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Samstag, 4. Februar 2023

Northern Lights - Christopher Herrick, Orgel

Orgelporträt aus Trondheim


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christopher Herrick bindet einen bunten, keineswegs nur nordischen Strauß.

Im Mai 2022 vollendete Christopher Herrick sein 80. Lebensjahr. Nach Organistenposten an St Paul’s Cathedral und Westminster Abbey in London startete Herrick 1984 seine Karriere als Konzertorganist, die von Anbeginn umfänglich durch das englische Label Hyperion dokumentiert wurde. Neben Gesamteinspielungen der Orgelmusik u.a. von Buxtehude und Bach sind auch Sammelalben (Organ Fireworks, Organ Dreams) wichtiger Teil seiner Diskografie. Unter ‚Nordlichter‘ verbirgt sich nicht etwa ein Konzeptalbum skandinavischer Orgelmusik, sondern vielmehr das Porträt der Orgel des Nidarosdoms in Trondheim. Das Steinmeyer-Instrument von 1930 wurde 2012-14 durch den Orgelbau Kuhn restauriert (2014 erschien auf Lawo ein Sammelprogramm des Hausorganisten Magne H. Draagen). Herrick fühlt sich seit 1980 der skandinavischen Orgelszene verbunden, und die Rückkehr nach Norwegen im ersten Corona-Sommer 2020 verknüpfte, so berichtet Herrick in einer Bookletnotiz, verschiedene Stränge der Vergangenheit.

Herrick war nie ein Organist, der sich den avantgardistischsten Trends der Musikgeschichte besonders verbunden fühlte – diatonische Tonalität ist für ihn zentraler als die kompositorischen Entwicklungen der vergangenen hundert Jahre. Wenn also neuere Kompositionen auf seinen Programmen aufscheinen, so kann man damit rechnen, dass man nicht durch harmonische, rhythmische oder Registereffekte in starkem Maße ‚schockiert‘ wird. Mons Leidvin Takles ‚Yes!‘ (2015) ist ein konventionell-unterhaltsames Leichtgewicht, das die Möglichkeiten der großen Orgel und des weiträumigen Raumes in schöner Weise hörbar macht. Sverre Eftestøls Bryllaupsmarsj (Hochzeitsmarsch, 1982/1988) ist dem Anlass gemäße ‚Wohlfühlmusik’ ohne sonderlichen Tiefgang. Anders S. Börjessons Toccata (2015) bietet immerhin changierende Tonalität und entspricht vom rhythmischen Anspruch jener Musik, die in den 1980er- oder 1990er-Jahren beliebt war; sie endet mit einem Aufgriff des Chorals ‚Loben den Herren, den mächtigen König der Ehren‘, ähnlich wie dies schon vor hundert Jahren schon Reger und andere vorgemacht haben. Aus Christian Praestholms reichhaltigem Fundus von mehr als 300 Orgelchorälen bietet Herrick drei ganz unterschiedliche Ausformungen, die die Tradition des späten 19. Jahrhunderts bis ins Jazzige fortführen.

Gut gemacht

Auch Iain Farringtons ‚Amazing grace‘ aus der Sammlung ‚Lay my burden down’ (2017) greift Jazzharmonien auf. Und die Toccata giocosa (2008) des Leverkuseners Hans-André Stamm passt stilistisch zu diesen jüngeren Werken – charmant ohne allzu großen ästhetischen Anspruch, handwerklich gut gemacht und für einen musikalisch nicht hochanspruchsvollen Gottesdienst geeignet.

Der Rest des Programms stammt aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Die Zweite Konzertstudie ‚Flying Feet‘ (1915) des Amerikaners Pietro Yon ist eine Tour de force für die Pedalvirtuosität jedes Organisten. Ebenfalls 1915 entstanden ‚Fountain reverie‘ und Festival Toccata des Engländers Percy Eastman Fletcher, des Musikdirektors des Savoy Theatre und des Drury Lane Theatre in London. 1893 war Théodore Dubois‘ ‚Fiat lux‘ erschienen, eine effektvolle Schöpfung ganz im Stil der Tradition der französischen Orgelromantik. Demselben Stil gehört Eugène Gigouts Toccata h-Moll (1892) an, eine ‚kleine Schwester‘ der großen Toccaten der Orgelsinfonien der damaligen Zeit. Fast wie eine Etüde klingt in dieser Gesellschaft Johannes Brahms’ Präludium und Fuge g-Moll WoO 10 (1857), auch weil Herrick die stilistische Pointiertheit Brahms‘ nicht so gut gelingt wie jene der effektvolleren Stücke dieses Programms.

Wer sich für die Orgel des Nidarosdoms interessiert, wer die beeindruckende Raumakustik in sehr guter Aufnahmetechnik hören möchte, der ist hier richtig. Wer ein nicht nur spieltechnisch, sondern auch ästhetisch anspruchsvolles Programm hören möchte, ist mit der vorliegenden Einspielung nicht optimal bedient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Northern Lights: Christopher Herrick, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571283760


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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