Fastenzeit, eine Phase intensiver geistlicher und lebenspraktischer Vorbereitung auf das Fest der Geburt Christi, das dann in allerdings in weitaus größerer zeitlicher Ausdehnung als heute gefeiert wurde – freilich, auch wenn es damals Geschenke gegeben haben mag, ohne Konsumterror, Überdruss und Umtauschorgien ab dem 27. Dezember morgens.

Zu dieser anderen Perspektive auf den Festkreis passt auch die Musik jener Zeit: Es sind affektiv vollendet schlicht gehaltene, überraschend regelmäßig gebaute Betrachtungen des weihnachtlichen Geschehens, die da vokalsolistisch oder in kleinen Ensembles auf der Basis des Gambenconsorts expliziert werden. Daneben sind feine rein instrumentale Stücke zu hören, bald von ausgesuchter Zartheit und Transparenz, bald von fugierter Lebendigkeit. Insgesamt ergibt dieses Tableau affektiv ein Programm der Stille und der Sammlung.

Alle Qualitäten eines Gambenconsorts

Geprägt wird es vokal von der jungen Mezzosopranistin Helen Charlston, deren dunkle, in den tiefen Lagen beinahe maskulin anmutende Stimme einen direkten, linear präzisen Ton entwickelt, getragen von Wärme und einem ausgesprochenen Reichtum an Farben. Eine natürliche, sehr präsente Diktion sichert den gelegentlich ausgreifenden Monodien die nötige Griffigkeit. Auch dank dieser Qualität entgeht die Vokalistin – wenn auch nur denkbar knapp – der Gefahr der Monochromität, die über diesem Programm liegt. Dazu verhelfen ihr auch die vokalen Partnerinnen und Partner: Emma Walshe und Lucy Cox (Sopran), Amy Lyddon (Alt), Guy Cutting (Tenor), Malachy Frame (Bariton) und Edmund Saddington (Bass) stehen für die Qualitäten der ‚choral scholars‘ und ergänzen das vokale Bild vergleichbar gesammelt, dennoch mit klaren Konturen und deutlicher Präsenz.

Klingender Kern ist natürlich das fünfstimmige Gambenconsort des Ensembles Fretwork, mit Asako Morikawa, Emily Ashton, Joanna Levine, Sam Standlen und Richard Boothby. Harmonie ist das oberste Prinzip der Fünf und wird hier wie so oft zuvor zu edelster Vollendung geführt. Intensiv verwobene Linien werden ohne jeden Druck ganz natürlich zusammengehalten, damit unterstreichend, wie sehr das Gamben- oder Violenconsort eine eigene Gattung zu sein beanspruchen kann – es gibt einfach keinen vergleichbaren Klang.

Intonatorisch ist das eine Welt von eigenem Reiz – es liegt stets ein bronzener Schimmer über der Szene; Reinheit ist nie im Sinne blankpolierter Klarheit zu verstehen, dennoch ist die Konstellation ein Inbegriff für die Möglichkeiten spezifischer intonatorischer Präzision. Präzis gefasst kontrapunktische Einsätze wirken von der ersten Note an so harmonisch artikuliert, dass der Eindruck dieser Klarheit geradezu in klanglicher Schönheit aufgeht. Die vokal geprägten Sätze fließen in ihrem regelmäßigen Bau langsam dahin; manche Fugenexposition einer Fantasy gibt sich bewegter. Gesammelt ist das Abbild der Präsentation, klar, dabei die Wärme der Besetzung aufgreifend, in angemessener Betonung der Struktur.

Sammlung und Besinnung sind die prägenden Größen dieser schönen Platte. Nicht um gefühlige Besinnlichkeit ohne Tiefe geht es Fretwork und Helen Charlston mit diesem Programm, sondern um einen echten Eindruck der elisabethanischen Advents- und Weihnachtszeit. Ein Tipp für alle, die alternatives Repertoire für diese Zeit suchen: Hier ist es zu finden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Elizabethan Christmas: Helen Charlston, Fretwork

Label:
Anzahl Medien:
signum classics
1
Medium:
EAN:

CD
635212068021


Cover vergössern

signum classics

Signum Records is fuelled by the passion to produce great music recorded with integrity and creativity at the highest level.

Signum is a privately-owned and steadily-growing record label that benefits from the commitment and services of its sister company, Floating Earth, the leading production and engineering specialist service provider in Europe.

Having started the label in 1997 Signum now boasts a catalogue of nearly 150 titles and many of which are award winners, nominees or five star review recipients from around the world.

The small Signum team strives to provide a first class service at all times with clients, artists, suppliers and colleagues. Signum works with new and emerging artists and composers through to established artists, making available much-loved areas of repertoire as well as previously unheard, innovative recordings.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag signum classics:

  • Zur Kritik... Erhebend: Die neue CD des Choir of St. John's College Cambridge bietet britische Kathedralchorkunst vom Feinsten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Liebesgrüße aus Windsor: The Queen's Six können es im leichten und populären Repertoire: Eine feine Platte, frische Arrangements – ein schöner Streifzug. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Supersize: Das Armonico Consort und der Choir of Gonville & Caius College markieren mit den vierzig- bis sechzigstimmigen Werken von Alessandro Striggio und Thomas Tallis einen im engeren Wortsinn merkwürdigen Punkt der musikalischen Spätrenaissance. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von signum classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Forsch und erfrischt: Eine frische, zupackende Telemann-Lesart durch das polnische Altberg Ensemble und seinen Leiter Peter Van Heyghen. Das Programm zeigt einen schönen Ausschnitt der stilistischen Elastizität und Wendigkeit des Komponisten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Flötentöne: Telemann und die Blockflöte – eine besondere Beziehung, hier von Dan Laurin und seinen Mitstreitern so hochklassig und affektiv frisch vorgestellt, wie man es sich nur wünschen kann. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Mit Tastenglanz: Die beiden Bach-Kantaten der 40. Folge der Gesamteinspielung durch Rudolf Lutz und seine St. Gallener Kräfte sind glücklich mit tastenvirtuoser Geste verknüpft: Sehr gelungen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Authentischer Grenzgänger: Alois Mühlbacher überrascht – wieder einmal – mit für ihn ungewöhnlichem Repertoire. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Forsch und erfrischt: Eine frische, zupackende Telemann-Lesart durch das polnische Altberg Ensemble und seinen Leiter Peter Van Heyghen. Das Programm zeigt einen schönen Ausschnitt der stilistischen Elastizität und Wendigkeit des Komponisten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Detailverliebt: Alina Ibragimovas Einspielung der Capricci op. 1 von Paganini zeichnet sich nicht durch die Herausarbeitung des großen Bogens aus. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2022) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Wolfgang Amadeus Mozart: Sonata in D major KV 381 - Allegro molto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich