> > > George Gagnidze: Staatskapelle Weimar, Stefan Solyom
Samstag, 25. Juni 2022

George Gagnidze - Staatskapelle Weimar, Stefan Solyom

Mächtige Stimme mit glutvollem Kern


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


George Gagnidze präsentiert mit acht Jahren Verspätung sein eindrückliches Debüt-Album mit Giuseppe Verdis großen Bariton-Partien als Kernrepertoire.

Er gehört längst zu den gefragten Stars auf den größten Opernbühnen der Welt, aber die Plattenindustrie hat ihn letztlich ignoriert: den georgischen Bariton George Gagnidze. Sein erstes Solo-Album kam nun im vergangenen Herbst beim Label Orfeo heraus – allerdings mit der unglaublichen Verspätung von acht Jahren. Die Aufnahmen entstanden bereits 2013 in Weimar, wo der Bariton eines seiner ersten Engagements in Deutschland hatte und von wo aus er seine internationale Karriere startete. Für sein Debüt-Album kehrte er also 2013 nach Weimar zurück, dann blieben die Aufnahmen allerdings liegen. Weshalb, bleibt unklar, denn die hier eingespielten Bariton-Arien von Giuseppe Verdi, Umberto Giordano, Ruggero Leoncavallo bis hin zu Richard Wagner und Wolfgang Amadeus Mozart präsentieren den stimmgewaltigen Sänger recht eindrücklich. Das ausgewählte Repertoire hält allerdings keine Trouvaillen bereit: Es sind die ewigen Dauerbrenner, die auf jeder Bariton-CD zu finden sind.

Was gleich im eröffnenden Prolog aus Leoncavallos ‚Pagliacci‘ auffällt, ist der dunkle und glutvolle Kern der mächtigen Stimme. Gagnidze fühlt sich hörbar wohl im veristischen Fach, ohne jedoch außermusikalische Mittel inflationär einzusetzen. Die Mischung überzeugt, sein Tonio jagt einem durchaus Gänsehaut über den Rücken. Die klangvolle und sichere Höhe wie beispielsweise am Ende dieses Prologs gehört zu den Dingen, die im Laufe des Albums immer wieder staunen machen. Nicht weniger gefährlich, wenngleich emotional gedeckelter und dynamisch feiner ist sein Gérard aus ‚Andrea Chénier‘. Gagnidze kennt seine Partien und erweckt selbst in den alleinstehenden Arien eine Figur zum Leben.

Überraschend anrührend

Stefan Solyom am Pult der gut aufgelegten Staatskapelle Weimar stellt sich ganz in den Dienst des Sängers. Das verursacht keine Irritation, außer bei der extrem langsamen Germont-Arie aus ‚La Traviata‘, setzt aber auch keine Glanzlichter. Eben jene Arie des Vaters Germont eröffnet den Hauptteil der nicht einmal einstündigen CD mit Arien Giuseppe Verdis, also jenes Repertoires, in dem Gagnidze bis heute weltweit unterwegs ist. Der Bariton nimmt es in ‚Di Provenza il mar il suol‘ mit der hypnotischen Ruhe Solyoms nervenstark auf und formt einen Germont, der überraschend anrührend ist. Was Gagnidze hier gelingt, kann er als Rodrigo in ‚Don Carlo‘ mit der kurzen Todesszene oder als Graf Luna in ‚Il Trovatore‘ leider nicht wiederholen. Hier fehlt ihm die lyrische Eleganz, die große Linie. Posas Tod klingt zwar ausdrucksstark, aber Gagnidzes Vibrato beginnt, außer Kontrolle zu geraten und die Phrasierung leidet.

Mit ähnlichen Einschränkungen ist sein Renato in ‚Un ballo in maschera‘ zu genießen, dessen ‚Eri tu‘ aber so voll Verzweiflung und glaubhafter Dramatik ist, dass sich Gagnidzes Kunst und Verdis Musik zu einem stimmigen Gesamtbild fügen. Während man sich bei Nabuccos ‚Dio di Giuda‘ vor lauter Pauschalität ein wenig langweilen kann, überzeugt Macbeths Schlussarie mit Verve und charaktervollem Vortrag – das dramatisch überdosierte, fast veristisch abgelieferte Rezitativ muss man sich wegdenken.

Am Ende des Albums liefert Gagnidze noch Repertoire, das seine Karriere nicht weiter verfolgen konnte. Er singt Wolframs Lied an den Abendstern aus Wagners ‚Tannhäuser‘ mit erstaunlicher guter Artikulation und berückendem Farbenspiel. Schon allein die Phrase ‚Dein sanftes Licht entsendest du der Ferne‘ lohnt den Kauf der CD. Ob es das finale ‚Finch’han dal vino‘ aus Mozarts ‚Don Giovanni‘ in dieser Zusammenstellung wirklich noch gebraucht hätte, muss jeder selbst entscheiden. Es hängt als stilistischer Fremdkörper am Ende in der Luft, zeigt aber durchaus, dass Gagnidze 2013 mit einer sauberen Intonation, guter Atemkontrolle und sicherer Technik aufwarten konnte – alles Qualitäten, die sich der Sänger bis heute im Großen und Ganzen bewahrt hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    George Gagnidze: Staatskapelle Weimar, Stefan Solyom

Label:
Anzahl Medien:
ORFEO
1
Medium:
EAN:

CD
4011790212210


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Giordano, Umberto
Leoncavallo, Ruggero
Mozart, Wolfgang Amadeus
Verdi, Giuseppe
Wagner, Richard


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
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