> > > Eckart Runge & Jacques Ammon: Cello Cinema
Donnerstag, 18. Juli 2019

Eckart Runge & Jacques Ammon - Cello Cinema

Normans Messer schneiden wieder


Label/Verlag: ARS MUSICI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musik im Grenzbereich der Kunstformen. Für Eckart Runge, bekannt als Cellist des Artemis Quartetts, ist es eine Selbstverständlichkeit, innerhalb seiner Idee ?CelloProject? die Demarkationslinien musikalischer Präsentation weiter zu fassen, ohne dabei halbherzige Crossover-Zwitter zu gebären. Der Erfolg beim Konzertpublikum gibt ihm recht. Gemeinsam mit Jacques Ammon, seinem künstlerischen Partner am Klavier, hat Runge nun die neueste CD ihrer Zusammenarbeit vorgelegt: mit ?Cello Cinema? führen Runge/Ammon Filmmusik zu ihren kammermusikalischen Wurzeln zurück.

Schnell wird einem beim Hören dieser Scheibe die eine oder andere Träne der Wehmut über die Wange laufen, denn die Zeiten handwerklich sauber produzierter und eigenständig agierender Filmmusik scheinen vorbei zu sein. Nino Rota, Dimitri Schostakowitsch, Bernhard Herrmann und Ennio Morricone haben Kinomusik mit Substanz geschaffen. Nur, wo Substanz vorhanden ist, kann Essenzielles herausgefiltert und kammermusikalisch auf den Punkt gebracht werden. Bernhard Herrmann war Tonkünstler, ein Hans Zimmer ist lediglich Komponist ? ein ?Zusammensetzer? von Tonika-Dominante-Tonika-Versatzstücken, der in seiner Sound-Sample-Fabrik noch immer nach Inspiration sucht.
Runges und Ammons Programmauswahl ist eine runde, klug durchdachte Sache: hier erklingt nur, was Individualität besitzt. Allein dafür sei den beiden herzlichst gedankt. Es sind nämlich nicht die ?Standards? der Filmmusik, die hier präsentiert werden, sondern zu einem großen Teil doch wieder Stücke aus dem ?klassischen? Repertoire, die Verwendung in einem Film fanden, wie zum Beispiel Alfredo Catalanis ?La Wally? in ?Diva? von 1981 oder Leos Janaceks ?Allegro? aus ?Pohadka? in ?Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins?. Aber auch die für den Film komponierten Original-Stücke von Rota (?8 ½?), Schostakowitsch (?Der Gegenplan?, ?Hamlet? und ?Die Hornisse?), Herrmann (?Psycho?) Morricone (?Cinema Paradiso?) und Chaplin (?Modern Times? und ?A King in New York?) gehören nicht unbedingt zu dem Repertoire, was sich klanggefällig gibt und sich ohne weiteres bequem für Cello und Klavier arrangieren lassen würde.
Doch die Arrangements von Runge und Ammon erweisen sich als phänomenale Demonstrationsobjekte dessen, was an klanglichen Möglichkeiten mittels Cello und Klavier erreicht werden kann. Wer die Orchesterfassungen der Originale kennt, wird hier nichts vermissen. Runge und Ammon ersetzen teilweise ein ganzes Orchester und dennoch ist die Klangerfahrung so intensiv, die musikalische Textur so exzellent konserviert, dann wieder schlägt die Stimmung um zu diskret kammermusikalischer Intimität. Runges Cello wird zum mit Saiten bespannten hölzernen Zauberkasten und zum Gradmesser physischer Befindlichkeit: Norman Bates? Edelstahl-Messer schneiden schärfer als es Bernhard Herrmann je zu komponieren vermochte und in das herzhafte Lachen über Chaplin mischt sich die Melancholie glücklicher Tage. Aus dem Zauberkasten dringt ein Wimmern, ein Schluchzen, Jauchzen, dann wieder kreischt eine Polizeisirene los. Runge bleibt mit seinem Spiel am Puls der Kompositionen, während Ammon mehr als kongenialer Begleiter ist. Akzente schaffen, Gegenpole setzen zur filigranen Hand-Arbeit Runges, dies ist das Bestechende an Ammons Klavierspiel.

Das Klangbild der CD ist rund und volumenreich. Schon beim Aufklappen des Booklets sitzt man mitten drin im Kinosaal. Die Vorstellung kann beginnen. Schade nur, dass die Dauer der CD nicht abendfüllend ist. Da hätten noch mehr als zehn Minuten draufgepackt werden können. Vielleicht aber gibt es ja bald ?Cello Cinema II?.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Eckart Runge & Jacques Ammon: Cello Cinema

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Veröffentlichung:
ARS MUSICI
1
66:05
2003
Medium:
BestellNr.:

CD
AM 1370-2


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Catalani, Alfredo
Chaplin, Charlie
Gardel, Carlos
Herrmann, Bernard
Janácek, Leos
Morricone, Ennio
Piazzolla, Astor
Rota, Nino
Schostakowitsch, Dimitri


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ARS MUSICI

Wenn man es genau nimmt, reichen die Wurzeln des Labels ARS MUSICI bis in die 1950er Jahre zurück. Damals gründete Rudolf Ruby in Freiburg i.Br. die Schallplattenfirma deutsche harmonia mundi, die Pionierleistungen mit inzwischen legendären Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik in Sachen Historische Aufführungspraxis vollbrachte. Nach dem Verkauf des Labels und Katalogs an die BMG setzte man seit 1994 in der Schwarzwald-Metropole die Arbeit unter dem neuen Firmennamen Freiburger Musik Forum GmbH fort. Das Label ARS MUSICI wurde ins Leben gerufen, und das Themen-Spektrum der Produktionen erweiterte sich von Musik des Mittelalters bis hin zu aktuellster zeitgenössischer Musik.
Schwerpunkte liegen seitdem in den Bereichen der vokalen Ensemblemusik (Solisten, vokalsolistische Ensembles, Chöre) sowie instrumentaler Musik (insbesondere Tasteninstrumente und Kammermusik). Seit dem nunmehr über 10-jährigen Bestehen des Labels erschienen zahlreiche Neuveröffentlichungen, die national wie international eine breite und positive Resonanz in der Fachwelt sowie bei Presse und Kritik fanden und von denen etliche mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden. Den Katalog zieren heute Namen wie Michael Korstick, Robert Hill, Lorenzo Ghielmi, Tabea Zimmermann, Henrik Wiese, Klavierduo Stenzl, Trio Jean Paul, Artemis Quartett, Ensemble Modern, Ensemble Aventure, Singer Pur, Dufay Ensemble, Augsburger Domsingknaben, Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger ... ? um nur einige wenige zu nennen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Freiburger Musik Forums liegt in der Publikation von Tonträgern mit ausgezeichneten Interpreten der jungen Generation. So verbindet die Firma eine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat. Mit der CD-Reihe PRIMAVERA hat das Freiburger Musik Forum im Auftrag des DMR seit ca. 25 Jahren zahlreichen Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs ihre erste Chance gegeben, sich der Öffentlichkeit mit einer eigenen CD vorzustellen.
Mit dem Theodor-Egel-Saal in Freiburg Ebnet bietet die Firma einen idealen Raum für Tonträger-Aufnahmen ? in Zusammenarbeit mit erfahrenen Tonmeistern und einer rundherum sehr guten Betreuung der Künstler, die hier aufnehmen.


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