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Samstag, 21. Mai 2022

Remembering - Jakob Kullberg, BBC Philharmonic, Sinfonie Varsovia

Cellistische Erinnerungen


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Drei zeitgenössische Werke für Violoncello und Orchester (von Nørgård und Saariaho) werden von Jakob Kullberg erstklassig präsentiert.

Benötigt eine CD unbedingt einen Titel? Einige Labels verzichten konsequent darauf und schreiben Komponist(en) und Werk(e) auf das Cover – fertig. Andere Labels suchen für jede Veröffentlichung, auch wenn sie Stücke von verschiedenen Komponisten enthält, fast schon zwanghaft einen Titel, mit unterschiedlich sinnvollen Ergebnissen. Der Cellist Daniel Müller-Schott befindet sich dann beispielsweise auf einem 'Trip to Russia'. Sein dänischer Kollege Jakob Kullberg widmet sich auf der vorliegenden CD drei Konzerten neueren Datums, ein Titel wie etwa 'Trip to Scandinavia' wäre also immerhin denkbar gewesen. Zwei der Werke stammen nämlich vom Dänen Per Nørgård, eines von seiner finnischen Kollegin Kaija Saariaho.

Bei BIS hat man sich für den (mehr oder weniger) vielsagenden Titel 'Remembering' entschieden, was sicherlich in Bezug auf Nørgårds Komposition 'Remembering Child' verständlich ist – weniger wohl auf sein erstes Cellokonzert, das einen ganz anderen Titel hat ('Between') und auch nicht unbedingt passend zu Saariahos 'Notes on Light' aus dem Jahr 2006, einem Stück, das den Zusatz 'Konzert' explizit vermeidet. Man könnte also viel Zeit mit der detaillierten Untersuchung verbringen, wer sich jetzt genau in welchem Werk woran erinnert – oder sich einfach der Musik selbst widmen.

Nørgårds erstes Cellokonzert aus dem Jahr 1985 – dasjenige mit dem Titel 'Between' – hat die Brücke zur Tradition insofern nicht ganz gekappt, als es aus drei Sätzen besteht – die freilich mit der bewährten Dreisätzigkeit kaum noch etwas zu tun haben. Im ersten Abschnitt finden Solist und Orchester beinahe nicht zueinander, die lange Kadenz zu Beginn stellt Kullberg gleich vor eine enorme technische Herausforderung, die er bravourös meistert. Nur ganz allmählich kommt es im Lauf des Werkes zu einem Wechselspiel zwischen Solo und Orchester, in diesem Werk übrigens der BBC Philharmonic unter Michael Francis, doch der Cellist bleibt beinahe pausenlos präsent. Ein großer Vorzug des Stückes liegt in seiner meisterhaften Durchhörbarkeit - Nørgård versteht es bestens, Cello und Orchester gleichsam nebeneinander agieren zu lassen, ohne dass der Solist im Ensemble-Klang untergeht.

Luzide gespanntes Netz

Kullbergs souveräne Beherrschung des haarsträubend schwierigen Soloparts ist für sich schon höchst bemerkenswert, doch wie er es im Laufe des Werkes auch noch schafft, dabei gleichsam mit den Orchestermusikern zu verschmelzen, hat wirklich höchste Beachtung verdient. Bei aller expressiven Dramatik hat auch der Humor noch ein wenig Platz in dem Stück, etwa wenn im ersten Abschnitt gut hörbar Autohupen imitiert werden. Als Ganzes ist das exzellent interpretierte Konzert zwar keine leichte Kost für den Hörer, bietet ihm jedoch durch ein luzide gespanntes Netz direkter und indirekter Traditionsbezüge immer wieder Haltepunkte. Nørgårds Souveränität im Umgang mit ganz verschiedenen Stilmitteln findet man jedenfalls bei kaum einem anderen lebenden Komponisten.

Deutlich avantgardistischer mutet im direkten Vergleich Saariahos Stück an. Die fünf Abschnitte tragen (poetische) Titel, wobei der dritte Teil 'Awakening' mit einer Dauer von elfeinhalb Minuten die größte Ausdehnung besitzt. Komplexe klangliche Fakturen und eine hochdifferenzierte Dynamik stellen Interpreten wie Hörer vor eine beachtliche Herausforderung. Kullberg brilliert hier cellistisch wie musikalisch und hat mit John Storgårds einen mit zeitgenössischer Musik erfahrenen Dirigenten an seiner Seite. Die Musiker des BBC Philharmonic halten auch hier das hohe Niveau der Nørgård-Einspielung und profitieren zudem von einem exzellenten Klangbild – Saariahos akustische Verästelungen eines Orchesters, das kaum noch im klassischen Sinne als Begleitung verwendet wird, sondern vielmehr als vielfach verschachteltes Ensemble, wurden hervorragend abgebildet. Insgesamt ist dies – im Vergleich zu Nørgård – ein Musik der leiseren, lyrischen Töne, auch wenn vereinzelte Ausbrüche durchaus vorhanden sind, etwa im zweiten Abschnitt mit dem vollkommen zutreffenden Titel 'On fire'.

Höchst individuelle Gestaltung

'Remembering Child' schließlich ist dasjenige der drei Werke, an dem Kullberg den größten Anteil hat, denn es handelt sich um eine Bearbeitung eines ursprünglich für Viola komponierten Konzertes. Das Stück entstand 1986, also kurz nach 'Between', die Einrichtung von Kullberg stammt aus dem Jahr 2013. Deutlich kompakter als das erste Cellokonzert, verblüfft das Werk erneut durch seine extreme Virtuosität und eine klangliche Differenziertheit, die sich vor allem im Solopart niederschlägt. Es gibt auch hier vereinzelte Verknüpfungen zur Tradition, die sich schon im Titel niederschlagen (der Verweis auf Alban Bergs Violinkonzert 'Dem Andenken eines Engels' darf nicht fehlen). Eine Berg-Imitation ist das Stück aber nicht, die Bezüge dienen eher als eine Art kompositorischer Reflex, aus dem Nørgård eine höchst individuelle Gestaltung ableitet. Trotz der einwandfreien Interpretation Kullbergs und der von Szymon Bywalec geleiteten Sinfonia Varsovia hinterlässt 'Remembering Child' einen etwas schwächeren Eindruck als die beiden anderen Werke. Einige kleinere Redundanzen stören hier das Gesamtbild.

Insgesamt ist die CD aber gleich aus drei Perspektiven höchst empfehlenswert: Für alle Hörer, die ein offenes Ohr für zeitgenössische Cellokonzerte haben; für Freunde der längst international renommierten Tondichter Nørgård und Saariaho; und für Anhänger eines erstklassigen Cellospiels. Jakob Kullberg, der unbestrittene Star dieser Veröffentlichung, macht hiermit klar, dass man ihn zur ersten Riege der Interpreten zeitgenössischer Musik zählen muss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Remembering: Jakob Kullberg, BBC Philharmonic, Sinfonie Varsovia

Label:
Anzahl Medien:
BIS Records
1
Medium:
EAN:

CD
7318590026021


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Norgard, Per
Saariaho, Kaija


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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