> > > Werke von Camille Saint-Saens: Thierry Escaich, Orchestre Royal de Liège, Jean-Jacques Kantorow
Sonntag, 5. Dezember 2021

Werke von Camille Saint-Saens - Thierry Escaich, Orchestre Royal de Liège, Jean-Jacques Kantorow

Auf der Suche nach der rechten Orgel


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jean-Jacques Kantorows Saint-Saëns-Edition mit einem weiteren fulminanten Höhepunkt.

1856 entstand Camille Saint-Saëns‘ letzte ‚normale‘ Sinfonie – ein umfangreiches viersätziges Werk, das angeblich den Ruhm der ewigen Stadt besingt. Ein Programm ist nicht überliefert, und schon kurz nach der Uraufführung 1857 wandte sich der junge Komponist nicht nur von der ganzen Gattung ab, sondern nahm die Sinfonie, ein Werk, das er für einen Kompositionswettbewerb der Société Sainte-Cécile in Bordeaux eingereicht hatte, auch nicht in seinen Werkkatalog auf; eine Veröffentlichung erfolgte erst 1984, mehr als 60 Jahre nach Saint-Saëns‘ Tod.

Dass Saint-Saëns die sinfonische Form beherrschte, hatten schon die beiden früheren Gattungsbeiträge bewiesen, die er mit Opuszahlen versehen hatte. Die große Differenziertheit und Frische, mit der die Sinfonie F-Dur mit dem durchaus nicht hilfreichen Titel 'Urbs Roma' hier dargeboten wird, erweist manchem Zeitgenossen gewollt oder unbewusst die Reverenz. Mendelssohn Bartholdy springt unmittelbar dem Hörer ins Ohr, doch bieten auch Gounod oder Berlioz, Gouvy oder Liszt, Schumann oder Massenet einen naheliegenden Rahmen, hinter deren Folie man das Werk des damals 20-Jährigen hören kann. Die Querverbindungen, die in dieser ungemein frischen, geradezu exuberanten Neueinspielung des Orchestre Philharmonique Royal de Liège zutage treten, und unsere (etwas) größere Kenntnis des auch unkanonischen Repertoires der damaligen Zeit tun ihr Übriges, um die Komposition gänzlich neu zu verorten. Gerade durch die höchst transparente Durchdringung der Orchestertexturen treten Ebenen zutage, die bislang zumeist verdeckt oder unklar waren.

Gefolgt wird das selten zu hörende Jugendwerk von jener Komposition, mit dem Saint-Saëns 1886 im Grunde die Gattung der Orchestersinfonie sprengte. Dreißig Jahre nach 'Urbs Roma' entstanden, hängt der Sinfonie c-Moll op. 78 der etwas irreführende Beititel ‚Orgelsinfonie‘ an, obschon die differenzierte Orchesterbehandlung einen Wert in sich darstellt; neben der Orgel ist etwa auch ein obligates Klavier gefordert. Die Nähe zu den Orchesterwerken Franz Liszts (der kaum mehr als zwei Monate nach der Uraufführung des Werks starb) hilft bei der Einordnung der Komposition, die dennoch ein Solitär im großen Meer spannender Sinfoniekompositionen bleibt. Die vier Sätze sind komplex miteinander verbunden, so dass auf CD nicht selten eine Unterteilung auf drei oder sogar nur zwei Tracks erfolgt.

Obligater Teil des Orchesters

Spätestens seit der ersten historisch informierten Einspielung des Werks 2010 durch Les Siècles unter François-Xavier Roth ist der besondere Wert der Orchestrierung der Komposition, der bis zu Fauré und Ravel reicht, hinreichend bekannt auch jenseits der Orgel, deren Einsatz mit größter Delikatesse zu erfolgen hat. Es handelt sich eben nicht um ein verkapptes Orgelkonzert, sondern die Orgel ist obligater Teil des Orchesters – und dies spiegelt nicht zuletzt eine Entwicklung der Konzertsäle der damaligen Zeit, die nicht nur größer wurden, sondern auch über eine Orgel verfügten. Der Aufnahmeort der vorliegenden Produktion ergab ganz selbstverständlich auch eine überraschend historisch passende Orgel – die Schyven–Orgel in der Salle Philharmonique in Liège wurde 1890 durch Charles-Marie Widor eingeweiht und verfügt besonders über jene feinen Flöten- und Streicherregister, die sich an vielen Stellen ganz organisch in den Orchesterklang einordnen. Eine umfangreiche Restaurierung von 1997 bis 2005 ermöglicht heute ein Wiederhören mit der originalen Klangästhetik.

Jean-Jacques Kantorow strukturiert das Werk in großer architektonischer Klarheit (unverständlich, warum der Beginn des langsamen Satzes nicht durch einen eigenen Trackanfang markiert wird). Der BIS-SACD-Klang ist im besten Sinne reich, dabei immer transparent und gut gestaffelt. Der Streicherklang ist warm und gut ausgewogen, die Bläser sind von großer Exaktheit und offenkundiger großer Spielroutine – eine echte Ensembleleistung unter einem inspirierenden Dirigenten. Auch der Organist Thierry Escaich versteht sich auch als Teil eines größeren Ganzen, so dass alle Facetten der Komposition in dieser vorbildlichen Interpretation ganz natürlich und organisch ineinandergreifen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Werke von Camille Saint-Saens: Thierry Escaich, Orchestre Royal de Liège, Jean-Jacques Kantorow

Label:
Anzahl Medien:
BIS Records
1
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599924700


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Saint-Saens, Camille


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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